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Bäume weichen der Südumfahrung

Die Trasse verläuft quer durch die Viehleite. In dem Terrain müssen Planer und Arbeiter besonders behutsam vorgehen.

© Thomas Möckel

Von Thomas Möckel

Pirna. Schritt für Schritt kämpft sich Ulrich Gawlas den Hang hinauf, das Gelände ist steil, er hat extra die schwierige Route durch den Wald gewählt, hier hat er Halt, die vom Bagger ausgefahrene Trasse nebenan ist zu schlammig. Ab und an stoppt Gawlas, dann dokumentiert er mit seiner wetterfesten Kamera den Fortschritt, von weiter oben her dringt ein Geräusch durch den Forst, dort will er hin.

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Höhlenbäume, in denen Tiere wohnen, sind mit einem „H“ gekennzeichnet und werden gesondert gefällt.
Höhlenbäume, in denen Tiere wohnen, sind mit einem „H“ gekennzeichnet und werden gesondert gefällt. © Thomas Möckel
Am Gelände hinter den Roten Kasernen führt bald eine Baustraße in die Viehleite. Auf Höhe der Hütte steht künftig ein Brückenpfeiler.
Am Gelände hinter den Roten Kasernen führt bald eine Baustraße in die Viehleite. Auf Höhe der Hütte steht künftig ein Brückenpfeiler. © Thomas Möckel

Gawlas, 65, ist Bauingenieur von der Erfurter Ingenieurgemeinschaft EHS, die Deutsche Einheit Fernstraßenplanungs- und -bau GmbH (Deges) hat ihn in Pirna als Bauoberleiter eingesetzt, fünf, sechs Jahre wird er hierbleiben und über ein gigantisches Projekt wachen.

Nach dem Aufstieg ist Gawlas auf einer großen Lichtung angekommen, hinter ihm fressen sich Sägen mit Gekreisch in die Bäume, ein Bagger stapelt die gefallenen Gehölze auf große Haufen, sie werden später abtransportiert. Was aussieht, wie ein gewaltiger Holzeinschlag, dient allerdings nicht der Rohstoffgewinnung. Es ist Pirnas größte Straßenbaustelle.

An dieser Stelle im Waldgebiet Viehleite, zwischen dem Gelände hinter den Roten Kasernen an der Rottwerndorfer Straße und den Krietzschwitzer Obstplantagen, wird einmal die Pirnaer Südumfahrung verlaufen, die den Autobahnzubringer mit der alten B 172 verbindet. Bauherr ist die Deges, der Bundesverkehrsminister hatte erst Ende 2016 die Mittel für die schon seit Jahrzehnten geplante Trasse freigeben, 2022 soll die Straße fertig sein, die Kosten für die knapp vier Kilometer liegen nach derzeitigem Plan bei 97 Millionen Euro.

Die Trasse, die mit Brücken und Tunnel über Seidewitz- und Gottleubatal sowie durch den Kohlberg führt, braucht Platz. An der Zehistaer Straße sind schon Bäume gefallen, der größte Holzeinschlag ist in der Viehleite geplant, der Raum ist nötig für die geplanten Bauwerke und dafür, um überhaupt zu den Baustellen zu gelangen. Das Unterfangen in der steilen Viehleite, sagt Gawlas, ist recht kompliziert.

Schwieriges Gelände

Drei Bauplätze wird es einmal in dem Waldgebiet geben, zwei Pfeiler für die Gottleuba-Brücke entstehen dort, und oben, fast am Gipfel, eines der Widerlager, auf denen das Bauwerk aufliegt. Gawlas hat das Gelände schon vor einiger Zeit gekennzeichnet, mit roter Leuchtfarbe besprühte Holzpflöcke markieren einerseits den Verlauf der künftigen Südumfahrung, andererseits die Baufelder, von denen aus die Spezialisten später agieren werden.

Der Bauoberleiter ist inzwischen wieder talwärts unterwegs, an einem besonders steilen Stück bleibt er stehen, er hat Mühe, nicht den Halt zu verlieren. Direkt neben ihm haben schwere Maschinen erste Bahnen auf der künftigen Bautrasse gezogen, an den fast einen Meter tief ausgefahrenen Reifenspuren und dem aufgewühlten Schlamm lässt sich erkennen, dass ihnen das nicht leichtfiel. Und genau das, sagt Gawlas, ist hier das Problem.

