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Aufgeben kommt nicht infrage

Seit 140 Jahren existiert die Papierhandlung Reinhold Menzel. Wie es künftig weitergeht, bleibt offen.

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© Matthias Weber

Von Mario Heinke

Es kommt selten vor, dass Elisabeth Fiebiger und ihr Mann Manfred gemeinsam hinter dem antiquierten Ladentisch stehen. Der massive Tresen und die Ladeneinrichtung scheinen aus der Zeit gefallen. Tatsächlich stammt das Mobiliar noch aus dem Gründungsjahr, als Reinhold Menzel in der Aufbruchstimmung der Kaiserzeit 1871 die Papierhandlung Menzel in der Reichenberger Straße 39 gründete.

„Ich suche ein Notizbuch für Telefonnummern“, sagt eine ältere Dame. „Das sollte nicht so klein sein, sonst können Sie die Zahlen nicht erkennen“, sagt Elisabeth Fiebiger und legt ein Telefonregister auf den Tisch. Die Frau dreht und wendet das Buch, nickt zustimmend und kauft es.

Manfred Fiebiger, Reinhold Menzels ältester Urenkel, inzwischen selbst 76 Jahre alt, agiert als Inhaber eher im Hintergrund des Papier- und Schreibwarengeschäftes. Seine Frau Elisabeth, drei Jahre jünger als ihr Mann, steht immer dann im Geschäft, wenn die beiden Verkäuferinnen freihaben. Seit der Einführung des gesetzlichen Mindestlohns ist das wieder öfter der Fall als vorher, sagt Fiebiger. Das bringt den Mann aber nicht aus der Ruhe. Viel mehr ärgert er sich über immer wieder auftauchende Gerüchte, dass der Laden bald schließen werde. „Das kommt gar nicht infrage“, sagt Fiebiger. An einer Nachfolgelösung arbeite er. Wie diese aussehen soll, ist allerdings noch völlig offen. Die eigenen Söhne haben kein Interesse an dem Geschäft, und auch die Mitarbeiterinnen konnten sich bisher nicht zur Übernahme entschließen. Auch scheint es, dass die besten Zeiten in der Branche vorbei sind. Immer wieder haben die Fiebigers in den vergangenen Jahren Ware von Kollegen in der Umgebung aufgekauft, die aufgegeben haben. Zuletzt aus Großschönau. Trotzdem wollen sie das traditionsreiche Geschäft nicht einfach schließen. Nicht selten erzählen ältere Kunden, dass sie schon als Kind bei „Menzel“ eingekauft haben.

Manfred Fiebiger ist von Hause aus Elektroingenieur und arbeitete 20 Jahre lang im Elektroanlagenwerk an der Chopinstraße. Erst 1990 im Alter von 50 Jahren übernahm er den Laden von seiner Tante Suse Peter, die gemeinsam mit ihrem Mann und ihrer Schwester Lotte Fiebiger nach dem Krieg das Geschäft wieder eröffnete und durch die DDR-Zeit führte. Das Geschäft des Urgroßvaters gab in der Familie immer den Rhythmus vor, in irgendeiner Form waren alle involviert. „Ich bin hier aufgewachsen“, sagt Fiebiger. Er erinnere sich, wie sein Opa nach der Besetzung des Sudetenlandes mit dem Motorrad auf die Dörfer fuhr, um seine Waren zu verkaufen. Damals sei das Geschäft gut gelaufen.

Heute fungiere der innerstädtische Handel nur noch als Lückenfüller, der ein Sortiment vorhält, mit dem sich die Großen nicht abgeben, so die Analyse des Geschäftsmannes. Aber auch das Rathaus bekommt ganz pauschal sein Fett weg: „Was die jetzt mit dem Markt vorhaben, ist doch schlimm“, sagt er. Die Innenstadt müsse für alle erreichbar bleiben. Früher waren die Straßen immer voller Menschen und Autos, sogar die Straßenbahn oder Busse fuhren durch die engen Straßen. Das habe damals niemanden gestört. Heute hingegen sei die Reichenberger Straße zeitweise menschenleer und verwaist.

Dem Zeitgeist geschuldet, besitzt die Papierhandlung Menzel auch eine Internetseite, in der die Geschichte des Unternehmens ausführlich beschrieben ist. Dort schreibt Manfred Fiebiger über sich, seine Frau und den Laden: „Und weil sie noch nicht gestorben sind, so tun sie dies noch heute.“