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Mit Leidenschaft für Wasser, Holz und Traditionen

Eine Gruppe Verwegener fühlt sich einem besonderen Erbe verpflichtet: dem Floßbau auf der Elbe. Die SZ hat sie über Monate bei ihrer Mission begleitet.

Zusammengebaut wird auf dem Wasser.
Zusammengebaut wird auf dem Wasser. © kairospress

Von Gabriele Fleischer

Die Stämme liegen im Wasser, das Floß ist startklar. Auf den Tag ihrer 20. Fahrt mussten die Hobbyflößer aus Meißen im Corona-Jahr lange warten. Die Pandemie hat ihnen den alljährlichen Pfingsttermin auf der Elbe vermasselt. Aber ausfallen lassen war für Organisationschef Uwe Meinel kein Thema. Seit fast zwei Jahrzehnten ist er fasziniert von Holz, Wasser und Flößen.

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Die gesamte Truppe eint das Interesse an einer jahrhundertealten Tradition. Im September, mehr als drei Monate später als sonst, geht es los: Ein Wochenende bauen, ein verlängertes fahren, von Prossen bis Mühlberg zum Sägewerk, mit weniger Stopps und ohne Mitfahrt von Freunden wie in anderen Jahren – der Auflagen wegen. Doch die 14 Fichtenstämme für das Floß sind da längst gefällt, mit Schrotsäge, Axt und Holzkeilen, so wie bei den Altvorderen.

Im Januar wurden die Bäume gefällt.
Im Januar wurden die Bäume gefällt. © kairospress

Es ist der 19. Januar, morgens mitten im Wald bei Bahra, nahe der tschechischen Grenze. Raureif sorgt für einen Hauch von Mystik. Von einer Pandemie, die das Jahreswerk der Flößer ins Wanken bringen könnte, ahnt da noch keiner was. Mitarbeiter von Sachsenforst haben 14 bis zu 30 Meter hohe Stämme rot markiert. „Nach 120 Jahren sind sie fällreif“, sagt Thomas Fritzsche, Lehrausbilder und Ratgeber für die Hobbyflößer. Martin Lucke und Martin Bartsch setzen die Zweimannschrotsäge an. Abwechselnd schlagen sie mit der Axt den Fallkerb heraus, dann der Fällschnitt. Schließlich der erlösende Satz: „Aus dem Weg, Baum fällt.“

"Kein Problem, das hält"

Es braucht nur 40 Minuten, bis die jahrzehntelang gewachsene, Natur und Menschen trotzende Fichte unter Knacken und Krachen auf dem Boden liegt. Da wird selbst so ein Naturmensch wie Fritzsche wehmütig. Bis Mühlberg sind die Hobbyflößer ab jetzt für die Qualität des Holzes verantwortlich. Dort hat das Sägewerk Böltzig die Stämme gekauft.

Die Hobby-Flößer treffen sich übers ganze Jahr immer wieder.
Die Hobby-Flößer treffen sich übers ganze Jahr immer wieder. © kairospress

Rechtzeitig vor der Ankunft der Borkenkäfer rückt Jürgen Hensel aus Sohland mit seinem Langholztransport an, um die Stämme in den Prossener Hafen, den Ort des Floßbaus, zu bringen. Es ist der 14 . April. Jeden einzelnen Stamm lässt Hensel ins Hafenbecken rollen, immer begleitet von einer hochspritzenden Welle. Mit Seilen werden die Stämme aneinandergebunden und am Ufer befestigt. Die nächsten Monate wässern sie und haben Zeit zum Quellen.

Auf dem Wasser werden die Stämme aneinander gebunden.
Auf dem Wasser werden die Stämme aneinander gebunden. © kairospress

Nach dem Bau-Wochenende ist der Lohn für die Mühe in Sicht: Am 17. September beginnt die Fahrt auf der Elbe. Einen Tag zuvor kommt Thomas Grundmann vom Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt. Ohne seine Genehmigung kein Start. Er sucht die Motoren, die noch angeliefert werden. Zwei Außenbordmotoren sind Vorschrift, um Gefahrenstellen wie bei starken Strömungen oder unter Brücken meistern zu können.

Schwimmwesten, Schallgerät, Fernglas, Verbandskasten, Bootshaken, Seile, Schöpfeimer, Werkzeugkasten … Grundmann lässt sich alles zeigen, prüft die Verbindungen und erklärt das Floß für Elbe-tauglich. Nun wird beladen. Bierfässer werden aufs Floß gerollt, aber auch andere Grundnahrungsmittel füllen die Küchenecke. Das Floß hat schon eine leichte Schieflage, Wasser schwappt über. „Kein Problem, das hält“, sagt Floßherr Josef Büttner, der auf dem Wasser Mädchen für alles und mit Anfang 30 einer der Jüngeren ist.

Der Lohn für alle Mühen: Das Floß ist komplett.
Der Lohn für alle Mühen: Das Floß ist komplett. © kairospress

Dann geht es los. Ab sofort hat Kapitän Reiner Pflugbeil das Sagen. Neben ihm sitzt Martin Lucke, sein Zögling in Sachen Kapitänsamt. Nächstes Jahr soll der die Kommandos geben. Pflugbeil rückt seinen Hut zurecht. „Bereit zur Abfahrt. Sind alle Pätschen besetzt?“ Fragende Blicke der zwei Laien an Bord. Pätschen sind die acht Ruder, jeweils vier vorn und vier hinten, mit denen das Floß wie vor mehr als 100 Jahren gesteuert wird.

