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Aus dem 500 Jahre alten Tagebuch eines Dresdners

Jetzt aufgetaucht: Eine der ältesten Autobiografien wurde hier verfasst.

© Tom Schulze/Asisi

Von Ralf Hübner

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Vom Hütejungen zum Chef des kurfürstlichen Hofkellers: Michael Brunner aus dem böhmischen Dorf Heidles bei Schlackenwerth an der Eger (Ostrov nad Ohri) am Fuße des südlichen Erzgebirges hat am Hof in Dresden Karriere gemacht. Dessen Aufzeichnungen der Jahre 1542 bis 1597 gehören zu den ältesten autobiografischen Berichten, die aus Dresden erhalten geblieben sind. In dem Band „in civitate nostra Dreseden“ („in unserer Stadt Dresden“) – Verborgenes aus dem Stadtarchiv ist ein Beitrag dazu erschienen.

„Ein berühmter Mann ist Brunner nicht gewesen“, sagt der Historiker Matthias Meinhardt, der Leiter der Reformationsgeschichtlichen Forschungsbibliothek in Wittenberg. Aber gerade das mache den Text so reizvoll. „Er war ein Migrant, der in das damals rasch wachsende Dresden kam und sich eine neue Existenz aufbaute.“ Die im Stil eher schlichte Schrift sei auf 32 Seiten eine Nahaufnahme, wo sonst nur die Vogelperspektive möglich sei.

Sachsen hatte unter Kurfürst Moritz (1521 – 1553) im Reich deutlich an Gewicht gewonnen. Das fand auch in zunehmender Prachtentfaltung bei Hofe Niederschlag und bescherte Dresden einen Aufschwung. Viele Menschen kamen auf der Suche nach Ausbildung und Broterwerb in die Stadt.

Der 1542 geborenen Brunner entstammte bäuerlichen Verhältnissen, hatte früh das Elternhaus verlassen und in der Stadt Lesen, Schreiben und Rechnen gelernt. Der Schlackenwerther Stadtschreiber Hans Vogel muss ihn gemocht haben. Er vermittelte ihn 1558 an seinen Sohn Isaac, den kurfürstlichen Küchenschreiber am Dresdner Hof. Dessen Gehilfe wurde Brunner 1560, nachdem er zunächst noch zwei Jahre in der Kreuzschule die Schulbank gedrückt hatte, immerhin in der besten Schule der Stadt. Als Isaac Vogel starb, verlor er seinen Förderer und später auch den Job in der Hofküche. Er trat in die Dienste österreichischer Herrschaften, in deren Auftrag er Ungarn bereiste.

Die Verbindungen nach Dresden sind aber offensichtlich nie ganz abgerissen. 1568 kehrte er schließlich als Kellerdiener und Speiser an den Dresdner Hof zurück, eine Art Kellner erster Klasse an der kurfürstlichen Tafel.

Er heiratete 1571, bekam später Sohn und Tochter, wohnte zur Miete und erwarb, nachdem er die Dresdner Bürgerrechte erhalten hatte, ein Haus nahe dem Schloss auf der Großen Brüdergasse.

Vor allem auf die Schilderung der Hochzeit mit Susanna Menius aus Torgau verwendet Brunner große Mühe. Die kurfürstlichen Leibärzte Paul Luther, ein Sohn des Reformators, und Christoph Pithopoeius waren Trauzeugen in der Kreuzkirche. An elf Tischen wurde gefeiert– vier für Männer, fünf für verheiratete und zwei für ledige Frauen. Penibel listet Brunner die mehrals 130 Männer auf, die mit Frauen und Kindern erschienen waren. Viele der Gäste arbeiteten wie er am Hof. Es kamen aber auch Höhergestellte, Adlige und angesehene Bürger – Bürgermeister, Stadträte, Stadtgeistlichkeit.

Dieses auch für damalige Verhältnisse sehr üppige Fest zeigt laut Meinhardt, wie weit sich Brunner von seiner bäuerlichen Herkunft entfernt hatte. „Er verstand sich als Teil der Hofgesellschaft.“ Und es zeige, wie sich Hof- und Stadtgesellschaft langsam miteinander verbanden. Als Kurfürst August 1586 starb, machte Brunner unter Nachfolger Christian I. den nächsten Karriereschritt und übernahm im März 1587 das Hauskelleramt und damit die Aufsicht über die Getränkevorräte des Hofes. Das war in der Hofwirtschaft die dritthöchste Position. Nur der Ober- und der Hofschenk standen noch über ihm.

Etwa zehn Jahre später stirbt Brunner und wird auf dem Kirchhof der Frauenkirche bestattet, der angesehenen Hofbediensteten oder vornehmen Bürgern vorbehalten war. Äußerungen zu politischen Ereignissen oder dem Leben bei Hofe sind in der Chronik kaum zu finden. Brunner wollte sich den Nachkommen als Vorbild darstellen, glaubt Meinhardt. „Er war sich bewusst, dass er ein Aufsteiger war.“