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Auf Müllrunde in Zittau

Matthias Freiberg, Philipp Priever und ihr SDG-Team befreien die Innenstadt vom Dreck. Auch von Hundehaufen.

© Matthias Weber

Von Thomas Mielke

Zittau. Matthias Freiberg und Philipp Priever haben es schon geahnt: Hinter der Bank am Toilettenhäuschen in den Grünanlagen des Rings, an der Ecke Dr.-Brinitzer-/Innere Oybiner Straße sieht es aus, als hätte dort monatelang niemand den Müll weggemacht. Zwölf kleine Weinflaschen liegen am gestrigen Freitag im Gebüsch, dazu Dutzende Kippen, mehrere Zigarettenschachteln und diverser anderer Müll. Dabei waren die beiden Männer von der Städtischen Dienstleistungsgesellschaft – kurz SDG – erst am Mittwoch an der Stelle und haben sie sauber hinterlassen. Vorarbeiter Freiberg sagt zu seinem Kollegen, dass sie später mit ihrem Kleinlaster noch mal herkommen und gründlich aufräumen. „Das kannste ja nicht erschleppen“, sagt Priever entschuldigend mit Blick auf den Müllberg. Wenn die beiden Männer ihn gleich abtragen würden, wäre ihr Müllsack sofort voll. Schon ohne solche speziellen Dreckecken bekommen sie pro Schicht jeder mindestens einen voll.

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Dreimal in der Woche, Montag, Mittwoch und Freitag, sind Freiberg und Priever oder zwei andere Mitarbeiter dieses SDG-Teams innerhalb des Rings auf „Müllrunde“, wie sie selber sagen. In ihrer grün- und orangefarbenen Arbeitskleidung mit dem SDG-Logo auf dem Rücken laufen sie mit einem Greifer und einem blauen Müllsack bewaffnet über den Markt, die Neustadt, den Rathausplatz und die angrenzenden Straßen bis zu den Grünanlagen des Rings. 6.45 Uhr geht es los, in der dunklen Jahreszeit später. Bei Wind und Wetter.

Drei Stunden haben sie Zeit für die Runde. Fast im Laufschritt, immer mit dem Blick auf die Straßen, Plätze, Schnittgerinne und städtische Fußwege greifen sie geschickt und blitzschnell Parkzettel, Taschentücher, Zigarettenschachteln, Flaschendeckel und Ähnliches auf. Aber auch Windeln, gefüllte Hundekotbeutel und Frauen-Schlüpfer – wie erst Montag am Stadtbad – gehören dazu. Einzelne Zigarettenstummel sind seltener dabei. „Jede Kippe aufheben geht nicht“, sagt Freiberg. Für diese Masse fehlt den SDG-Leuten einfach die Zeit. Das knappe Budget, das die Gesellschaft von der Stadt bekommt, haben die beiden ständig im Hinterkopf. Mehrfach hat der Geldgeber in den letzten Jahren die Ausgaben für die Stadtreinigung nachgebessert – immer nach unten. Freiberg erzählt, dass in seinem Team mal zwölf Leute gearbeitet haben. Jetzt sind es noch neun. Das hat aber nicht nur mit den Einsparungen zu tun, sondern auch mit der Optimierung von Arbeitsprozessen, sagen Freiberg und Norbert Faßbender, seit 1. September Leiter der SDG-Abteilung Grünflächen/Bauhof. In diesem Jahr ist die Situation besonders brenzlig. Weil die Winter in den vergangenen Jahren sehr mild waren, hat die Stadt die Ausgaben für den teuren Winterdienst gekürzt. In der vergangenen Saison war es aber lange kalt und nun fressen die Winter-Kosten das Budget für die anderen Jahreszeiten, für das Rasenmähen, die Stadtreinigung und das Blätterbeseitigen auf. „Eigentlich sind all die Aufgaben gar nicht zu schaffen“, sagt Freiberg leise.

