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Aufgeräumt und sichtlich entspannt

Stanislaw Tillich wagt sich wieder in eine Diskussion – über Heimat und Zuhause.

© Ronald Bonß

Von Tobias Wolf

Es dauert etwas, bis Stanislaw Tillich entspannter guckt. Keine Störer, keiner, der abwegige Theorien zur Lage der Nation präsentiert, keiner der ihn beschimpft wie noch vor nicht allzu langer Zeit. Da war er noch Ministerpräsident. Es ist einer der ersten öffentlichen Auftritte seit Tillichs Rücktritt nach der Bundestagswahl.

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am Mittwochabend mit dem Wissenschaftler Gregor Buß (li.) und ZDF-Chefredakteur Peter Frey (M).
am Mittwochabend mit dem Wissenschaftler Gregor Buß (li.) und ZDF-Chefredakteur Peter Frey (M). © Ronald Bonß

Im ehrwürdigen Saal des Dresdner Bischofssitzes nicht weit von der Hofkirche sitzen fast nur gute Katholiken. Sie besuchen in Dresden den Kongress des Neudeutschlandbunds. Stille, Disziplin, keine Zwischenrufe. So muss das wohl sein, wenn eine christliche Organisation zur Podiumsdiskussion ruft. „Heimatlos zu Hause“ ist die Runde überschrieben, die von ZDF-Chefredakteur Peter Frey moderiert wird. Tillichs Gegenpart ist der Wissenschaftler Gregor Buß, derzeit Forscher an der Universität von Jerusalem und Autor einer Studie mit dem Titel „Katholische Priester und Staatssicherheit“.

Heimatgefühle und ein Heimatministerium. Der Begriff hat Hochkonjunktur und kommt in diesen Zeiten offenbar nicht ohne das Flüchtlingsthema und den Islam aus. Aber erst einmal aufwärmen. Was bedeutet Heimat? Tillich: „Mehr als ein Ort, ein Lebensgefühl und Lebensraum.“ Buß: „Fraglos vertraut zu sein, die Mechanismen kennend, einfach mitschwimmend.“

Dann erzählt der Wissenschaftler über Heimat aus der Fremde betrachtet. Er hat auch in Ghana und Tschechien gelebt. „Wo die Menschen offen sind, fasst man schnell Fuß.“ Aber gerade in Israel sei er wegen der deutschen Geschichte mit einer ganz anderen Art Heimatgefühl konfrontiert. „Als Deutscher in Israel ist Heimat auch eine Erblast, die man mit sich herumträgt“, sagt der 39-Jährige. „Man wird angesprochen: Was war damals mit deinen Großeltern?“

Ob Tillich auch etwas im Gepäck habe, fragt Frey listig. „Nein, ich bin ja in der DDR aufgewachsen, das waren die Unschuldigen“, sagt der 58-Jährige und grinst. Das Publikum, in das sich nur ein gutes Dutzend Dresdner verirrt hat, versteht die Pointe trotzdem und lacht. Tillich wieder ernst: „Aber viele Ostdeutsche reklamieren, dass sie die Opfer gebracht, die Reparationen geleistet haben.“ Deshalb sei die Strecke bis Görlitz heute immer noch eingleisig, die anderen Schienen lägen in Russland. Dann guckt Frey etwas spitzbübisch zu Tillich, erinnert an dessen Satz, wonach der Islam nicht zu Sachsen gehöre. „Horst Seehofer hat von Ihnen gelernt, wenn man so will.“ Tillich grinst nur kurz, redet dann über Scharia und Ehrenmorde. Kein angenehmes Thema. Er kneift die Augen zusammen, guckt auf den Boden. Dann ist die Klippe umschifft.

So richtig kontrovers wird es nicht, die Debatte mäandert vor sich hin. Tillich warnt, dass Integration schwierig werde, wenn etwa nach Sachsen zugeteilte Flüchtlinge nach Gelsenkirchen ziehen, nur, weil dort schon Landsleute leben. „Aber das ist für diese Menschen eben auch ein Stück Heimat“, sagt er später. Nach der Diskussion zupft ihn ein älterer Dresdner am Ärmel, der Tillichs Rücktritt damals im Fernsehen verfolgt hatte. „Man hat Ihnen die Erleichterung angesehen.“ Erleichtert, aufgeräumt und ein bisschen entspannt, so sieht das neue Leben des einst ersten Mannes im Freistaat an diesem Abend aus.