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Auf Fingerspitzen durch Bautzen

Ein Blindenstadtmodell ist in der Kommune der neue touristische Anziehungspunkt. Auch eine Führung zu den Berührungswürdigkeiten der Stadt gibt es für Blinde und Sehbehinderte.

© dpa

Bautzen. Berühren ist erlaubt. Kalt fühlt sich die Bronze an. Mit geschlossenen Augen ertasten die Fingerkuppen Häuserreihen, schmalen Gassen und ausladende Plätze. Auf einer leichten Erhöhung steht das größte Gebäude. Der typische Knick ist im Dach, der Turm macht es zur Kirche. Das muss der Bautzener Dom St. Petri sein. Selbst die Spree schlängelt sich am Rand des neuen Blindenstadtmodells. „Es ist fantastisch“, sagt Christian Noack. Er ist der Vater der Idee dieses besonderen Stadtplans.

Für den Bautzener ist mit seiner Einweihung Anfang September ein Traum in Erfüllung gegangen. Der Rentner erblindete mit knapp 24 Jahren durch eine Sehnerventzündung. „So kenne ich meine Stadt noch. Durch das Modell kann ich sie mir im Kopf wieder erstellen“, sagt er. Doch eben auch für die Sehenden würde mit dessen Hilfe eine neue unbekannte Perspektive entstehen. Mehr als 30 000 Euro wurden für das Projekt durch private Spenden und Fördermittel aus dem Programm „Lieblingsplätze für alle“ zusammengetragen.

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Den Auftrag erhielt Bildhauer Egberg Broerken aus dem westfälischen Welver. Sein Bronzerelief zeigt Bautzen im Maßstab 1:5000. Neben den Erläuterungen in Normal- und Blindenschrift (Braille) fällt bei seiner jüngsten Variante noch etwas auf: „Einzigartig sind die Straßennamen auf Sorbisch“, sagt Noack. Bautzen gilt als die „Hauptstadt“ der Sorben. Für Besucher der Lausitz ist die Heimat einer nationalen Minderheit an den häufig zweisprachigen Beschriftungen - zum Beispiel auf Wegweisern und Ortsschildern - zu erkennen. Rund 60 000 Sorben und Wenden gibt es nach offiziellen Angaben in Deutschland, von denen zwei Drittel in Sachsen leben.

Seinen Platz hat das Tastmodell auf dem Hauptmarkt direkt vor der Tourist-Information. „Es ist der neue Blickfang in der Stadt. Das Modell ist seit dem ersten Tag immer dicht umringt“, schildert Jens-Michael Bierke, Sprecher der Tourist-Information. Es ist allerdings nur eines der Angebote für Blinde und Sehbehinderte. So gibt es eine Führung durch die Stadt, bei der es um Berührungs- statt um Sehenswürdigkeiten geht. Die Stadtführer sagen dann: „Folgen Sie bitte meiner Stimme“. Bisher wurde dieses junge Format dreimal genutzt, berichtet Bierke.

Zudem findet sich neben dem Rathaus ein beschreibender Bautzen-Text in Großdruck oder in Blindenschrift. Auch Unterlagen für einen Tastrundgang können sich Gäste ausleihen. „Sie bekommen einen speziellen Stadtplan mit eingezeichneten Tastpunkten, sehende Begleitpersonen können dazu die zugehörigen Geschichten vorlesen. Auch das Tastmodell ist dabei eingebunden“, erklärt Bierke. Im Flyer „Bautzen barrierefrei“ würden sich außerdem ein rollstuhltauglicher Rundgang oder Kontakte für einen Leihrollstuhl finden.

Zu finden ist das Bautzener Blinden-Stadtmodell auch in der Broschüre „Sachsen barrierefrei“. Die Tourismusmarketing Gesellschaft Sachsen (TMGS) arbeitet derzeit an deren Neuauflage für Dezember. Wie sie mitteilt, werden sich zum Thema „Barrierefreiheit“ darin 86 Unterkünfte vom Hotel bis zum Campingplatz sowie 410 Kultur- und Freizeiteinrichtungen finden. Die Broschüre soll es auch im Audio-Format für sehbehinderte und blinde Gäste geben.

Mit solchen Angeboten reagiert die Gesellschaft auf einen sachsen-spezifischen Trend. „Aufgrund des demographischen Wandels reisen gerade Senioren zunehmend bis ins sehr hohe Alter. Im Vergleich zum bundesweiten Durchschnitt verbringen dabei überdurchschnittlich viele Gäste ihren Urlaub in Sachsen. Zwei Fünftel der Reisenden sind älter als 60 Jahre“, sagt Antje Rennack, Projektkoordinatorin „Sachsen Barrierefrei“ bei der TMGS. Mit zunehmendem Alter sei eine Zunahme von Menschen mit Mobilitäts- sowie Sinnesbeeinträchtigung erkennbar. Die Reiseintensität bei Menschen mit Behinderung sei im Vergleich zur allgemeinen Bevölkerung allerdings geringer.

Deshalb wird die Tourist-Information auch weiter mit dem Blinden und Sehbehinderten-Verband Sachsen zusammenarbeiten. „Auf dessen Einladung sind immer sehbehinderte Gäste in der Stadt, die dann sicher gern auf unsere Angebote zurückgreifen“, sagt Bierke. Und selbstverständlich heißt es dann auch beim Blinden-Stadtmodell auf dem Hauptmarkt: Berühren ist ausdrücklich erlaubt. (dpa)