merken

Aufregung um Blutdruckmedikament

Präparate mit dem Wirkstoff Valsartan könnten krebserregende Stoffe enthalten. Experten warnen dennoch vor Panik.

© Claudia Hübschmann

Von Stephan Hönigschmid und Franz Werfel

Die Verunsicherung ist groß. Nachdem öffentlich bekannt wurde, dass europaweit Blutdruckmedikamente des Typs Valsartan vertrieben worden sind, die krebserregende Stoffe enthalten können, machen sich auch im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge viele Menschen Sorgen. Betroffen sind laut Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) 16 Firmen mit 106 Arzneimitteln. Diese haben den Wirkstoff für das Medikament von der chinesischen Firma Zhejiang Huahai Pharmaceutical bezogen.

Anzeige
Dresdens Weltklasse-Provinz sucht Sie!
Dresdens Weltklasse-Provinz sucht Sie!

Sie möchten Natur, Familie, Arbeit und Leben miteinander verbinden? Dann ist die Region Altenberg | Glashütte gern Ihre neue Heimat.

Seit einer Umstellung im Produktionsprozess vor sechs Jahren könnte bei der Tablettenmischung der wahrscheinlich krebserregende Stoff N-Nitrosodimethylamin (NDA) entstanden sein. Nachgewiesen wurde der bisher nur am chinesischen Produktionsstandort. Ob die Tabletten ihn enthalten, wird nun in Laboren überprüft. Es ist mit Medikamenten im Wert von rund 30 Millionen Euro eine der größten Rückrufaktionen auf dem europäischen Pharma-Markt.

Trotz der Aufregung mahnt Lisa Liebers von der Dippoldiswalder Löwen-Apotheke zur Ruhe. „Grundsätzlich gilt, dass die Patienten ihre Blutdruckmittel unbedingt weiter einnehmen sollten.“ Zwar versteht sie die Ängste der Patienten und ist auch verärgert, dass die mögliche Verunreinigung nicht schon viel früher aufgefallen ist. Aber: „Es wäre für die Patienten viel gefährlicher, wenn sie das Medikament jetzt abrupt absetzen“, sagt die Apothekerin, die in den vergangenen Tagen viele Fragen von Kunden beantworten musste. „In Gesprächen habe ich darauf hingewiesen, dass das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte unverzüglich vor der Einnahme des Medikamentes gewarnt hätte, wenn es eindeutig zu einer Krebserkrankung führen würde“, so Liebers.

Vergleichbar mit gegrilltem Fleisch

Ähnlich sieht das auch der Geschäftsführer der sächsischen Landesapothekerkammer, Frank Bendas: „Der Fall wurde ja geprüft und es hat bewusst keine öffentliche Warnung gegeben.“ Die krebserregende Belastung durch die sogenannten Nitrosamine, die sich bei der Herstellung des Wirkstoffes in China gebildet haben, sei vergleichbar mit der Gefahr beim Verzehr von gegrilltem Fleisch oder beim Rauchen, sagt Bendas. Er vermutet, dass die Umstellung des Produktionsprozesses im Jahr 2012 den Fehler begünstigt haben könnte.

„Solche Stoffe werden ja nicht hinzugegeben. Die könnten eher durch Unreinheiten bei der Synthese entstanden sein“, so Bendas. Er sieht es kritisch, dass aus Kostengründen bis zu 80 Prozent der Wirkstoffe für Medikamente außerhalb Europas hergestellt werden. „Wenn die Chinesen sagen, ihr kriegt nichts mehr, haben wir ein Problem.“ Obwohl Lisa Liebers versucht hat, ihren Kunden den Fall sachlich zu erklären, wollten dennoch einige ihre Medikamente umtauschen. „Das ist aber nicht möglich. Der Patient muss erneut zum Arzt gehen und sich ein neues Rezept ausstellen lassen“, sagt sie.

In Sachsen sind nach Angaben der Krankenkasse Barmer etwa 48 000 Versicherte von dem Rückruf betroffen. Für die einzelnen Landkreise liegen keine Zahlen vor. Bei den zurückgerufenen Medikamenten handelt es sich unter anderem um Präparate der Firmen Valsartan AbZ, Valsartan Heumann und Valsartan AAA. Die Barmer und die DAK weisen darauf hin, dass sie nicht nur die Kosten für eventuell notwendige Alternativmedikamente übernehmen, sondern auch die dafür anfallenden Zuzahlungen von fünf Euro. Allerdings sollte es sich dabei ebenfalls um ein rabattbegünstigtes Arzneimittel handeln. Die Kosten für das um die 90 Euro kostende Originalpräparat von Novartis werden nur in Ausnahmefällen übernommen. Neben den Kassen können auch die Ärzte den Patienten weiterhelfen. Wie die Kassenärztliche Vereinigung Sachsens auf SZ-Anfrage mitteilt, sei es Ärzten erlaubt, neue Rezepte auszustellen, ohne Angst vor Regressforderungen haben zu müssen

Lisa Liebers rät: Ruhe bewahren. Noch sei nicht klar, ob alle Präparate, die jetzt zurückgerufen werden, überhaupt verunreinigt seien. Ob das eigene Medikament von dem Rückruf betroffen ist, könne jeder Apotheker schnell überprüfen. „Fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker“, rät sie. Zwar dürften Apotheken verschreibungspflichtige Medikamente nicht einfach umtauschen. „Jeder braucht ein neues Rezept von seinem Arzt.“ Nicht eingenommene Tabletten könnten entweder in der Apotheke abgegeben oder zu Hause in der schwarzen Restmülltonne entsorgt werden, wenn Kinder oder Tiere dort nicht herankommen. Auf keinen Fall sollten Tabletten einfach in der Toilette heruntergespült werden.

Auch Hana Srnankova, Apothekerin in der Freitaler Glückauf-Apotheke, beobachtet, dass viele Patienten verunsichert sind. Sie rät ebenfalls, die Tabletten keinesfalls schnell abzusetzen, so lange die Patienten keinen Ersatz dafür haben. Srnankova weist noch auf ein anderes Problem hin: Die wenigen Valsartan-Hersteller, die von dem Rückruf nicht betroffen sind, könnten möglicherweise demnächst nicht mehr genug Ersatz-Präparate liefern. „Engpässe sind absehbar“, sagt sie. Deshalb sollten Patienten mit ihrem Arzt besprechen, ob sie auf andere Sartanen-Medikamente wie Candesartan oder Irbesartan umsteigen könnten. Denn von den möglichen Verunreinigungen seien nur die Valsartane betroffen.

Eine Liste der betroffenen Blutdruck-Präparate steht im Internet unter www.szlink.de/rueckruf