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Aus dem Kinderzimmer in die Welt

Die Firma ATD-Models entwickelt in Weißwasser virtuelle Crash-Test-Dummys – und bietet Perspektiven in der Lausitz.

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Sie erwecken sozusagen Dummys zum Leben – für unser aller Sicherheit: Diplomingenieur Jörg Noack, Diplomingenieur Dr. David Blauth, Diplomingenieur und Geschäftsführer Peter Schuster und Andreas Droigh von der Firma ATD-Models sind ein eingespieltes Team.
Sie erwecken sozusagen Dummys zum Leben – für unser aller Sicherheit: Diplomingenieur Jörg Noack, Diplomingenieur Dr. David Blauth, Diplomingenieur und Geschäftsführer Peter Schuster und Andreas Droigh von der Firma ATD-Models sind ein eingespieltes Team. © Foto: Joachim Rehle

Von Anja Köhler

Auf dem elterlichen Hof in Rohne fing alles an. Im einstigen Kinderzimmer friemelte Peter Schuster an ersten Ideen, umgesetzt hat er sie nebenan in einer kleinen Werkstatt. Er wollte etwas Eigenes auf die Beine stellen, sagt er. Und zwar nicht irgendwo, sondern in seiner Heimat in der Lausitz. Peter Schuster ist Bauingenieur, viele Jahre ist er nach Baden-Württemberg gependelt und hat bei Porsche in Stuttgart sein Geld verdient. „Ich war immer auf Montage“, erzählt er heute, „aber richtig weg, das wollte ich nie.“

So kurz vor Weihnachten 2007 und während einer der 600 Kilometer langen Autofahrten nach Hause sei ihm klar geworden, dass sich was ändern muss. Ankommen, bleiben, nicht wieder wegmüssen, das waren die Eckdaten von Schusters Wunschzettel. Die Idee, sich selbstständig zu machen, begann zu reifen. Der Plan ging auf. Ein reichliches Jahr später schmiss Peter Schuster seinen Job im Westen und gründete zu Hause in der Lausitz die Firma ATD-Models. Das Konzept: Software programmieren. Das Ergebnis: Berechnungsmodelle von Crash-Test-Dummys.

Was abstrakt klingt, wird beim Blick hinter die Kulissen anschaulich. Der Firmensitz befindet sich zwar noch in Rohne, in Weißwasser aber gibt es inzwischen mit dem einstigen Forsthaus eine Betriebsstätte. Das Gebäude hat ATD-Models vor einiger Zeit erworben und eigenen Angaben zufolge optimale Bedingungen vorgefunden. Passende Büros, technische Infrastruktur und Platz für eine Werkstatt. „Hier ist ab und an ein realer Dummy zu Gast, den leihen wir uns von Autokonzernen wie VW oder Audi aus“, sagt Peter Schuster. Der Dummy, wegen seiner hochwertigen Technik und Sensorik durchaus bis zu einer Million Euro wert, wird in der Werkstatt vermessen. Manchmal kommt er in den Computertomografen des Kreiskrankenhauses Weißwasser. Die so gewonnenen Daten bilden die Grundlage für die Programmierung und die entstehenden Berechnungsmodelle. Die wiederum werden weltweit von Kunden, ebenfalls Firmen der Automobilbranche, erworben, um Crash-Tests zu simulieren, bevor es an wirkliche Crash-Tests geht.

Drei virtuelle Puppen hat die Lausitzer Firma derzeit im Angebot, etwa die Fünf-Prozent-Frau. Der Name bedeutet, dass nur fünf Prozent aller (realen) Frauen leichter und kleiner sind als sie. Das Modell repräsentiert damit die Mehrheit der Frauen und taugt für Tests. Die Software, die Peter Schuster und seine Kollegen vertreiben, ist verschlüsselt und lizensiert. Läuft die Lizenz ab, muss der Kunde neu ordern. ATD-Models generiert auf diese Weise seine Einnahmen.

Die Umsätze liegen, darüber sprechen Peter Schuster und sein Compagnon David Blauth ganz offen, im zweistelligen Millionenbereich. „Die Hälfte des Jahresgewinns schieben wir in neue Investitionen“, sagt David Blauth. Dieser Grundsatz habe von Anfang an gegolten. Er ist Physiker, Peter Schuster kennt er vom Zivildienst in einer Kita. Überhaupt kennen sich fast alle Mitarbeiter aus früheren Zeiten. Ab Januar sind sie in der Firma zu zehnt, sieben Kollegen arbeiten in Vollzeit. Während die Männer sich um die Produktentwicklung kümmern, wuppen die beiden Frauen Vertrieb und Buchhaltung. Nach dem Willen der Chefs sollen es noch mehr Mitarbeiter werden. „Wir sind weiter auf Expansionskurs“, sagt David Blauth, „aber wir drehen dabei nicht durch.“ Was der Physiker damit offenbar meint: Hier will keiner abheben. „Stattdessen wollen wir langsam und gesund wachsen“, fügt er hinzu.

Dazu braucht es vor allem Personal. „Wir suchen Leute mit technischem Verständnis und Ingenieure, am liebsten hier aus der Region“, sagt Peter Schuster. Er betont das nicht, weil er Menschen von anderswo weniger zutraut. Sondern weil er will, dass Leute in ihrer Heimat eine Zukunft sehen. Und entweder gar nicht erst weggehen oder – wie er – wieder zurückkommen. Ein Anreiz sind die Gehälter auf Westniveau, nach süddeutschem Maßstab. „Dort verdienen wir unser Geld und können es weitergeben“, erklärt Peter Schuster.

Träumereien will er sich generell nicht hingeben. „Wir brauchen in der Lausitz nicht zwei große Fabriken mit Tausenden Arbeitsplätzen, sondern viele kleine Betriebe mit wenigen Mitarbeitern.“ Damit sei man viel dynamischer. Anders sei, davon ist Peter Schuster überzeugt, der Strukturwandel in der Lausitz nicht zu schaffen. Der Ausstieg aus der Braunkohle könne, wenn es nach ihm ginge, sofort passieren. Wozu warten? Es gebe jetzt schon genug „aufzuräumen“. Dafür solle der Bund zahlen. „Wir haben mit dem Braunkohleabbau für die Allgemeinheit geblutet, nun muss es umgekehrt genauso funktionieren.“