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Aufstand der älteren Lehrer

Lehrer mit vielen Berufsjahren fühlen sich benachteiligt, wenn der junge Nachwuchs plötzlich das Privileg der Verbeamtung genießt. Die Koalition könnte nachbessern.

© André Schulze

Von Andrea Schawe

Die Postfächer quollen über: 300-fach erreichten die Landtagsabgeordneten am Wochenende gleichlautende E-Mails. „Wir, die Lehrerinnen und Lehrer aller Schularten, möchten Ihnen auch auf diesem Wege ausdrücklich mitteilen, dass wir das Handlungsprogramm ,Nachhaltige Sicherung der Bildungsqualität im Freistaat Sachsen‘ in dieser Form ablehnen“, heißt es in dem Text.

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Es sei nicht hinnehmbar, dass die politische Lösung vorsehe, Lehrer unter 42 Jahren zu verbeamten – und ihre Arbeit damit finanziell aufzuwerten, wenn gleichzeitig die Mehrheit der Lehrkräfte keinerlei Ausgleich erhalte. „Dies ist eine Abwertung der Arbeitsleistung der Generation Ü 42.“ Sie fordern „gleiches Geld für gleiche Arbeit! Wertschätzung und Anerkennung geleisteter Arbeit nicht nur auf dem Papier!“ Das steht in roter Schrift fettgedruckt unter dem Brief.

„Es handelt sich nicht um eine konzertierte Aktion der GEW“, stellt Sachsens Vorsitzende Uschi Kruse klar. In vielen E-Mails prangt das Logo der Bildungsgewerkschaft. Einzelne Kreisverbände seien verantwortlich. „Positiv ist aber, dass die Abgeordneten erneut darauf hingewiesen werden, dass einige Teile des Handlungsprogramms umstritten sind“, sagt Kruse.

Es rumort in den sächsischen Lehrerzimmern. Seit sich CDU und SPD im März auf das Handlungsprogramm geeinigt haben, gibt es fast nur Gegenwind. Am Heidenauer Gymnasium hielten Lehrer eine „stumme Stunde“, in Niesky und Dresden protestierten die Gymnasiallehrer während der Frühstücks- oder Mittagspause, aus mehreren Schulen erreichten Kultusminister Christian Piwarz (CDU) offene Briefe, Tausende unterschrieben Petitionen aus Meißen, Bautzen und Dresden gegen „Bildungssparpolitik“. Der Tenor: Die Verbeamtung schaffe eine neue Dreiklassengesellschaft und damit weitere Ungerechtigkeit in den Lehrerzimmern. Das Kultusministerium trage die politischen Fehler der Vergangenheit auf dem Rücken derjenigen aus, die das sächsische Schulsystem jahrzehntelang erfolgreich machten. Die Lehrer wollen einen Netto-Lohn-Ausgleich zu den verbeamteten Kollegen oder bessere Arbeitsbedingungen für Ältere.

Dabei wollte die Koalition mit dem 1,7-Milliarden-Euro-Programm die Trendwende schaffen: weg von Unterrichtsausfall und Lehrermangel, hin zu einem Sachsen, das ein attraktiver Arbeitgeber für junge Lehrer und Lehramtsstudenten ist und auch in Zukunft hochwertige Schulbildung bietet. Fast täglich finden sachsenweit Veranstaltungen statt, auf denen Kultusminister Piwarz oder Abgeordnete von CDU und SPD das Vorhaben erklären und Fragen beantworten.

Die Massen-E-Mails seien deswegen „wenig kreativ und eher kontraproduktiv“, sagt Bildungspolitiker Patrick Schreiber (CDU). Er trete dem Vorwurf, für die über 42-Jährigen wäre im Handlungsprogramm nichts vorgesehen, entschieden entgegen. „Fakt ist: Jährlich sollen mindestens 56 Millionen Euro für diese Altersgruppe zur Honorierung ihrer Leistung zur Verfügung gestellt werden.“ Geplant sind Beförderungsämter für etwa 20 Prozent der Lehrer an weiterführenden Schulen, Zulagen für die etwa 25 000 angestellten Lehrer sowie Prämien, über die die Schulleiter entscheiden.

Auch die SPD kontert. „Wir waren noch nie so nah an der gleichen Bezahlung gleicher Arbeit wie heute“, so Sabine Friedel in einem Antwortbrief. Mit dem Programm werden alle Lehrkräfte aller Schularten in die Entgeltstufe 13 geholt. Es sei aber nachvollziehbar, dass die Verbeamtung zu Enttäuschung führe. „Der Netto-Vorteil der verbeamteten Kollegen, der nicht aus besserer Bezahlung resultiert, sondern daraus, dass Beamte nicht in die sozialen Sicherungssysteme einzahlen, ist ungerecht.“ Die SPD habe den Weg abgelehnt und für eine tarifliche Lösung plädiert, das sei aber nicht mehrheitsfähig gewesen.

Ein Signal an die Generation Ü 42 sei nötig, so Friedel. Sie schlug vor, auf die Beförderungsämter zu verzichten und stattdessen die Zulagen für die Angestellten zu erhöhen. Dafür sind 30 Millionen Euro eingeplant, etwa 18 Millionen würden hinzukommen. „Die Reaktionen der Lehrer zeigen, dass diese funktionslosen und mit aufwendigen Beurteilungen verbundenen Beförderungen nicht gut ankommen“, sagte Friedel. Derzeit berate die Koalition noch darüber, wie das Geld den Lehrern zugutekommen soll. Eine Entscheidung wird nach den Sommerferien fallen. Bis dahin läuft das Anhörungsverfahren.