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Auf Karrierekurs beim Herrn Kaleu

Als Bundeswehrsoldat hat Stephan Thamm die halbe Welt gesehen. Jetzt sucht er auch in Meißen Truppen-Nachwuchs.

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© Kristin Richter

Von Jörg Stock

Meißen. Der erste Termin war ein Reinfall. Über eine Stunde hat Stephan Thamm auf den Bewerber gewartet. Die fadenscheinige Ausrede: Bus verpasst. Herr Thamm hat das geahnt. Der junge Mann war schon als Malerlehrling dauernd zu spät gekommen und gleich in der ersten Woche rausgeflogen. Mit so einer Einstellung wird er auch beim Bund kaum landen, sagt Thamm. „Die Armee ist nicht die Erziehungsanstalt der Nation.“ Die Bundeswehr sucht Nachwuchs. Jedes Jahr muss die Truppe rund 13 000 Zeitsoldaten gewinnen, zudem etwa fünftausend freiwillige Wehrdienstleister. Aus den Landkreisen Meißen und Sächsische Schweiz-Osterzgebirge sowie aus Dresden werden jährlich knapp fünfhundert Soldaten rekrutiert. Verantwortlich dafür ist vor allem Stephan Thamm, Chef des Dresdner Karrierebüros der Bundeswehr.

Thamm, 33 Jahre, zierliche Statur, trägt meist ein blütenweißes Hemd mit goldbetressten Schulterstücken. Er ist Offizier der Marine, Kapitänleutnant, Kaleu, wie man landläufig sagt. Kaleu Thamm ist in Dohna geboren und in Heidenau und Pirna aufgewachsen. Wie stand es um seine Disziplin als Schüler? Der Kaleu feixt und erzählt von seinen Streichen, die ihm mehrere Verweise einbrachten. „Ich war ein echter Rüpel.“ Was ihm, dem Scheidungskind, fehlte, sagt er, war eine harte Hand. Die Armee hat ihn gelehrt, Verantwortung zu tragen.

Seit 15 Jahren ist Thamm schon Soldat. Als Seemann, unter anderem auf dem Segler Gorch Fock, hat er so ziemlich alles gesehen zwischen Nordnorwegen und Nordafrika und einen guten Batzen Menschenkenntnis angesammelt. Bei den Bewerbern, die vor ihm sitzen, fällt ihm vor allem ein Defizit an sozialen Kompetenzen auf. Er vermisst Teamgeist, Fairness, Verantwortungsbewusstsein und Verständnis für den Sinn des Soldatenberufs. Nicht wenige suchten beim Bund die gut bezahlte Ausbildung oder den sicheren Studienplatz. „Dabei vergessen sie, dass sie das hier tragen“, sagt Thamm und zupft sich an seinem weißen Diensthemd. Ihm gegenüber sitzt inzwischen Danilo. Er wird 17 sein, wenn er die Schule fertig hat, und Anfang 20, wenn er als Teamführer im Truppendienst mit seinen Befehlen zehn bis 15 Leute führt. Als Feldwebel geht es einem so ähnlich, wie einem Fußballtrainer, sagt Thamm. Man trifft Entscheidungen, die bei der Mannschaft nicht immer Beifall auslösen. „Ein bisschen Charisma kann da nicht schaden.“

Danilo braucht also Führungsqualitäten. Der Offizier lässt durchblicken, dass eine abgeschlossene Lehre für die Feldwebellaufbahn im Truppendienst von Vorteil wäre. Da hat man Lebenserfahrung gesammelt, Prüfungen bestanden, gelernt, in Hierarchien zu arbeiten, sagt Thamm. Danilo in eine Richtung drängen will er aber nicht. „Entscheiden müssen Sie“, sagt er.

Claudia, die Mutter, traut Danilo zu, dass er sich durchbeißt. Er kümmert sich schon um viele Dinge selbst, sagt sie. „Er ist kein Muttersöhnchen.“ Und wie steht es mit dem Berufsrisiko? Thamm hat davon gesprochen, dass die Längerdienenden auch ins Ausland müssen und dass es nicht ausgeschlossen ist, im Einsatz verletzt oder getötet zu werden. Was, wenn Danilo unter Beschuss gerät? „Das will man sich als Mutter gar nicht vorstellen“, sagt Claudia. Andererseits ist sie ein Mensch, der nicht gleich vom Schlimmsten ausgeht.

Kein Werben fürs Sterben! Protest dieser Art hat Kaleu Thamm mehrfach bei seiner Arbeit aushalten müssen, einmal sogar, vor einer Brandenburger Berufsschule, unter Polizeischutz. Sicher, die Truppe geht nicht mit den Gefahren hausieren. Das täten Polizei oder Feuerwehr genauso wenig, sagt Thamm. Im Beratungsgespräch aber kehrt er die Themen Tod und Verwundung nicht unter den Teppich. Spricht er vor Schulklassen, zeigt er auch das Foto eines zerstörten Patrouillenfahrzeugs, das 2008 in Afghanistan von einem Sprengsatz der Taliban getroffen wurde. Ein deutscher Soldat starb bei dem Anschlag. Danilo hat sich entschieden. Er will die Uniform anziehen und Zeitsoldat werden. Den Bewerbungsbogen packt er gleich ein. Die Tage, an denen Stephan Thamm seine schicke Seemannskluft trägt, gehen indes zur Neige. Er hat bald ausgedient. Dann will er sein Glück in der freien Wirtschaft versuchen.