Über 1.000 solcher Flöße sollen vor dem Ersten Weltkrieg pro Jahr auf der Elbe gefahren sein, nicht selten mit 50 Stämmen auf einmal. Meinel hat im Statistischen Jahrbuch des Königreichs Sachsen geblättert. 1868 haben danach 1.407 Flöße das Hauptzollamt in Bad Schandau passiert, 1881 sogar 1.917. Die meisten Stämme wurden im Böhmischen gefällt und per Armkraft, mit Rutschen oder Pferden bis zum Fluss gebracht. Mit zunehmendem Bahn- und Autoverkehr nahm die Floßanzahl ab. Ehe sie Geschichte wurde, lebte die Flößerei auf der Elbe nach dem Zweiten Weltkrieg noch einmal bis 1954/55 auf.

Abschalten nicht möglich

Die Vorteile von geflößtem Holz sind bis heute die gleichen. „Es ist gut, weil es nicht von Insekten oder Pilzen befallen und durch die Lagerung im Wasser weniger reißanfällig ist“, sagt Sägewerkschef Sebastian Böltzig. Claus-Thomas Bues kennt die Vorzüge durch seine wissenschaftliche Arbeit. Der Professor für Forstnutzung an der TU Dresden lobt bessere Imprägnierbarkeit und geringeren Energieaufwand beim Holzschnitt wegen der hohen gleichmäßigen Durchfeuchtung der Stämme. Andere angebliche Vorzüge wie geringeres Quellen und Schwinden oder Resistenz gegen Hausbockbefall sind für ihn Legende.

Sebastian Böltzig im Sägewerk weiß: Floßholz hat eine hohe Qualität und wird etwa für Fachwerksanierungen verwendet.
Sebastian Böltzig im Sägewerk weiß: Floßholz hat eine hohe Qualität und wird etwa für Fachwerksanierungen verwendet. © kairospress

Die Qualität des geflößten Holzes ist für die Hobbygruppe nur ein Grund, die Tradition zu beleben. „Wenn wir alles so machen wie die Vorfahren, dann lernen wir die schwere Arbeit der Flößer besser schätzen, auch wenn unser Floß kleiner ist“, sagt Büttner. „Einiges ist aber der Zeit angepasst“, fällt ihm Uwe Meinel ins Wort. Wurden die Stämme früher mit Holzseilen, sogenannten Wieden, zusammengebunden, verwenden die Flößer heute Stahlseile. Bretter über den Stämmen erleichtern das Laufen.

Auch die kleine Holzhütte, auf der der Käpt’n und sein Stellvertreter sitzen, ist nicht originalgetreu. Die schützt das Gepäck und dient manchmal als Schlafplatz. Die meisten übernachten auf dem Floß, wenn es in den Abendstunden am Ufer verankert ist. Ansonsten ist Anhalten nicht erwünscht. Auch wenn sich das Floß elbabwärts treiben lässt, muss es in der Fahrrinne bleiben, wenn nötig, Hindernissen ausweichen. Abschalten gilt also für die Steuerleute nicht, für den Kapitän sowieso nicht. Er hält den Kurs.

Dem Elbdampfer muss das Floß ausweichen.
Dem Elbdampfer muss das Floß ausweichen. © kairospress

Es ist 8.35 Uhr, als das Floß aus dem Hafen in Prossen hinausfährt. Weil es dort keine Strömung gibt und Armkraft gespart werden soll, tuckern die Motoren. Auf offener Elbe werden sie ausgeschaltet. Anders als bei den Vorfahren, für die Flößen von Anfang bis Ende harte Arbeit war, überwiegen ab jetzt Entspannung und Stolz, wenn die Menschen vom Ufer oder von Schiffen winken.

Im Januar geht es wieder in den Wald

Die Sonne taucht an diesem Morgen Felsen, Häuser und Wiesen in besonderes Licht. Das Flößerglück, von dem schon Egon Erwin Kisch zu schwärmen wusste, ist perfekt. „9.34 Uhr, Kilometer 16“, schreibt Christin Haufe ins Logbuch. Gewissenhaft notiert sie jeden Kilometer. Die 29-Jährige teilt das Hobby mit ihrem Freund Peter und dessen Eltern. Ina Bartsch, die extra aus Bautzen angereist ist, übernimmt das Zwiebelschälen und geht so den Köchen Holger Zscherper und Ehepaar Mauersberger zur Hand. Zum Mittag gibt es Wahlessen: marinierten Hering oder Quark.

Teamgeist ist alles!
Teamgeist ist alles! © kairospress

Ein Dampfer nähert sich. „Stopp, Steuerbord“, ruft der Käpt’n. Dann schippert die „Kurort Rathen“ vorbei. Die Flößer stimmen ihren Schlachtruf an. „Flößer, was flößt ihr? Holz. Flößer, was seid ihr? Stolz. Flößer, was trinkt ihr? Bier.“ Beifall. Weiter geht es, drei bis maximal fünf Stundenkilometer. Unermüdlich stemmen Josef, Beppo und die anderen ihre Pätschen ins Elbwasser. Eine dieser Stangen wiege an die 30 Kilogramm, schätzt Cäsar, wie Beppo Binnenschiffer.

„So, alle Steuerbord.“ „Jawoll Chef“, tönt es vom Vorderdeck. Mit einem „Alle Backbord“-Ruf lässt der Kapitän in Wehlen das linke Elbufer ansteuern. „Nicht so nah ran“, schimpfen einige. Stecken bleiben will keiner. Aber die SZ-Stippvisite auf dem Floß ist hier beendet. Ein letztes Winken und langsam, ganz langsam, verschwindet das Floß elbabwärts. In dreieinhalb Tagesetappen kommt es nach Mühlberg, wo es auseinandergebaut wird und der Jahreslauf des Holzes im Sägewerk endet. Im Januar ziehen die Hobbyflößer wieder in den Wald.

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