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Azubis aus Spanien

In Sachsen suchen Unternehmen nach Azubis, in Südeuropa haben junge Menschen kaum Aussichten auf einen Job. Die Rechnung, beide zusammenzubringen, scheint aufzugehen.

© dpa

Von Christiane Raatz

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Dresden. Brötchen einpacken, Kuchenbleche auffüllen und Brot schneiden - Aurora Madrid hat jede Menge zu tun. Sie steht hinter der Verkaufstheke des Dresdner Backhauses und lächelt freundlich.

An ihrem Poloshirt heftet ein Schildchen: Ich komme aus Spanien und lerne hier. Damit wirbt die Bäckerei um das Verständnis der Kunden. Denn noch ist das Deutsch der 26-jährigen Spanierin etwas holprig. Erst vor wenigen Wochen ist sie für ein Praktikum von Córdoba nach Dresden gekommen. Zum 1. September beginnt sie ihre Ausbildung als Verkäuferin. Den Vertrag hat sie in der Tasche.

„Zu Hause habe ich keine Arbeit gefunden“, erzählt Aurora Madrid. Ihr Tourismusstudium hat sie wegen schlechter Jobaussichten abgebrochen, anschließend in einem Supermarkt als Verkäuferin gejobbt. „Der Kontakt mit den Menschen hat mir gefallen, das wollte ich lernen.“ Über ein Sonderprogramm des Bundes, bei dem junge Menschen aus anderen EU-Ländern bei der Ausbildung in Deutschland unterstützt werden, kam sie schließlich nach Dresden.

17 Spanier für Dresdens Handwerk

Viele sächsische Unternehmen suchen nach Lehrlingen - Mitte August waren noch rund 1.800 Ausbildungsplätze unbesetzt. Auf der anderen Seite ist die Jugendarbeitslosigkeit gerade in Spanien hoch. Beide Seiten zusammenzubringen, hat sich etwa die Handwerkskammer Dresden vorgenommen. Sie hat das Projekt vor Ort organisiert. Zusammen mit Aurora kamen im Juni 17 Spanier im Alter zwischen 21 und 34 Jahren in die Landeshauptstadt. Zunächst stand ein Sprachkurs auf dem Programm, dann ein zweimonatiges Praktikum in Handwerksbetrieben der Region.

Zum 1. September winkt einigen der Ausbildungsvertrag. „Wir hoffen auf zahlreiche Abschlüsse“, sagt Sprecherin Anke Richter. Mehrere Lehrverträge seien bereits unterzeichnet. „Viele Betriebe sind dankbar, endlich Auszubildende gefunden zu haben.“

„Es ist für uns alle ein Experiment“

So wie das Dresdner Backhaus, dass sich über den Neuzugang aus Spanien freut. „Aurora möchte unbedingt etwas lernen, ist super engagiert“, sagt Verkaufsleiter Oliver Tietze. Von Jahr zu Jahr sei es schwieriger geworden, Fachkräfte und Azubis zu bekommen. Mittlerweile gehen in der Backmanufaktur mit rund 80 Mitarbeitern und fünf Filialen kaum noch Bewerbungen ein. Deshalb habe man sich zu dem Schritt entschlossen. „Es ist für uns alle ein Experiment“, sagt Tietze. Vor allem die Sprachbarriere bereite einige Mühe. Dennoch ist Tietze sicher, dass sich das Engagement lohnt.

Aurora habe das „gewissen Etwas“, das eine gute Verkäuferin ausmache. Die Handwerkskammer habe bei Behördengängen und der Suche nach einer Wohnung geholfen. „Einige Kollegen haben sogar ein paar Möbel beigesteuert“, erzählt Tietze. Alle wollen Aurora den Neustart so angenehm wie möglich machen.

Auch Dresdner Hotels setzen zum ersten Mal auf spanische Lehrlinge - rund 30 junge Spanier versuchen sich seit Juni bei einem Praktikum als Koch, in Hotels und Restaurants. Laut Branchenverband Dehoga wurden acht Lehrverträge unterschrieben, für 20 junge Leute stehen die Chancen gut. „Das Projekt war ein großer Erfolg“, sagt der Dresdner Vorsitzende Gerhard Schwabe. Die spanischen Lehrlinge bekämen das gleiche Geld wie deutsche Azubis.

Auch Schloss Wackerbarth macht mit

Martin Junge vom Staatsweingut Schloss Wackerbarth spricht von einer Win-Win-Situation: „Engagierte junge Menschen aus Europa finden hier eine Perspektive, uns dagegen fehlen die Azubis.“ Seit dem 1. Juli probieren sich in Radebeul sieben Spanier zwischen 21 und 34 Jahren als Winzer, Restaurantfachmann und Weintechnologe aus. Wie viele als Lehrlinge übernommen werden, steht noch nicht fest. „Derzeit laufen die Gespräche“, so Junge.

Die Gewerkschaft Verdi hält viel von der Idee. Voraussetzung allerdings sei, mahnt Landesbezirksleiter Thomas Voß, dass die jungen Europäer zu vernünftigen Arbeitsbedingungen und nach Tarif beschäftigt werden.

Wirtschaftsminister Sven Morlok (FDP) ruft unterdessen Projektträger dazu auf, mit hiesigen Unternehmen Konzepte für das Programm „Mobipro EU“ zu entwickeln. Demnach bekommen junge Europäer finanzielle Hilfe für Sprachkurse, Reisekosten und zum Leben im fremden Land. „Uns sind junge Menschen aus dem Ausland herzlich willkommen, die auf das duale Ausbildungssystem und auf gute Jobchancen setzen“, so Morlok.

Aurora Madrid sieht ihre Zukunft in Dresden, weit weg von ihrer Heimat. Auch ihr Freund hat Spanien verlassen, er macht hier eine Ausbildung zum Elektroniker. Das mildert das Heimweh etwas, erzählt die junge Frau. Sie ist optimistisch, dass sie sich bald zu Hause fühlt. „In ein paar Monaten wird es auch mit der Sprache klappen.“ (dpa)