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Auf Spurensuche

Die jüdische Gemeinde in Zittau hatte 160 Mitglieder. Zeugnisse ihrer Geschichte finden sich überall.

Von Jana Ulbrich

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Auf der Suche nach dem eigenen Talent

Vorbeikommen, entdecken, mitmachen — wenn in Weißwasser und Zittau die "Lange Nacht der Volkshochschulen" ist. 

Es gibt ein Hochzeitsfoto, auf dem Vera und Ludwig Hann glücklich lachen. Sie führen ein zufriedenes Leben in Zittau. Ludwig Hann hat in den 1930er Jahren von seinen Eltern das traditionsreiche Schuhgeschäft in der Reichenberger Straße übernommen. Die Familie hat eines der Villenhäuser in der Weinauallee gekauft. Dort, vor dem Haus Nummer 30, liegen heute vier Stolpersteine, die an die Familie erinnern. Ludwig und Vera Hann sind tot. Sie sterben in den Konzentrationslagern von Auschwitz und Theresienstadt. Das Geschäft wird schon im Sommer 1938 von einem „Arier“ unter neuem Namen geführt.

An die ehemalige jüdische Synagoge erinnert in der Lessingstraße heute nur noch eine Gedenktafel (kleines Foto). Am 10. November 1938 wurde das Gebäude gesprengt. Der überwiegende Teil der Zittauer Juden wurde nach Theresienstadt und Auschwitz deportiert.
An die ehemalige jüdische Synagoge erinnert in der Lessingstraße heute nur noch eine Gedenktafel (kleines Foto). Am 10. November 1938 wurde das Gebäude gesprengt. Der überwiegende Teil der Zittauer Juden wurde nach Theresienstadt und Auschwitz deportiert.

Dass wir heute überhaupt noch etwas erfahren können über die jüdische Familie Hann, dass ihre Namen in Stolpersteine gemeißelt sind, dass es Fotos gibt und ein paar wenige Aufzeichnungen über ihr Leben, das ist engagierten Zittauern zu verdanken, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, die Erinnerungen an die jüdischen Bewohner der Stadt wachzuhalten und überhaupt erst einmal wiederzufinden.

Schon 1988 fordert eine unabhängige Zittauer Friedensgruppe, am ehemaligen Standort der gesprengten Synagoge in der Lessingstraße eine Gedenktafel anzubringen. 1993 beschließt der Zittauer Stadtrat, den 9. November künftig als „Tag der Besinnung“ zu begehen, maßgeblich auf Initiative des damaligen SPD-Stadtrats Klaus Zimmermann. Zimmermann ist auch Mitbegründer der Initiative „Erinnerung und Versöhnung“, die sich um die Aufarbeitung der jüdischen Geschichte in Zittau bemüht.

Heute organisiert die Netzwerkstadt der Hillerschen Villa die Spurensuche. In ihrem Archiv gibt es mittlerweile einen gewaltigen Fundus an Aufzeichnungen, Fotos und Biografien. In der Stadt sind inzwischen 24 Stolpersteine verlegt, die an jüdische Zittauer erinnern.

Es müssen mindestens 160 gewesen sein, schätzt Franziska Pohl, vielleicht sogar noch viel mehr. Wie viele Juden hier tatsächlich gelebt haben, weiß niemand so genau, sagt die 31-Jährige, die das Kapitel „Jüdische Geschichte“ in der Netzwerkstadt der Hillerschen Villa vor anderthalb Jahren übernommen hat. Franziska Pohl geht in Schulen, hält Vorträge, führt Interessierte durch die Stadt. „Es ist für mich eine sehr spannende und sehr wichtige Aufgabe geworden“, sagt sie. „Je mehr man in den Biografien recherchiert, umso tiefer will man eindringen, umso mehr will man erfahren“, sagt die junge Frau, die erst über ihren Job bei der Hillerschen Villa mit der jüdischen Geschichte in Berührung kam.

„Und jetzt lässt mich die Arbeit nicht mehr los“, sagt sie. Es ist eine Arbeit, die immer noch am Anfang steht. Denn obwohl die Spurensuche in Zittau im Vergleich zu vielen anderen Städten schon sehr erfolgreich und sehr weit fortgeschritten ist, so ist doch noch ein großer Teil der jüdischen Geschichte unerforscht. „Viele Schicksale kennen wir ja noch gar nicht“, sagt Franziska Pohl. So wie beispielsweise das der Bewohner dieses Hauses in der Inneren Weberstraße, an dem eine riesengroße schmiedeeiserne Werbetafel hängt – mit einem Davidstern ganz oben. „Vielleicht weiß ja jemand, was der zu bedeuten hat“, sagt Franziska Pohl. Überhaupt würde sie sich freuen, wenn jemand Hinweise oder alte Fotos hat, die weiterhelfen auf der Spurensuche. Weiß vielleicht jemand etwas über die Judengasse? Oder darüber, wo es jüdische Betstuben gab? Oder haben viele Zittauer Juden ihren Glauben gar nicht gelebt? Vielleicht, weil es schon lange vor dem Pogrom 1938 auch einen großen Antisemitismus in Zittau gab?

Es gibt noch viel zu tun, sagt Franziska Pohl. Alles Wissen, das die Initiative „Erinnerung und Versöhnung“ zusammengetragen hat, ist im Internet auf der Homepage der Hillerschen Villa aufgearbeitet.

Heute, 18 Uhr, Andacht in der Marienkirche; 18.30 Uhr, Gedenkfeier an der Gedenktafel in der Lessingstraße.