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Auf der Suche nach Glück

Mehdi und Mohamed verbindet eine dicke Freundschaft – und die Geschichte ihres Neuanfangs in Bautzen nach der Flucht.

© Robert Michalk

Von Kim Mildner und Lisa Wendler

Klick, klack saust der Ball durch den Tischkicker. Mohamed schießt den Ball nach vorn, Mehdi wehrt ab. Die beiden haben sich erst in Bautzen im Steinhaus kennengelernt. Und hier fallen sie auf. Mohamed ist hochgewachsen, die Haut ist schokoladenbraun. Seinen Freund Mehdi könnte er locker unter den Arm nehmen. Seine Haut sieht aus wie Milchkaffee. Neben ihrer Freundschaft verbindet sie auch ihr Weg nach Bautzen. Die Jugendlichen sind aus ihrer Heimat geflohen.

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Mohamed kommt aus dem Bürgerkriegsland Libyen. Seit dem Sturz Gaddafis 2011 ringen in dem afrikanischen Land zahlreiche Gruppierungen um die Macht. In der Heimatstadt des einstigen Diktators, Sirte, ist seit gut einem Jahr die Hochburg der Terrormiliz Islamischer Staat. Der junge Mann ist froh, weit weg zu sein. Seit eineinhalb Jahren ist er in Deutschland. Langsam kommt er hier zur Ruhe. Am Schienbein, am Oberschenkel und an der Hüfte zeigt die Haut kreisrunde Narben von Einschusswunden. Doch nicht nur körperliche Wunden mussten heilen. Der Verlust seines Vaters und seiner zwei Brüder ist für ihn nur schwer zu verkraften.

Mutter in Libyen gestoren

Der heute 18-Jährige hat sich allein auf den Weg in ein besseres Leben gemacht. Seine Mutter ist noch in Libyen. Mit dem Schiff ging es über Italien weiter mit dem Zug durch die Schweiz nach Deutschland. Mehdi dagegen hat sich von Marokko aus auf den Weg nach Europa gemacht. Der 17- Jährige ließ seine 80-jährige Oma zurück. Seine zweimonatige Reise führte ihn zu Fuß über Algerien, die Türkei, Griechenland und Slowenien nach Deutschland. „Auf der Suche nach ein bisschen Glück habe ich mich gefreut, als ich endlich ankam“, sagt der 17-Jährige. Seit vier Monaten wohnt Mehdi im Wohnheim für unbegleitete Jugendliche in Bautzen. „Ich möchte in Deutschland bleiben“, sagt er im guten Deutsch. Die fremde Sprache bringt er sich bei. Eine Freundin aus Bautzen hilft ihm, Vokabeln und Grammatik zu pauken. Momentan versucht er sich an seinem ersten Roman auf Deutsch. In Marokko hat er die Schule bis zur neunten Klasse besucht.

Mohamed wohnt ebenfalls in einem Wohnheim in Bautzen. „Ich würde gern einen guten Schulabschluss machen und arbeiten“, sagt er. In Libyen musste er nach der sechsten Klasse die Schule abbrechen. Er träumt davon, Fliesenleger zu werden. Eigentlich gefällt es beiden in Bautzen. Zuweilen ist aber ihre Freude getrübt. „Ausländer raus“ - diesen Spruch haben die zwei Freunde schon oft gehört. Manchmal kommt es auch zu Rangeleien, einmal traf Mehdi eine Faust ins Gesicht. Nach einem Anruf kam die Polizei. „Wir wurden allein nach Hause geschickt“, sagt der Flüchtling.

Manchmal kommt das Heimweh

Trotzdem möchte der 17-Jährige nicht zurück in seine Heimat. Er glaubt, gute Chancen zu haben, in Deutschland bleiben zu können, obwohl Marokko als ein sicheres Land gilt. Minderjährige Flüchtlinge ohne Begleitung werden in Deutschland durch die Jugendhilfe betreut. Die Abschiebung ist schwer, weil Minderjährige im Rückkehrstaat an einen Erziehungsberechtigten oder eine geeignete Aufnahmeeinrichtung übergeben werden müssen.

Zuweilen packt die beiden Glückssucher das Heimweh. „Ich hatte eine schöne Kindheit in Libyen. Nach der Schule kam ich nach Hause und habe mit meinen Freunden Fußball gespielt“, sagt Mohamed. Er hält ständig Kontakt zu seiner Mutter. Wenn der Krieg vorbei ist, möchte er schnell wieder zurück. Dann wird er in Bautzen ein paar Freunde zurücklassen, bestimmt sogar das Steinhaus vermissen.

Im Bautzener Jugendzentrum sind Mohamed und Mehdi fast jeden Tag. „Es ist ein toller Platz, um Leute kennenzulernen“, sind sich die Zwei einig. Meistens spielen sie Tischkicker, manchmal drehen sie auch eine Runde Tischtennis. Einmal im Monat gehen sie zur Party ins Steinhaus – manchmal macht Mehdi auch einen Ausflug ins Kesselhauslager nach Singwitz. Sein Herz schlägt für französische Musik. Sein Freund dagegen mag lieber arabische und englische Songs. Aber jetzt gibt es erst mal wieder einen Einwurf. Klickernd saust der Ball durch den Tischkicker. Mal sehen, wer dieses Spiel gewinnt.