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Auf Nimmerwiedersehen

Der Chef drängte: Wie sich Ilona Mundlos von ihrem Sohn Uwe verabschiedete, der später zehn Menschen getötet haben soll.

© BKA

Von Eike Kellermann, München

München. Ilona Mundlos ist die letzte Zeugin aus dem engsten Familienkreis der mutmaßlichen NSU-Terroristen. Ihr Mann Siegfried hat am Münchner Oberlandesgericht bereits ausgesagt, auch die Eltern von Uwe Böhnhardt. Gestern war die 63-Jährige dran. Eine schlanke, recht große, blonde Frau, die jünger wirkt.

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Die Frührentnerin antwortet bereitwillig auf die Fragen. Demnach hat sie nicht viel davon mitbekommen, wie ihr Sohn immer tiefer in die rechtsextreme Szene in Jena geriet. Ob sie je Waffen bei Uwe gesehen habe, fragt der Vorsitzende Richter Manfred Götzl. „Nein, nie.“ Und bei dessen Kumpel Uwe Böhnhardt? Den kenne sie nur mit Handy in der Hand. Nazi-Flaggen, rechte Musik, Demos? Auch davon habe sie nichts bemerkt.

Wenn die Mutter tatsächlich etwas mitbekam, überging sie das mehr oder weniger. Als ihr Sohn 1996 Hausverbot in der KZ-Gedenkstätte Buchenwald bekam, weil er dort mit einer Nazi-ähnlichen Uniform provozierte, hat sie nicht nachgefragt. Entschuldigend sagt sie: Uwe sei kein Muttikind gewesen. Sie habe sich vor allem um den schwerbehinderten Sohn Robert gekümmert. Sie sei in der Erziehung „vielleicht ein bisschen die Härtere“ gewesen, ihr Mann der Einfühlsamere. Er redete mit Uwe nach dem Vorfall in Buchenwald.

Im Verlauf der Vernehmung kommt immer wieder die Rede auf die Kaufhalle in Jena, in der sie 30 Jahre gearbeitet hat. „Ich war mit der Kaufhalle verheiratet“, sagt sie einmal. Vormittags kümmerte sie sich um Robert, um den Haushalt und das Essen, nach dem Mittag ging es zur Spätschicht in die Kaufhalle. Es ist irgendwie folgerichtig, dass sie hier ihren Sohn das letzte Mal sah.

Am 26. Januar 1998 fand die Polizei Sprengstoff in der Garage von Beate Zschäpe, der Ex-Freundin von Mundlos und damals Partnerin von Böhnhardt. Daraufhin tauchten die drei ab. Zwei Tage später suchte Mundlos noch einmal seine Mutter auf. Nach ihrer Schilderung kurz vor Feierabend. Ihr Chef drängte, er wollte abschließen, und sie habe noch das Fleisch abdecken müssen. „Ich konnte mich nicht mit ihm unterhalten. Ich hatte ja die Kaufhalle“, sagt sie. „Wenn ich schon Feierabend gehabt hätte, wäre das Gespräch wahrscheinlich ein bissel intensiver gewesen.“

Vielleicht ist das ein Schlüsselmoment auf dem Weg des Trios in den Terror. Uwe war „sehr, sehr aufgeregt“, erinnert sich Ilona Mundlos, weil ihm angeblich sieben Jahre Haft drohten. Sie reimt sich die Flucht so zusammen, dass es hauptsächlich an Böhnhardt lag, der kurz vor dem Antritt einer Haftstrafe stand. Ihr Sohn habe ihr gesagt, Böhnhardt werde nie wieder ins Gefängnis gehen, wo er bereits eine Jugendstrafe absaß. Dabei soll es zu einem sexuellen Übergriff gekommen sein.

Ilona Mundlos glaubte an jenem Januarabend 1998 nicht, dass sie sich zum letzten Mal sehen. Aber ihr damals 24 Jahre alter Sohn behielt recht: Nie wieder hörten die Eltern in all den Jahren von ihm, in denen er mit Böhnhardt zehn Menschen ermordet und weitere Gewaltverbrechen begangen haben soll. Bis zum Morgen des 5. Novembers 2011. Da rief Beate Zschäpe an und sagte, Uwe habe sich mit Böhnhardt in die Luft gesprengt. Das Ende des NSU.