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Geburtswehen der besonderen Art

Den Geopark Muskauer Faltenbogen soll ein Verbund entwickeln. Doch Gemeinden fehlt oft Geld für die Mitgliedschaft.

Die Waldeisenbahn Muskau (WEM) dampft auf ihren Strecken nach Bad Muskau und Kromlau durch den hufeisenförmigen Muskauer Faltenbogen, der für Fahrgäste so erlebbar wird. Zudem gibt es Erklärungen durch Zugpersonal und Info-Tafeln.
Die Waldeisenbahn Muskau (WEM) dampft auf ihren Strecken nach Bad Muskau und Kromlau durch den hufeisenförmigen Muskauer Faltenbogen, der für Fahrgäste so erlebbar wird. Zudem gibt es Erklärungen durch Zugpersonal und Info-Tafeln. ©  SZ-Archiv

Weißwasser steht durch den Strukturwandel in der Lausitz vor vielen Herausforderungen. Die Entwicklung des Unesco-Geoparks „Muskauer Faltenbogen“ zur Touristenattraktion fällt da kaum ins Gewicht. Dennoch müssen sich Stadtverwaltung und Stadträte bei ihrer heutigen Sitzung mit der Thematik Faltenbogen befassen. Geklärt werden muss, ob Weißwasser künftig Mitglied im neu gegründeten „Europäischer Verbund territorialer Zusammenarbeit“ (EVTZ) wird und jährlich 2.500 Euro Mitgliedsbeitrag zahlt oder nicht. Immerhin ist es viel Geld für eine Stadt, die aktuell überschuldet ist, Haushaltssperre und Sparzwang unterliegt und eigentlich keine derart freiwilligen Ausgaben schultern darf. Weißwasser geht es damit wie den Nachbarkommunen Krauschwitz und Bad Muskau. Die sagten zwar ihre Mitarbeit im Verbund zu, stimmten aus finanziellen Gründen aber bereits gegen eine Mitgliedschaft im EVTZ.

EVTZ sichert Unesco-Titel

Ohne die eiszeitliche Formation Muskauer Faltenbogen, das ist die andere Seite, gäbe es jedoch das Lausitzer Revier und seine Bodenschätze nicht. Und: Der Geopark kann und soll mit und durch den EVTZ der im Wandel befindlichen Region zu dauerhaften Einnahmen und Arbeitsplätzen durch Tourismus verhelfen. Dies gelingt jedoch nur durch eine Weiterentwicklung des Geoparks und den Erhalt des Unesco-Titels, weshalb der EVTZ gegründet wurde. Als unabhängige Rechtsperson kann er, trotz unterschiedlicher Gesetzgebungen und Fördermechanismen in Deutschland und Polen, eigenständig Verträge abschließen, föderal verwalten, grenzüberschreitend institutionell und projektbezogen fördern und Finanzmittel beantragen, Personal einstellen sowie touristische Angebote grenzüberschreitend vernetzen und überregional bewerben. Der Nachteil: Jedes EVTZ-Mitglied muss einen Jahresbeitrag zahlen.

Stars im Strampler aus Weißwasser
Stars im Strampler aus Weißwasser

So klein und doch das ganz große Glück: Wir zeigen die Neugeborenen aus Weißwasser und Umgebung.

Ob die Räte in Weißwasser der Mitgliedschaft zustimmen, wird sich zeigen. Von Vorteil wäre sie. Immerhin sollen mit Hilfe des EVTZ im Faltenbogen-Gebiet vorhandene Rad- und Wanderwege ausgebaut, neue errichtet und alle verbunden werden. Auch die Schaffung touristischer Höhepunkte wie Aussichtspunkte, Erlebnisstollen, eine aufgefaltete und begehbare Schuppe in Kromlau oder neue Besucher-, Informations- und Bildungszentren sind geplant. So entsteht in Łęknica, im Bereich des Muskauer Parks – er liegt ebenfalls im Faltenbogen – aktuell ein Info-Zentrum mit Ausstellung, Nachbau eines Kohleschachts und dem lebensgroßen „Nachbau“ eines Mammuts. Das rund eine Million Euro teure Projekt schultern Wojewodschaft und die Stadt Łęknica. Betrieben wird die Einrichtung künftig über den EVTZ.

