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„Aufgeben ist keine Option“

Speerwurf-Weltmeister Johannes Vetter spricht über seine Verletzungspause. Und über die Baustellen bis zur EM in Berlin.

© dpa

Von Alexander Hiller

Der Weltmeister gibt sich nach außen hin erstaunlich cool. Dabei hat Johannes Vetter bei der deutschen Meisterschaft der Leichtathleten offenbar eine medizinische Punktlandung hinbekommen. Bereits im März hatte der gebürtige Dresdner seinen Speer auf 92,70 Meter geschleudert – immer noch weltweit der weiteste Wurf.

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Doch danach geriet das System Vetter Anfang Mai ins Wanken. Zunächst war nach schwächeren Ergebnissen von technischen Problemen die Rede. In den letzten sieben Wochen vor den nationalen Titelkämpfen in Nürnberg absolvierte der 25-Jährige verletzungsbedingt gar keinen Wettkampf mehr. Die Lage war zumindest so ernst, dass sich der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) genötigt sah, seinem einzigen aktuellen Weltmeister vor der Heim-EM in Berlin noch einen Leistungsnachweis abzuverlangen. Den bestand Vetter mit Bravour, als Dritter mit 87,83 Meter. Weiter warfen in dieser Saison weltweit überhaupt nur fünf Athleten. Darunter der deutsche Meister Andreas Hofmann und Olympiasieger Thomas Röhler.

Nervöser als sonst in Nürnberg

„Erleichtert bin ich nicht“, sagt der weltbeste Speerwerfer des letzten Jahres selbstbewusst. „Ich wusste ja durch das Training, dass ich in einer guten Verfassung bin.“ Die Behandlung der schmerzenden Rückseite des rechten Oberschenkels durch Ärzte in Freiburg und Physiotherapeuten in Vetters Wahlheimat Offenburg lief offenbar optimal. „Die haben richtig gute Arbeit geleistet“, sagt der Genesene. Eine Absage der EM spielte in den Gedanken des Weltmeisters nie eine Rolle, sagt er. „Aufgeben ist für mich keine Option. Wobei die letzten Wochen schon ziemlich tricky waren. Das war nicht so leicht“, gibt Vetter zu.

Nur in den letzten zwei Wochen vor Nürnberg habe er „ziemlich“ schmerzfrei und damit speerspezifisch trainieren können. Viele Kugelwürfe musste er stattdessen absolvieren, um den überlasteten Oberschenkel nicht überzustrapazieren. „Angepasstes Training“ nennt der Modellathlet das. Wer Vetter kennt, weiß, wie ihn diese eingeschränkte Handlungsfähigkeit genervt haben muss. „Natürlich war ich vor Nürnberg auch ein Stückchen nervöser als sonst“, räumt er ein. Mit der DLV-Forderung nach einem aktuellen Leistungsnachweis „hatte ich überhaupt keine Probleme. So realistisch muss ich doch bei unseren vielen Weltklassewerfern in Deutschland sein. Es nützt mir ja nichts, wenn ich nur die Form habe, um in Berlin in der Qualifikation zu scheitern“, sagt Johannes Vetter. „Zum Glück kam es ja anders.“

Dennoch: Sein sonst so selbstsicherer und selbstverständlicher Wurfablauf ist dem Weltmeister während der Zwangspause abhanden gekommen. Das sieht auch der Schützling von Bundestrainer Boris Obergföll so. „Wir haben technisch ein paar Baustellen vor uns, an denen wir bis zur EM noch arbeiten müssen“, sagt er. Das Trainer-Athlet-Duo hat festgestellt, dass „meine Anlaufgeschwindigkeit derzeit einen Tick zu hoch ist“, erklärt Vetter.

Das wirkt sich auf die Kraftübertragung aus dem Stemmbein aus, wenn Vetter seinen Fuß auf die Tartanbahn brettert und gleichzeitig den Speer mit einer brachialen Urgewalt in den Himmel schleudert. Bei diesem biomechanisch hoch komplizierten Vorgang wirken solche enormen Kräfte, dass sich der Sachse angewöhnt hat, diese Adrenalinexplosion mit einem Hechtsprung auf die Oberarme aufzufangen. Das ist sein Markenzeichen geworden. „Vor uns liegt jetzt eine Sisyphos-Arbeit“, sagt Vetter. Die vielen Kleinigkeiten des Bewegungsablaufs müssen neu aufeinander abgestimmt werden – bis zur EM ausschließlich im Training. „Es hängt von klitzekleinen Dingen ab, ob der Speer auf 88 oder auf 93 Meter fliegt“, weiß der Athlet, dem letzte Saison mit 94,44 Meter der zweitweiteste Wurf der Geschichte mit dem neuen Speer gelang.

„Mit ein bisschen Glück“, sagt er, „landen bei der EM zwei oder mehr deutsche Speerwerfer auf dem Podest. Aber wir sind alle nur Menschen, keine Maschinen.“ Niemand weiß das besser als der Johannes Vetter der letzten sieben Wochen.