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Autofahrer zu Unrecht verfolgt

Ein anzeigefreudiger Nachbar, eine übereifrige Politesse und eine ignorante Verwaltung – schon ist Ärger programmiert.

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Von Alexander Schneider

Jeden Mittwoch fährt Heinz B. zur Rückenschule im Schilfweg. Jeden Mittwoch bekommt der 76-Jährige dort einen Strafzettel, weil er seinen BMW angeblich unerlaubt auf einem Parkplatz für Behinderte abstellt. Ein Nachbar hat den Rentner mehrfach beim Ordnungsamt angeschwärzt. Und die Behörde hat offensichtlich willig vollstreckt, ohne dass Mitarbeiter des sogenannten gemeindlichen Vollzugsdienstes mal hinter die Windschutzscheibe des BMW gesehen hätten. Gestern musste Bußgeldrichterin Sibylle Vollmers am Amtsgericht Dresden über die Rechtmäßigkeit von drei Park-Knöllchen zu je 35 Euro entscheiden. Ihr Ergebnis: Wenn man ordentlich gearbeitet hätte, hätte sich das Amt viel Arbeit und dem Beschuldigten Heinz B. viel Ärger ersparen können.

Opa Heinz muss mit zwei neuen Hüftgelenken leben und kann deshalb kaum laufen. Mittwochs besucht er die Volkshochschule und stellt sich davor auf den Parkplatz für Gehbehinderte. Das darf der Mann, er hat die sogenannte Parkkarte, ein blaues Dokument mit Nummer, Stempel und einem großen Rollstuhl darauf. Man hätte es sehen können, wenn man nur gewollt hätte.

Ein Anwohner des Schilfwegs sah aber nur den BMW, dessen Fahrer offensichtlich gut zu Fuß war. „Der Mann kann ja besser laufen als ich“, sagte der Zeuge nun im Prozess. Er habe den Rentner angezeigt, weil er angeblich kein Recht hatte, dort zu parken. Eine alarmierte Bedienstete vom Ordnungsamt konnte keinen Blick mehr hinter die Windschutzscheibe des BMW werfen, sagte die Politesse. „Der Mann ist ja einfach weggefahren, als ich kam.“ Gesehen hat sie nichts, das Knöllchen gab es trotzdem. Wenigstens war die Frau vor Gericht so ehrlich, ihren Fehler zuzugeben, lobte B.s Verteidiger Ulf Israel.

Vielleicht hätte sich die Sache noch stoppen lassen, aber in den Dresdner Computern war die Parkkarte von Heinz B. nicht registriert. Das Dokument wurde 2007 in Coswig ausgestellt, wo B. damals gewohnt hatte. „Wir können doch nicht bundesweit nach seiner Parkkarte fahnden“, sagte der Vertreter der Bußgeldbehörde. Das mag stimmen, aber es zeigt doch, wie schnell ein Autofahrer als vermeintlicher Parksünder in die Mühlen der Verwaltung geraten kann. Kurzum: Auch die Behörde hat nichts mehr gesehen.

Aufgeklärt hat Heinz B. seine Sache schließlich selbst. Er ging hinaus und holte die Parkkarte vom Armaturenbrett seines Autos. Denn auch vor dem Gericht stand B. auf dem Behindertenparkplatz, und zwar ganz legal.

Richterin Vollmer sprach den Rentner frei. Er sei Opfer einer unheilvollen Verkettung mehrere Umstände geworden. Deutliche Worte gab es von der Richterin für den anzeigefreudigen Anwohner: „Am liebsten würde ich Ihnen die Gerichtskosten aufbrummen, aber das darf ich nicht.“