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Auf Spurensuche in der Welt der Pilze

Pilze in heimischen Wäldern sind Fluch und Segen zugleich. Eine Wanderung im Muskauer Park zeigt, warum das so ist.

An vielen Stellen im Park liegen vom Zunderschwamm befallene, kranke und aus Sicherheitsgründen gefällte Großbäume. Einige davon sahen die Wanderer. Dabei erfuhren sie nicht nur von der Schädlichkeit des Schwamms, sondern auch von Nutzungsarten.
An vielen Stellen im Park liegen vom Zunderschwamm befallene, kranke und aus Sicherheitsgründen gefällte Großbäume. Einige davon sahen die Wanderer. Dabei erfuhren sie nicht nur von der Schädlichkeit des Schwamms, sondern auch von Nutzungsarten. © Sabine Larbig

Selten sind so viele Menschen im Wald unterwegs wie im Herbst. Auch im Bergpark im Fürst-Pückler-Park Bad Muskau wird fast täglich nach Rotkappen, Birken- und Steinpilzen, Maronen, Pfifferlingen, Blutreizkern und anderen Speisepilzen gesucht. Wer solche Delikatessen sucht, sollte sich jedoch gut auskennen. Immerhin gibt es weltweit 1,5 Millionen Arten, von denen nur 125.000 erforscht und bestimmt sind. Zwar ist die Anzahl der Pilzarten in hiesigen Wäldern im Vergleich dazu verschwindend gering. „Doch glauben Sie mir. Seit ich Pilze bestimme, weiß ich, dass ich eigentlich nichts weiß“, sagt Uwe Bartholomäus, langjähriger Pilzberater und Mitglied in der Deutschen Gesellschaft für Pilzkunde.

Kürzlich führten er und Bernd Witzmann, Parkmeister der Fürst-Pückler-Stiftung, Interessierte auf einer Pilzwanderung durch den Bergpark. Schon rechts und links des Anstieges in Richtung einstiges Kinderkurheim fanden sie Pilze.

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Viele Champignon-Arten sind: Giftig!

„Das ist ein Waldchampignon. Doch es gibt etwa 20 Championarten, von denen die meisten giftig oder ungenießbar sind“, erklärte Bartholomäus zur Verwunderung der Teilnehmer, zu denen auch Petra Rotta aus Weißkeißel gehörte. „Wir sind Pilzliebhaber und Waldläufer, weshalb ich mich für die Führung angemeldet habe, um neue Pilze kennenzulernen und Arten selbst bestimmen zu können. Vieles, was ich nun erfahre, ist mir aber neu.“

Abschneiden oder Herausdrehen?

Pilzberater Uwe Bartholomäus (Mitte) aus Hähnichen führte die Pilztour mit.
Pilzberater Uwe Bartholomäus (Mitte) aus Hähnichen führte die Pilztour mit. © Sabine Larbig

Und so überraschte sie auch die Information des Pilzberaters, dass es regional allein über 80 Täublingsarten gibt; man beim Riesenschirmpilz nie den Stiel verwenden soll; der Flockenstielige Hexenpilz – im Gegensatz zum giftigen Satanspilz – ein hervorragender Speisepilz ist und dass Sammler Pilze abschneiden oder vorsichtig aus dem Boden drehen können. „Bis heute streiten sich darüber die Experten. Wer sich nicht sicher ist und einen Pilz bestimmen will, dem rate ich in jedem Fall, den Pilz samt Stiel herauszudrehen.“

Doch Pilze sind nicht nur eine Delikatesse, sondern für die Natur unverzichtbar. Würden in Wäldern keine Pilze wachsen, sagt Bartholomäus, würden sich Laub und anderes organisches Material nicht zersetzen und aufgetürmte Schichten alles unter sich ersticken. „Pilze sind für den Kreislauf der Natur unverzichtbar und Teil des riesigen Geflechts aus Wirkung und Wechselwirkung, das von uns Menschen meist unbemerkt stattfindet.“ Meist. Denn immer öfter entdecken Waldspaziergänger Totholz, Astbruch, Kronenschäden oder im Sommer braunes Blätterwerk an Bäumen. Oft sind das Zeichen für Pilzbefall, weshalb es bei der dreistündigen Wanderung auch vorrangig um zerstörende Pilze ging. Die werden im fürstlichen Park ein immer größeres Problem, wie Bernd Witzmann am Kapellenberg anhand nummerierter Bäume erläuterte.