Touristiker setzen auf Geopark

Eine weitere Attraktion ist in Bad Muskau geplant: Hier soll bis 2024 im Kavalierhaus ein Besucher- und Bildungszentrum mit Ausstellung zu Geschichte, Gegenwart und Zukunft der Eiszeitformation sowie zu klimatischen und gesellschaftlichen Auswirkungen entstehen. Bund und Land Sachsen geben dafür 34 Millionen Euro aus. Sobald der Bahnhof in Weißwasser saniert ist, soll dort ebenfalls eine Anlaufstelle für Geopark-Touristen sein. Außerdem vermarkten schon jetzt die Waldeisenbahn Muskau mit Fahrten nach Bad Muskau und Kromlau (sie führen direkt durch den Faltenbogen), Geopark-Führer wie Jürgen Siegemund aus Gablenz mit Wanderungen oder die Gemeinde Krauschwitz mit ihrem Geopfad und dem Gletscherwelt-Erlebnisspielplatz den Unesco-Geopark.

Um so mehr hoffen Touristiker wie Stefan Hoffmann, Vorsitzender des Vereins „Krauschwitzer Neißeland“, auf den EVTZ und die daraus resultierende, angedachte Weiterentwicklung der Unesco-Stätte. „Tourismus, auch und gerade durch den Geopark, bringt der Region letztlich Geld und ernährt viele Familien“, sagt er. Und Manfred Kupetz, Vorsitzender des Fördervereins Geopark Muskauer Faltenbogen sowie Wegbereiter und Verfechter des EVTZ, sieht im Verbund noch einen weiteren Vorteil. „Der dadurch mögliche Erfahrungsaustausch ist die billigste Investition.“

Eine Geopark-Wanderung in einer ehemaligen Tongrube bei Kromlau.
Eine Geopark-Wanderung in einer ehemaligen Tongrube bei Kromlau. © Rolf Ullmann

Suche nach Finanzierungswegen

Da der Verein zudem den Hut für die strukturellen, personellen, finanziellen, kulturellen und touristischen Entwicklungen im deutschen Geopark-Areal auf hat, gibt es bis Ende 2021 dafür 1,2 Millionen Euro aus dem Sofortprogramm für den Strukturwandel. Die Gelder aus dem Bundeshaushalt fließen vorrangig als Anschubfinanzierung in den EVTZ. Doch ohne zahlende Mitglieder bleiben Verbund und Geopark-Entwicklung langfristig auf der Strecke.

Der Landkreis Spree-Neiße übernimmt daher mit 76.000 Euro pro Jahr vorerst einen Teil der Mitgliedsbeiträge seiner finanzklammen Geopark-Kommunen. Auch im Landkreis Görlitz wird nach Lösungswegen für die Kommunen gesucht. Wie die aussehen können und sollen, ist noch unklar. „Noch ist der Prozess nicht abgeschlossen“, begründet Thomas Rublack, Dezernent für den Strukturwandelprozess im Landkreis Görlitz. Indes gibt es für Bad Muskau einen Hoffnungsschimmer: Hier bot der Geschäftsführer der Fürst-Pückler-Stiftung, Cord Panning, bereits Unterstützung an. Sein Vorschlag: Statt der Stadt könne die Stiftung zum EVTZ-Mitglied werden. Auch, weil im Muskauer Park das Geopark-Besucherzentrum entsteht. Ob und wie der „Mitgliedertausch“ für künftige Projekte mach- und umsetzbar ist, sagt Panning, müsse jedoch geprüft werden.

Polen setzt auf Ausbau der Angebote

Fest steht jedoch: Trotz Geburtswehen fügen sich die Puzzleteile langsam zusammen, entsteht auch auf deutscher Seite ein enges Geopark-Netzwerk mit vielen Akteuren und Ideen. Bleibt die Frage, wie Touristen den Geopark und seine grenzüberschreitenden Angebote annehmen. Für Piotr Kuliniak, Bürgermeister von Łęknica, ist klar: „Die Touristen kommen schon jetzt in Scharen, und die Nachfrage ist ungebrochen.“ Speziell der Radtourismus und die Besucherströme in der „Grube Babina“ seien Beweise dafür. 

Aus diesen Gründen investiere man auch in den Ausbau des Anschlussradwanderweges über ein EU-Projekt bis Sommer 2021. Zudem beteilige sich die Stadt Łęknica am Bau des Info-Zentrums. Denn wie die gesamte Region, so profitiere auch Łęknica wirtschaftlich vom Tourismus durch die beiden regionalen Unesco-Stätten Muskauer Park und Geopark Muskauer Faltenbogen.

Hintergrund:

Erste Bemühungen zur Entwicklung des Geoparks Muskauer Faltenbogen gab es 1998. Seit 2016 trägt er den Unesco-Titel.

Weltweit gibt es 127 Unesco-Geoparks, darunter nur vier binationale Parks wie den Muskauer Faltenbogen.

Dem EVTZ sollen zwölf Gemeinden und Städte aus Polen und Deutschland, die Landkreise Görlitz und Spree-Neiße und die polnische Wojewodschaft Lebuser Land angehören. Grundfinanzierung soll ein Jahresbudget von 450.00 Euro sein.

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