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Auf der Kellertreppe zur Weihnachtspredigt

Pfarrer David Keller eifert für seinen Glauben. Wenn er vor der Gemeinde steht, darf aber auch gelacht werden.

Von Jörg Stock
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Ein Neu-Erzgebirgler beim Lichteln: Pfarrer David Keller (35) fühlt sich in Altenberg gut aufgenommen. Erzgebirgischer Weihnachtsschmuck war schon in seinem Bautzener Elternhaus angesagt. In Altenberg lebt er mit seiner Frau Anna und seinem zweijährigen S
Ein Neu-Erzgebirgler beim Lichteln: Pfarrer David Keller (35) fühlt sich in Altenberg gut aufgenommen. Erzgebirgischer Weihnachtsschmuck war schon in seinem Bautzener Elternhaus angesagt. In Altenberg lebt er mit seiner Frau Anna und seinem zweijährigen S © Foto: Egbert Kamprath

In Altenberg gibt es eine Keller-Treppe, die nicht in den Keller führt. Ganz im Gegenteil: Sie führt nach oben. Keller-Treppe heißt sie nur im Scherz, und zwar deshalb, weil ihr eifrigster Benutzer David Keller ist, der Pfarrer von Altenberg. Die Holzstiege verbindet seinen Wohnungsflur direkt mit dem Kirchenraum. Und das findet der Gottesmann klasse. Er ist nahe dran an seiner Gemeinde und nahe dran an seiner Familie. Ist die Christvesper aus, sind es nur ein paar Stufen, bis es auch für den Privatmenschen Keller Weihnachten wird.

David Keller, 35 Jahre alt, aufgewachsen in der Oberlausitz, ist noch ziemlich neu in Altenberg. Im Herbst 2017 hat er die Stelle angetreten. Es ist seine erste als Gemeindepfarrer und sein zweites Weihnachten im Weihnachtsland Erzgebirge. Kellers Küche allerdings sieht aus, als ob er schon immer hier zu Hause wäre: Pyramide, Bergmann, Schwibbögen, Räuchermännchen. Das alles war schon bei ihm daheim in Bautzen unverzichtbar, erzählt er, während er eine Räucherkerze in den kleinen Petrus steckt, ein „ökumenischer Gruß“ von der katholischen Gemeinde in Zinnwald.

Blaue Stunde an der Altenberger Kirche, seit 2017 Wohn- und Arbeitsort von Pfarrer David Keller. Er betreut etwa 570 Gemeindeglieder.
Blaue Stunde an der Altenberger Kirche, seit 2017 Wohn- und Arbeitsort von Pfarrer David Keller. Er betreut etwa 570 Gemeindeglieder. © Foto: Egbert Kamprath

Ja, David Keller fühlt sich wohl in Altenberg, jetzt ganz besonders, mit dem Schnee vor der Kirchentür und dem glitzernden Raureif, den der böhmische Nebel um die Zweige der Kiefern zaubert, die vor seinem Fenster wachsen. Er könnte stundenlang in die Landschaft gucken. Mit den kleinen Dingen zufrieden sein, genießen, was man hat – das ist der Schlüssel zum Glück, findet er. „Ein Glück, dass es mich hierher verschlagen hat.“

Zu ausschweifenden Betrachtungen hat David Keller aber gerade im Advent wenig Zeit. Sein völlig zugekritzelter Wandkalender ist Zeuge. Zu den Dienstpflichten kommen die privaten Festvorbereitungen, natürlich auch der Geschenkekauf. Etwas Persönliches soll es stets sein, das zu finden gar nicht so einfach ist. Jeder hat ja irgendwie schon alles. Der Pfarrer nennt sich dennoch einen „guten Schenker“. Natürlich kann das Aussuchen stressig sein, sagt er, so wie der ganze Advent stressig ist. Dagegen hat er nichts. Ohne den Trubel im Vorhinein, so sieht er das, kann sich der Weihnachtsfrieden nicht einstellen.