Zuerst gehen der Großschönauer und sein Kollege aus Hartau durch die gute Stube der Stadt, den Markt. Während über die anderen Plätze und Straßen der Innenstadt einmal im Monat die ultramoderne SDG-Kehrmaschine, bei der sogar der Bürstendruck einstellbar ist, rollt, ist das Saubermachen auf dem Markt seit geraumer Zeit Handarbeit. Die Kehrmaschine könnte die Fugen auskratzen und die bis voriges Jahr verlegten neuen Pflastersteinen lockern. so die Befürchtung. Auch ein Versuch, der Kippen mit dem Laubbläser Herr zu werden, scheiterte nach rund einer halben Stunde an einer Beschwerde – vermutlich wegen der Lautstärke. Nun will die SDG einen akkubetriebenen Bläser ausprobieren.

An anderen stark zigarettenstummelübersäten Stellen greifen Freiberg und Priever zum Besen, kehren sie auf einer glatten Stelle zusammen, damit sie sich problemlos zusammenkehren und in den Müllsack befördern lassen. Der Besen und andere Geräte liegen auf der Pritsche des am Markt abgestellten Kleinlasters. Dazu gehört zum Beispiel auch eine Motorsense, denn für die im Schnittgerinne oder an Pollern wuchernden Pflanzen sind die Müllrunden-Männer ebenfalls zuständig. Sind sie nicht schnell genug oder übersehen etwas, kann es passieren, dass sie ganz schnell ein Foto vom Ordnungsamt geschickt bekommen.

An der Westseite des Marktes erreichen der 59- und der 28-Jährige den ersten speziellen Punkt ihrer Tour. Die Bänke unter den Bäumen am Rolandbrunnen scheinen bei Rauchern besonders beliebt zu sein. Bei unordentlichen Rauchern. „Die Papierkörbe stehen ungefähr drei Meter weg“, sagt Philipp Priever verärgert. Trotzdem verunzieren sehr viele Stummel die neue Sitzecke. Auch am Taxistand auf dem Rathausplatz, am Herkulesbrunnen auf der Neustadt und vor dem Kino gibt es häufiger solche Ansammlungen.

Auf der Tour gibt es weitere spezielle Punkte. Der Seiteneingang vom Justgässchen zum Wächterhaus in der Inneren Weberstraße ist so einer. Die SDG-Leute beobachten seit Langem, dass dort immer wieder Müll abgestellt wird. Aktuell steht dort unter anderem ein alter Fernseher. „Das ist ein Fall fürs Ordnungsamt“, sagt Matthias Freiberg und greift mit der Zange alte Verpackungen aus dem Müllberg. Viele der öffentlichen Papierkörbe haben regelmäßig „Mützen“ auf, wie die beiden SDG-ler sagen. Einige Zittauer haben die Abholzeiten ausgekundschaftet und füllen, kurz bevor das Müllauto kommt, die Behälter auf. Der Parktreff hinter der Feuerwehr und die Bänke zwischen dem Altenheim an der Inneren Weberstraße und der Inneren Oybiner Straße sind offensichtlich Party-Meilen. Dort sammeln Freiberg, Priever und die anderen Teammitglieder jedes Mal Bier-, Schnaps- und Weinflaschen ein.

„Gehst du da rüber“, fragt der Vorarbeiter in der Breite Straße seinen Kollegen. Aus den Augenwinkeln sehen sie von beiden Straßenseiten die großen Bäume am Ring, die demnächst ihre Blätter fallenlassen. Wie für das Rasenmähen der Grünanlagen im Sommer sind die beiden auch dafür zuständig. Der Leistungskatalog der Stadt sieht bis auf Ausnahmen vor, dass die SDG insgesamt zwei Blätterrunden pro Jahr bezahlt bekommt. Danach muss theoretisch alles Laub rund um den Ring verschwunden sein. Angesichts dieser Vorgaben wundert sich Freiberg nicht, dass es genau wie beim Rasenmähen regelmäßig Beschwerden aus der Bevölkerung hagelt.

Er und Priever selber würden sich dagegen am liebsten beim Ordnungsamt über die Zittauer Hundebesitzer beschweren. Daran, dass sie die Haufen – sofern das mit dem Greifer geht – auf den Gehwegen wegmachen müssen, haben sie sich schon fast gewöhnt. Dass sie beim Rasenmähen immer wieder in Kot treten, der im hohen Gras unsichtbar ist, ist unschön. Aber was mit den SDG-Leuten und so einem Haufen passiert, wenn ihn die Motorsense trifft, ist wirklich eklig.