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Ausufernde Gewalt im Schatten des Vulkans

Italien. Angesichts der Mordserie in Neapel erwägt die Regierung die Entsendung der Armee.

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Von Paul Kreiner,SZ-Korrespondent in Rom

Die Mörder warteten, bis Vincenzo Prestigiacomo seinen Kaffee ausgetrunken hatte. Dann streckten sie den 33-Jährigen noch in der Bar mit vier Kopfschüssen nieder. Das war am Montagabend, mitten im belebten Zentrum von Neapel. Am Dienstag dann richteten professionelle Killer einen 36-jährigen Händler von Videospielen hin; noch in derselben Stunde wurden in der Vorstadt Torre del Greco zwei Kleinkriminelle erschossen – und dies nur wenige Meter von einer Kaserne der Finanzpolizei entfernt.

Abrechnungen unter Clans

Neben diesen vier Morden haben sich allein in den vergangenen zehn Tagen sechs weitere ereignet, also jeden Tag einer. Zu den Opfern gehört auch eine Frau, die zuvor bereits ihre zwei Söhne und den Ehemann auf gewaltsame Weise verloren hatte. Die Ermittler sprechen von Abrechnungen zwischen rivalisierenden Clans. Drei der Getöteten waren erst kürzlich aus dem Gefängnis freigekommen. Und die draußen, die hatten offenbar nur auf sie gewartet.

Andere der mittlerweile 75 Mordfälle des Jahres passen in kein Mafia-Schema: Ein 16-Jähriger, der einen anderen Jugendlichen im Streit um eine Freundin ersticht; der Tabakhändler, der einen „gewöhnlichen“ Räuber umbringt, weil dieser seinem Sohn die Pistole in den Nacken gehalten hat. Dazu kommen etliche Schießereien, die „nur“ im Krankenhaus endeten; und die täglichen Raubüberfälle auf Geschäfte und Touristen. Die Gewalt im ohnehin „heißen“ Neapel nimmt zu.

Italiens Justizminister Clemente Mastella hat nun vorgeschlagen, die Armee nach Neapel zu entsenden; auch Regierungschef Romano Prodi schließt das nicht mehr aus. Zwar sperrt sich, neben den Regionalpolitikern, auch Neapels Bürgermeisterin Rosa Russo Iervolino, aber nun hat sich Leoluca Orlando zu Wort gemeldet, der politisch gewichtige, frühere Bürgermeister von Palermo: „Ich würde nicht zögern, die Regierung um die Entsendung des Heeres zu bitten.“ Bei Soldaten dürfe man nicht immer nur an Auslandseinsätze denken, sagt Orlando: „Die Sicherheit ist ein Wert an sich, nicht nur im Libanon und in Afghanistan.“

Orlando spricht aus Erfahrung: Zwischen 1992 und 1998 standen italienische Soldaten bereits im Anti-Mafia-Kampf auf Sizilien – nachdem die Cosa Nostra die Richter Giovanni Falcone und Paolo Borsellino in die Luft gebombt hatten. „Sizilianische Vesper“ hieß der genau sechsjährige Einsatz, und Orlando sagt, er habe den Bürgern wieder Vertrauen in den Staat und die Sicherheit gegeben.

Ein Leben zählt nichts

Paolo Mancuso indes, leitender Staatsanwalt in Neapel, bezweifelt den Nutzen des Heeres: „Können Soldaten etwa einen Eifersuchts-Mord verhindern?“ Die alltägliche Gewalt, das „innerstädtische Banditentum“, sagt Mancuso, gehe weit über die Camorra hinaus und habe mit deren Clans in der Region kaum etwas zu tun: „In Neapel zählt ein Leben nichts. Da tötet man bereits für ein Handy oder für ein Mofa.“

Neapel brauche ein „Rundum-Heilmittel“ – vor allen Dingen eines, das „dem beispiellosen wirtschaftlichen Verfall“ der Stadt Rechnung trage, sagt Mancuso. Die offizielle Arbeitslosenquote in Stadt und Provinz liegt zwischen 17 und 53 Prozent. Die Camorra, sagen Beobachter der neapolitanischen Szene, rekrutiere ihre Anhänger, Helfershelfer und Vollstrecker gerade in jenen Vierteln, in denen Jugendliche keinerlei Perspektive auf eine ordentliche Ausbildung und keine Hoffnung auf eine legale Arbeit hätten. Allein die Camorra mit ihrem milliardenschweren Kokaingeschäft, so heißt es, sei in der Lage, ganzen Quartieren Lohn und Brot zu verschaffen.