Die vielleicht wichtigste Festvorbereitung von Pfarrer Keller findet aber ganz im Stillen statt, abends, am Schreibtisch seines Studierzimmers, zwischen Buchregalen und Computerschirm. Dort schreibt er an seiner Weihnachtspredigt. Sie darf etwas kürzer ausfallen als an gewöhnlichen Sonntagen. Da kommt er schon mal auf zwanzig Minuten. Am Heiligen Abend aber ist das Krippenspiel die Hauptsache. Trotzdem: Ohne Worte vom Pfarrer geht es einfach nicht. Er wird versuchen, unter zehn Minuten zu bleiben.

„Mein Privataufgang ins Heiligtum.“ Eine hölzerne Stiege bringt Pfarrer Keller vom Flur seiner Wohnung direkt in die Kirchenräume.
„Mein Privataufgang ins Heiligtum.“ Eine hölzerne Stiege bringt Pfarrer Keller vom Flur seiner Wohnung direkt in die Kirchenräume. © Foto: Egbert Kamprath

Wann ist eine Predigt eine gute Predigt? Wenn sie klar ist, aber auch unterhaltsam, sagt David Keller. Er hat sich angewöhnt, bei seinen Predigten einen Witz einzubauen. „Wenn die Leute lachen, weiß ich, dass sie mir zuhören.“ Natürlich ist das Predigt- schreiben auch Handwerk. Es gibt Strukturen, sagt der Pfarrer, die man gelernt hat. Vor allem aber muss es in der Predigt um genau die Fragen gehen, die einen selber bewegen, sagt er. „Man muss für seine Sache brennen.“

Die Arbeit an der Predigt beginnt David Keller im Idealfall etwa eine Woche vor der Christvesper. Da sucht er sich den Ausgangspunkt – eine Textstelle aus dem Neuen Testament. Keller benutzt das griechische Original. Er findet, dass sich das gehört für einen Pfarrer. Beim Übersetzen nähert er sich dem Text, notiert erste „wilde Ideen“ auf Zettel. Diese Ideen trägt er eine Weile mit sich durch den Alltag. Dann, einen Tag vor Heiligabend, gliedert er den Vortrag, formuliert die Leitgedanken und – ganz wichtig – die Beispiele.

Beispiele dafür, was Bibelworte im täglichen Leben bedeuten, findet er in den Geschichten, die ihm die Leute erzählen. Sie erzählen sie ihm bei Geburtstagen, bei Ehejubiläen oder am Sterbebett, wenn er in Festzelten unterwegs ist oder zur Mettenschicht bei den Bergleuten, wenn er beim Volkstrauertag Andacht hält oder bei der Feuerwehr ein neues Löschfahrzeug segnet. Löschfahrzeuge segnet er übrigens gern. Sie dienen ja den Menschen, sagt er. „Und damit auch Gott.“

Räuchermännchen „Petrus“ scheint ganz in die Lektüre der Heiligen Schrift vertieft.
Räuchermännchen „Petrus“ scheint ganz in die Lektüre der Heiligen Schrift vertieft. © Foto: Egbert Kamprath

Worum es diesmal in der Weihnachtspredigt geht? In David Keller rumort schon eine Weile dieser Gedanke, in welch bescheidenen Umständen Jesus zur Welt kam: Geboren in der Kleinstadt Bethlehem von einer einfachen Frau aus dem Kaff Nazareth, begrüßt von Hirten, den Ärmsten der Armen, die auf anderer Leute Vieh aufpassten. Es waren Menschen, die am Rand standen. Dieses Gefühl, am Rande zu stehen, haben viele auch heute. Selbst David Keller kennt es. Und doch, so glaubt er, ist an diesem Rand das Wichtigste überhaupt passiert. „Durch den Glauben sind wir mitgenommen, in die große Geschichte von Gott und den Menschen, über den Tod hinaus.“

Wenn der Pfarrer Heiligabend zur Predigt ansetzt, dann wird die Kirche gut gefüllt sein. Auch mit Menschen, die er sonst nie im Gottesdienst sieht. David Keller ärgert sich nicht darüber. Er findet es schön, wenn die Leute auf der Suche nach Harmonie, nach Heimeligkeit und Kontakt in die Kirche kommen. Gottes Angebot ist öffentlich, sagt er. „Ich freue mich über jeden, der das Angebot annimmt.“