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Auf Baustellen spricht kaum noch jemand Deutsch

Dem Handwerk fehlen auch in Sachsen einheimische Fachkräfte. Dennoch tun sich die Firmen schwer beim Mindestlohn – trotz blendender Geschäfte.

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© dpa

Von Michael Rothe

Was tun, wenn der eine etwas abschaffen möchte, das der andere unbedingt verdoppeln will? Seit Dienstag stehen die Tarifparteien am Bau genau vor diesem Dilemma – bei ihren Verhandlungen zum Mindestlohn. Zoff ist programmiert.

Rückblende: 1997 wurde im Bauhauptgewerbe als erster Branche in Deutschland ein Mindestlohn eingeführt. Er ist für alle Beschäftigten bindend und liegt weit über der gesetzlichen Untergrenze von derzeit 8,84 Euro. Seit 2003 gibt es in der Branche eine weitere, höhere, Lohnuntergrenze für Fachkräfte. Jener Mindestlohn II wurde 2009 für Ostdeutschland aber wieder abgeschafft. Er sei wegen des starken Jobabbaus in der Baukrise nach 1995 nicht zu halten gewesen, heißt es mit Wehmut von der Gewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU). Angesichts des aktuellen Booms bestehe kein Grund mehr, darauf zu verzichten.

Tatsächlich ist die Stimmung am Bau nach langer Zeit der Trübsal besser denn je. In allen Sparten – Wirtschaftsbau, öffentlicher Bau, Wohnungsbau – brummt das Geschäft, sind die Auftragsbücher voll. Wegen anhaltender Niedrigzinsen wird auch in Sachsen in Betongold investiert.

Hintergrund: Mindestlohn am Bau

Alle Baubetriebe müssen seit 1997 in Deutschland Mindestlöhne zahlen. Sonst drohen 500000 Euro Strafe.

Auch geringfügig Beschäftigte fallen darunter. Der Betriebssitz im Inland oder Ausland spielt dabei keine Rolle.

Die Untergrenze in der Branche liegt über dem gesetzlichen Mindestlohn von 8,84 Euro: seit 1. Januar bundesweit 11,30 Euro für einfache Arbeiten.

Nur im Westen und in Berlin gibt es noch den Mindestlohn für Fachkräfte von 14,70 (14,55) Euro. Den erhält auch, wer dort für Ost-Firmen arbeitet. Umgekehrt nehmen Wessis ihren Westlohn mit in den Osten. (SZ/mr)

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Trotz des Booms: „Im Osten erhalten viele Facharbeiter mit 11,30 Euro den gleichen Mindestlohn wie Ungelernte“, sagt IG-BAU-Verhandlungsführer Dietmar Schäfers. Die Gewerkschaft will zwei Mindestlöhne in ganz Deutschland. Dabei soll der für Facharbeiter 80 Prozent des Tariflohns für Spezialfacharbeiter betragen: 15,60 Euro. Die Untergrenze für Ungelernte müsse in gleicher Relation auf 12,50 Euro angehoben werden, so die Forderung.

Derlei Ansinnen weisen die Arbeitgeber zurück. „Der Mindestlohn II ist für uns ein absolutes No-Go “, sagt Andreas Baumann, Präsident des Sächsischen Baugewerbeverbands (SBV). Darüber wolle man nicht reden. Zwar habe das Geschäft 2016 in Sachsen um 6,9 Prozent auf 6,7 Milliarden Euro zugelegt, im neuen Jahr bislang sogar zweistellig – „aber unterm Strich reicht es bei den meisten Betrieben gerade mal zu einer schwarzen Null“, relativiert Baumann. Ein Großteil des Umsatzes werde von Löhnen, Steuern, Abgaben sowie steigenden Kosten für Energie, Baustahl und anderes Material aufgefressen. Die 800 Verbandsmitglieder könnten nicht alles über den Preis an Kunden weitergeben. Die Handwerksbetriebe würden mit im Schnitt 12,80 Euro bereits mehr Lohn zahlen als vor zwei Jahren.

Notgedrungen, es herrscht Personalnot. Der Kampf um Fachkräfte tobt. „Die Abwerbung beginnt direkt am Bauzaun“, sagt Baumann, selbst Chef eines Bauunternehmens im Vogtland. Die Rente mit 63 sei „kontraproduktiv“, er selbst habe so in kurzer Zeit fünf Leute verloren. Notgedrungen würden Subunternehmen mit Ausländern eingesetzt, sagt er und: „Auf vielen Baustellen spricht kaum noch jemand Deutsch.“ In den 1990ern hätten Betriebe im Schnitt 15 Leute gehabt, heute noch acht. Es herrsche massiver Lehrlingsmangel, der Bauberuf habe an Attraktivität verloren.

„Selbst schuld“, schreibt die IG BAU in ihrer Mitgliederzeitung. Seit Mai gilt im Osten (außer Berlin) ein höherer Tarifstundenlohn von 12,81 bis 20,86 Euro. Wegen geringer Tarifbindung haben aber nur wenige der 57 000 Bauleute in Sachsen darauf Anspruch. Da auch die Gewerkschaft schwach organisiert ist, geht das Gros nur mit dem Mindestlohn heim. Das erste Treffen der Tarifparteien hierzu blieb ergebnislos. Die Arbeitgeber hatten die Fortschreibung eines bundesweiten Mindestlohns angeboten und bis 2020 ein jährliches Plus von 25 Cent pro Stunde. „Die IG BAU wird das niemals akzeptieren“, heißt es dort.

Am 20. September wird erneut verhandelt. Nach SZ-Informationen braucht es eine rasche Einigung – und das Bundesarbeitsministerium spätestens im Oktober den Antrag, die Untergrenze(n) für allgemeinverbindlich zu erklären. Sonst droht am Bau der Sturz auf den gesetzlichen Mindestlohn. SBV-Hauptgeschäftsführer Klaus Bertram versichert, die Arbeitgeber wollten keine Verschleppung. Das Instrument sei unstrittig, „es geht nur um die Höhe“.

Angeblich kommen Bauhandwerker derzeit kaum in den Schlaf vor Lachen. Oder sind es doch Kopfschmerzen wegen des Personalmangels und der Tarifrunde?