Um an die Bauorte für die künftigen Pfeiler zu kommen, müssen die Fachleute und Maschinen Steigungen von bis zu 33 Prozent überwinden, Gawlas muss schon weit im Vorfeld planen, wie sich das bewerkstelligen lässt, denn wenn gebaut wird, muss alles klappen, nachholen kann er dann nichts mehr. Von dem ehemaligen Armeegelände hinter den Roten Kasernen wird eine asphaltierte Baustraße auf halbe Höhe zu einer der Pfeilerbaustellen führen, ausgelegt für mächtige Lasten. Damit die Brückenstützen stabil stehen, muss sie auf Bohrpfähle gegründet werden, bis zu 20 Meter tief müssen die unterirdischen Stützen in den Boden getrieben werden.

Das Bohrgerät, mit dem die Halterung im Erdreich gebaut wird, wiegt 70 Tonnen. Die Bauleute müssen das Gerät in Einzelteilen nach oben bugsieren und vor Ort montieren, sonst wäre es sogar für die Baustraße zu schwer.

Bei anderen Lasten müssen die Spezialisten sogar abspecken: Die Lkws, die später den Beton für Bohrpfähle und Brückenpfeiler liefern, können die Baustraße nur mit gedrosselter Lademenge bewältigen, komplett voll würden sie die 25-prozentige Steigung nicht schaffen. Für den weiter oben in der Viehleite gelegenen Pfeiler und den Unterbau fürs Widerlager lässt Gawlas die Baustraße von oben her über die Krietzschwitzer Obstplantagen anlegen, von unten her wäre sie viel zu steil, der Hang dort oben ist besonders abschüssig.

Ersatz für gefällte Bäume

Obwohl schweres Gerät auf komplizierten Wegen zu den Baustellen zu transportieren ist, müssen die Arbeiter derzeit äußert behutsam vorgehen. Die Viehleite, sagt Gawlas, ist ein sehr sensibles Gebiet, es gibt viel schützenswerte Flora und Fauna, selbst im Oktober-Nieselregen fliegen noch Erdwespen und Schmetterlinge um einen Baumstumpf. Die Deges lässt daher nicht den ganzen Trassenverlauf abholzen, nur innerhalb der eng gesteckten Baufeldgrenzen kommen die Bäume weg. Aus der Luft betrachtet arbeiten sich die Forstleute deshalb in etwas ungewöhnlichen Formen in das Waldgebiet hinein. Bei einigen Gehölzen müssen sie besonders achtsam sein.

Auf dem Weg von der Viehleite zurück zum alten Kasernengelände bleibt Gawlas plötzlich stehen, etwas hat seine Aufmerksamkeit eingefangen, er zückt seinen Fotoapparat. Vor ihm steht ein Baum, auf die Rinde ist in leuchtgelber Farbe ein großes „H“ aufgesprüht, „H“ bedeutet Höhlenbaum. Neben jenen gibt es noch Quartierbäume mit einem „Q“, Naturkundler haben mit dem Blick des Kenners diese Gehölze ausfindig gemacht, weil Mieter in ihnen wohnen, Fledermäuse etwa oder Spechte oder Juchtenkäfer. Diese extra markierten Bäume werden nur unter Aufsicht gefällt, manche bleiben in langen Stücken erhalten, nichts soll die Wohnungen darin zerstören. Die Gehölze werden später auf ein separates, urwaldähnliches Gelände am Kohlberg gebracht, wo die Tiere wieder ihre Ruhe haben.

Für sämtliche Bäume, die fallen, schafft die Deges anderswo Ersatz, eine große Ausgleichsfläche liegt gleich hinter den Roten Kasernen, dort wird einmal ein neuer Wald angepflanzt. Andere große Ausgleichsflächen liegen am Kohlberg. Die asphaltierten Baustraßen verschwinden später wieder.

Gawlas ist inzwischen auf der Talsohle im früheren Armeegelände angekommen, hier stapelt sich das restliche Holz aus der Viehleite. Es wird später in einem Holzkraftwerk verbrannt, die Verbrennungswärme wird in Energie umgewandelt.