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Apothekenteam Bad Muskau sucht neuen Chef

Wenn sich kein Nachfolger findet, sind ab 1. Juli 2021 die Türen geschlossen. Für die Kurstadt wäre das eine Katastrophe.

Die Markt-Apotheke in Bad Muskau gibt es seit 360 Jahren. Findet sich kein neuer Inhaber, bedeutet dies das Aus für eine der ältesten deutschen Apotheken.
Die Markt-Apotheke in Bad Muskau gibt es seit 360 Jahren. Findet sich kein neuer Inhaber, bedeutet dies das Aus für eine der ältesten deutschen Apotheken. ©  privat

Rüdiger Halbauer führt seit 1991 die Apotheke am Markt in Bad Muskau, hat dieses Jahr 30-jähriges Firmenjubiläum. Gefeiert wird nicht. Dafür gibt es einen Grund: Aus gesundheitlichen Gründen geht der 61-Jährige ab 1. Juli in den Ruhestand. „Das ist definitiv. Ich habe immer Spaß an meiner Arbeit gehabt, es gab stets ein gutes Miteinander mit dem Team, den Kunden, Bürgern, der Stadt. Aber als Einzelkämpfer ist es schwer, war es schon lange eine Gratwanderung und nun sind die Batterien leer“, begründet er den Entschluss.

Erschwerend hinzugekommen sei, so der Apotheker, die Corona-Pandemie. Durch die zeitweilige Sperrung der deutsch-polnischen Grenze hätten zwei Angestellte aus dem Nachbarland fast zwei Monate nicht arbeiten können. „Dazu kamen hohe Auflagen des Görlitzer Gesundheitsamtes und dass ein angestellter Pharmazeutisch-Technischer Assistent (PTA) sich für zwei Wochen von seiner Familie habe trennen müssen, um arbeiten zu können.“ Mit der zweiten Corona-Welle kam zeitgleiche Quarantäne für fast alle Mitarbeiter und Rüdiger Halbauer. „Nur durch Zufall konnte eine befreundete Apothekerin aushelfen und den Betrieb mit einer polnischen PTA unter hohem persönlichem Einsatz aufrechterhalten. Dafür mein Dankeschön.“ Nun aber, so Rüdiger Halbauer, sei der Punkt erreicht, wo seine Kräfte nicht reichen, er aufhören müsse.

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Noch kein Nachfolger gefunden

Gelingt es ihm bis zum Sommer nicht, einen Nachfolger, sprich Käufer, zu finden, wird der 1. Juli 2021 voraussichtlich der letzte Tag einer 360-jährigen Apotheken-Geschichte in Bad Muskau sein. Von der zeugen noch heute einige historische Einrichtungsgegenstände und die Jahreszahl 1660 über der Eingangstür der Apotheke, die zu den Ältesten in Deutschland zählt. In ihrer Bestehensgeschichte hatte sie lediglich 1945, zum Ende des Zweiten Weltkriegs, und nach der Wiedervereinigung 1990, jeweils für einige Wochen geschlossen. Nun aber droht ihr das Aus. Noch hofft Halbauer, rechtzeitig eine Nachfolge zu finden.

Die ist trotz fünfjähriger und intensiver Suche mittels Fachblättern, Internet, Netzwerken, Anzeigen bislang nicht in Sicht. Ende 2020 schalteten Halbauer und sein Team, welches er bereits vor längerer Zeit über seine Pläne informierte und das dennoch fest hinter dem Chef steht, am „Schwarzen Brett“ der sächsischen Landesapothekerkammer das Inserat „Apothekenteam sucht neuen Chef!“. Auch darauf gab es keine Resonanz. Aus Sicht des Apothekers liegt dies vorrangig an der „verfehlten Politik der Bundesregierung für die Branche“, die vorrangig den ländlichen Raum treffe. Fehlendes Interesse an der Übernahme ärgert Halbauer auch, weil die Apotheke in der Stadt Bad Muskau die Einzige in der Kurstadt ist.

Angst vor dem Aus in Bad Muskau

Doch wenn sich bis Sommer keine Lösung ergibt, wird es die Apotheke nicht mehr geben. Für Einwohner, Kurgäste, Patienten örtlicher Ärzte und Pflegeeinrichtungen sowie Touristen wäre dies in mehrfacher Hinsicht eine Katastrophe. Nicht nur wegen langer Fahrtwege, da die nächsten Apotheken in Krauschwitz, Weißwasser, Schleife oder Döbern sind. Ein herber Verlust wäre es auch, weil die Einrichtung auf modernstem Stand ist.

„30 Jahre habe ich die Apotheke immer weiter vorangebracht. Sie ist in allen Belangen zukunftstauglich“, so Halbauer, der in diesem Zusammenhang Telesprechstunden, eine eigene Website mit Online-Shop, Computertechnik – die auch elektronische Rezepte verarbeiten kann – und den einzigen Warenlagerautomat in der Region erwähnt. „Zudem gibt es bei uns Beratungen zu Naturheilkunde und ein Venenfachcenter.“ Letzteres habe eingerichtet werden können, weil sich die fünf Mitarbeiter stetig weiterbildeten. Abgesehen davon habe man sich im Team immer als festen Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens in Bad Muskau verstanden, deshalb Stadtfeste, Veranstaltungen, Vereine mit Aktionen, Spenden oder Ständen unterstützt.

Stadtverwaltung kämpft mit

Trotz aller Bemühungen und gesellschaftlichen Engagements scheint es, als habe das Apothekensterben die Kur-und Parkstadt erreicht. Laut der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände gab es 2008 noch 21.602 Apotheken in Deutschland, Ende 2019 waren es nur 19.075. Noch stemmt sich der 61-jährige Apotheker gegen den Trend, will ein Weiterleben der Markt-Apotheke erreichen, wandte er sich mit Bitte um Unterstützung auch an Bürgermeister Thomas Krahl. „Ja, wir als Stadt unterstützen nach unseren Möglichkeiten“, bestätigt der auf TAGEBLATT-Anfrage.

Denn Bad Muskau ohne Apotheke sei ein Desaster für die Grundversorgung der Bürger und den Kurstadt-Status. „Daher habe ich auch schon persönlich Kontakte zu örtlichen und regionalen Ärzten aufgenommen, um sie im Kampf um den Erhalt unserer Apotheke ins Boot zu holen.“

Das Ziel hat auch Rüdiger Halbauer noch nicht aufgegeben. Er macht mit beim Aufbau der Plattform www.gesundes-bad-muskau.de. „Sie soll eine Orientierung im unübersichtlicheren Gesundheitswesen bieten. Meine Apotheke übernimmt dabei die Rolle eines lokalen Kommunikationscenters Gesundheit“, erklärt er. Auch das Projekt unterstützt die Stadt, weil es helfen soll, die Versorgung vor Ort zu sichern. Auch dafür ist der Apothekenerhalt nötig.

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