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Corona: Brennglas für Chancen und Defizite

„Mit Vertrauen durch die Krise“: das ist Thema einer Reihe im Neuen Schloss Bad Muskau. Zuerst aus Sicht der Wirtschaft.

Beim ersten Forum der Reihe zum Vertrauen diskutieren Unternehmer Christian Haase, Moderator Lucas Fischer und Gewerkschafter Jan Otto (v.li.).
Beim ersten Forum der Reihe zum Vertrauen diskutieren Unternehmer Christian Haase, Moderator Lucas Fischer und Gewerkschafter Jan Otto (v.li.). © Joachim Rehle

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.“ Diesen Grundsatz stellt eine neue Gesprächsreihe der Konrad-Adenauer-Stiftung in ihren Fokus. In drei Veranstaltungen im Neuen Schloss in Bad Muskau soll er aus unterschiedlichen Blickwinkeln diskutiert werden. Davon ausgehend, dass der Rechtsstaat vielen als Garant ihres Sicherheitsgefühls gilt, andererseits aber „Vertrauen als «Klebstoff der Demokratie» die Gesellschaft zusammenhält“. Nach dem Verständnis der Veranstalter wird Vertrauen zur Währung des Politischen und rechtfertigt somit, den Satz umzudrehen: „Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser!“

Auftakt mit einem Duo

Ob dem in wirtschaftlichen Belangen tatsächlich so ist, das diskutierten jetzt zum Auftakt dieser Reihe Jan Otto, Erster Bevollmächtigter der IG Metall in Ostsachsen, und Unternehmer Christian Haase, Vorsitzender des Landesverbandes Sachsen der inhabergeführten Familienunternehmen. Beide stehen eigentlich für verschiedene Welten. Otto als Vertreter der mit 2,3 Millionen Mitgliedern weltweit stärksten Einzelgewerkschaft hat es mit großen Industriebetrieben der Metall- und Elektrobranche zu tun, in denen das Geschehen von Managern und Aufsichtsräten bestimmt wird, während Haase für kleinere mittelständische Firmen steht, in denen man nicht unbedingt Wert auf Gewerkschaften legt. Von Konzernen grenze man sich durch eigenes Geld und eigenes Risiko ab, könne sich „den Luxus vieler Fehlentscheidungen nicht leisten“ und kaum die Produktion ins Ausland verlagern.

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In seinem Betrieb seien die meisten zwölf bis 15 Jahre dabei. „Das prägt, da haben die Leute Vertrauen zum Chef“, erklärt er. Als sich die Corona-Krise zuspitzte, habe er schnell noch Laptops für die Beschäftigten gekauft. Da müsse er schon darauf vertrauen können, dass die Leute zu Hause auch tatsächlich arbeiten. „Im Familienunternehmen schweißt die Krise Arbeitgeber und Arbeitnehmer zusammen“, ist seine Erfahrung. Christian Haase räumt aber zugleich ein, dass es natürlich „gute und weniger gute Familien gibt“.

Gewinner und Verlierer der Krise

Von guten und weniger guten Arbeitgebern kann Jan Otto berichten. Er verweist auf Chef-Etagen, in denen man die Krise ausnutzt, um Arbeitnehmer gegeneinander auszuspielen. „Es gab noch nie so viele Bestrebungen, Beschäftigte abzubauen, wie jetzt“, sagt er und hat so seine Zweifel, ob dies an Corona liegt. Andererseits habe es in vielen Unternehmen sehr schnell spezielle Corona-Vereinbarungen gegeben.

Christian Haase lehnt einzelne Entscheidungen der Politik, etwa das Beherbergungsverbot, rigoros ab, hat aber ansonsten ein Grundvertrauen in die Regierung, dass sie es ganz ordentlich macht. Jan Otto betrachtet stattdessen die „Gewerkschaften als Ordnungsstifter, auch wenn das vielleicht nicht alle hören wollen“.

Einig sind sich beide darin, dass Corona wie ein Brennglas aufzeigt, wo sie Säge klemmt: „Corona verschärft Probleme in einem Tempo, wie wir es sonst nicht gehabt hätten.“ Mit anderen Worten: Denen, denen es schon länger schlecht ging, gibt Corona jetzt den Rest. Unternehmen, die in der Digitalisierung zu Hause sind, stünden besser da als vorher, dafür wären andere schneller aus dem Geschäft, als sie es sich hätten vorstellen können. Das sei tragisch für die, die es betrifft. Der Unternehmer nennt es „eine große Marktbereinigung, die dem Kapitalismus zu eigen ist“ und erntet dafür Widerspruch aus dem Publikum. Darunter zu leiden hätten doch viele, die ohne eigenes Verschulden am Abgrund stünden, so eine Zuhörerin empört.

„Daseinsfürsorge in Staatshände!“

Der Gewerkschafter ist gar nicht so weit weg von den Ansichten des Unternehmers. Dass Produkte und damit auch Firmen verschwinden werden, sieht er offenbar ganz genauso, drückt es jedoch weniger drastisch aus. „Die Wertschöpfung findet anders statt. Wir stehen vor einer industriellen Revolution“, sagt er und bezeichnet das als die Schlagzeile des Abends.

In der Diskussion meldet sich ein Mediziner zu Wort, der nach eigener Aussage 43 Jahre in einem großen Krankenhaus tätig war. Er kritisiert den Umgang mit Corona und dem „Killervirus“ als überzogen und wenig hilfreich. Ohne als Verschwörungstheoretiker gelten zu wollen, erkennt er in den aktuellen Entwicklungen sogar eine Tendenz in Richtung Sozialismus. Damit würde jede Menge Vertrauen verspielt.

Jan Otto spricht sich für einen „Light-Sozialismus“ aus. „Die Daseinsvorsorge gehört in Staatshände“, erklärt er und führt den katastrophalen Zustand in manchen Krankenhäusern als Grund für diese seine These an. Christian Haase hält von allzu viel staatlichen Eingriffen, beispielsweise in Gestalt der Subventionen an die Konzerne, nichts. Das widerspreche dem Wettbewerb – und irgendwann müsse es ja auch jemand bezahlen. Mittelständische Unternehmer und Arbeitnehmer, wie er vermutet. Die sitzen nach seiner Ansicht sowieso im selben Boot. Aufgabe von Politik und Gewerkschaft müsse es sein, den im Turbo-Modus laufenden Transformationsprozess der Wirtschaft zu begleiten. Für Jan Otto ist klar: „Vertrauen fängt an, wenn wir die Chance haben, mitzugestalten“. Letztlich könne man aber nur denen vertrauen, mit denen man einen direkten Austausch pflegt, fasst es Moderator Lucas Fischer von der Konrad-Adenauer-Stiftung zusammen.

Gesprächsreihe „Mit Vertrauen durch die Krise“ – nächste Abende am 3. und 17. November jeweils 18.30 Uhr im Neuen Schloss Bad Muskau. Eintritt frei. Wegen Corona ist vorherige Anmeldung erforderlich [email protected]

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