Die Nummern brachten Mitarbeiter der Parkpflege bei Baumkontrollen an. Im Gepäck haben sie dabei sogenannte Pilzfächer, Nachschlagewerke im Hosentaschenformat, die in Bild und Text zerstörende Baumpilze erläutern. Mit dem Fächer können Pilze sofort bestimmt und entsprechende Baumpflegemaßnahmen eingeleitet werden. Mittlerweile schaffen die Parkmitarbeiter die Kontrollen ohne Hilfe externer Fachleute nicht mehr. „Pilze wie Zunder-, Krusten- und Feuerschwamm, aber auch der Brandkrustenpilz, der Hallimasch und der Riesenporling befallen immer öfter Laub- und Nadelbäume, sorgen für ihr Absterben, so dass die Bäume aus Sicherheitsgründen gefällt werden müssen. Auch die Rindenrußkrankheit ist im Vormarsch“, weiß Witzmann.

Daher der Name „Spaltpilz“

Ob große Bergschlucht, Maiwiese oder Glasmachersteg – überall im Bergpark finden sich Spuren zerstörender Pilze. So ist an Bäumen der weiße Fruchtkörper des Zunderschwamms sogar für Laien erkennbar. „Die Rotbuche mit den Ästen voll brauner Blätter ist durch einen Pilz am Absterben. Sie muss, wie fünf andere Baumriesen, gefällt werden“, bedauert Parkmeister Witzmann und zeigt in Richtung Glasmachersteg. Nur einige hundert Meter weiter bleibt die Gruppe am zerlegten Stamm eines gefällten Großbaums stehen, der von Zunderschwamm übersät ist. Der Stamm zeigt eindrucksvoll, wie der Pilz durch Wunden im Baum eindringt, wächst, den Baum von innen aufspaltet und in den Rissen Myzelschichten bildet, bevor sich äußerlich Fruchtkörper mit Sporen zeigen.

Parkmeister Bernd Witzmann zeigt, wie der Pilzfächer angewandt wird.
Parkmeister Bernd Witzmann zeigt, wie der Pilzfächer angewandt wird. © Sabine Larbig

Ein Pilz auf dem Kopf

„Schon vor etwa 10.000 Jahren nutzten die Menschen die korkigen Schwämme. Sie fanden Verwendung als Medizin, als Feuermaterial, als Auffangschalen, und aus der vliesartigen Myzelschicht wurden Kopfbedeckungen wie Kappen gemacht. Bis 1995 gab es diese Tradition noch in Rumänien. Aber dort ist die Produktion nun auch eingestellt“, erzählt Bartholomäus und erstaunt damit nicht allein Reiner Rechenberg und Jutta Grüning aus Oranienburg, die einen Kurzurlaub in Bad Muskau verbringen. „Es ist toll, was wir bei der Wanderung lernen. Da wir noch nie eine Baumpilzwanderung gemacht haben, meldeten wir uns gezielt an. Und um mit Führern etwas über Parkbereiche kennenzulernen, die man als Tourist sonst nicht erwandern oder erradeln würde.“

Kommenden Herbst bieten Stiftung und Naturschutzbund wieder die besondere Pilzwanderung an. „Was erschreckt, ist das durch die Pilze entstehende Bild am Baumbestand. Doch sie sind Natur und nicht außergewöhnlich. Wir müssen sie nur rechtzeitig bemerken und entsprechend handeln“, erklärt Parkmeister Bernd Witzmann am Ende der Führung.

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