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Bagger zermalmen Berthelsdorfs Obermühle

© Matthias Weber

Das historische, stark ruinöse Gebäude wird abgerissen. Für die Stadt hat das Vorteile.

Von Anja Beutler

Mit der Obermühle schwindet dieser Tage ein sehr altes Stück Berthelsdorfer Ortsgeschichte. Denn eine Mühle an diesem Standort taucht 1544 das erste Mal in den erhaltenen Akten auf, bestätigt die Berthelsdorfer Ortschronistin Sonja Adler. Was genau an dem Haus am Ende noch original war, vermag allerdings niemand mehr so richtig zu sagen, denn im Laufe der Jahrhunderte hat die sogenannte Obermühle einiges erlebt: Mehrfach wurde sie versteigert, es gab einen Brand und Umbauten. Ihre letzte äußere Gestalt erhielt sie wohl nach einem Besitzerwechsel 1839. Und bis zuletzt erhalten geblieben ist auch eine ganz besondere Rarität: Umgebinde, das nicht ebenerdig gebaut, sondern auf ein gemauertes Untergeschoss aufgesetzt wurde und einst die gute Stube des Müllers beherbergte, erklärt Dr. Holger Rohland, der Enkel des letzten einheimischen Mühlenbesitzers.

Dass diesem Haus nun der Bagger zu Leibe rückt, war bei aller Geschichtsträchtigkeit absehbar, denn die Stadt hatte das Gebäude erworben, um es abzureißen. „Seit mehr als 20 Jahren ist das Haus nicht mehr genutzt worden und war auch zuvor schon in einem schlechten Zustand“, benennt Herrnhuts Bauamtsleiterin Ute Hähnel einen ursächlichen Grund für die Entscheidung. Denn die Verwahrlosung hatte Folgen: Das Dach war teilweise eingestürzt, die Decken konnten nicht mehr ohne Gefahr betreten werden, Putz und Ziegel lösten sich, und in dem immer feuchten Gemäuer hatten sich Hausschwamm, Insekten und Kleintiere breitgemacht, die den Zustand des Hauses weiter verschlechterten. Aus Sicht der Stadt und laut Einschätzung des Architekten Daniel Neuer, der den Stand der Dinge beschrieben hat, waren sowohl das Gebäude selbst als auch der Gartenpavillon nicht zu retten. Das Urteil lautete daher „nicht sanierungsfähig“.

Für Holger Rohland und seine Familie ist dieser Entschluss zu verschmerzen. „Wehgetan hat es schon 1986, als die Familie erkennen musste, dass sie ihren Besitz nicht halten kann“, sagt er. Denn 1986 verschenkte die Familie Rohland die Mühle, die ihr seit 1918/19 gehörte, an die Gemeinde – nicht ganz freiwillig allerdings. Zwar erhielten die Rohlands ihren Besitz 1995 zurück, doch Geld und Ideen zur Rettung waren rar. „Wir haben es an einen Berliner verkauft“, erinnert sich Rohland. Was dann folgte, war der Verfall.

Besitzerwechsel gab es in der Geschichte der Obermühle ohnehin immer wieder. Doch genutzt wurde das Gebäude tatsächlich am längsten – nämlich dreieinhalb Jahrhunderte – als Mühle. Ein Teich an der Oberen Dorfstraße belieferte den Mühlgraben am Haus mit Wasser, wobei die Erbauer ein ordentliches Gefälle einbauten: „Das hatte mehr als acht Meter Höhenunterschied, war also ein richtiger kleiner Wasserfall“, sagt Frau Adler. Bis Anfang des 20. Jahrhunderts ging das so, dann kam das Aus: „1903 ist der Betrieb als Mühle eingestellt worden“, weiß die Ortschronistin.

Laut Holger Rohland war die Wasserkraft aber auch danach wichtig: „Sie wurde zunächst weiter für eine Transmissionsanlage genutzt, die Leitungen reichten über die Straße in den ehemaligen Stall, der als Fabrikgebäude diente.“ Als das Mühlrad in den 20er Jahren auseinanderfiel, gab es bereits Elektromotoren. Doch die Mühle sattelte erneut auf Wasserkraft um, was auch dem politischen Druck im Nationalsozialismus geschuldet war. „1937/38 wurde eine Turbine eingebaut und so die Wasserkraft erneut genutzt“, sagt Rohland. Bis 1961 arbeitete man so wohl mit Wasserkraft.

Nach der Mühlen-Ära hatten sich in rascher Folge zunächst verschiedene Fabriken eingerichtet, unter anderem eine Knopffabrik. Dann folgte die Gerberei Rohland, die bis 1942 hier produzierte. Es folgte die Pantoffelproduktion, erst aus Holz, dann aus Filz, in dem einstigen Stall auf der anderen Straßenseite. Die Mühle selbst wurde zuletzt vorrangig zu Wohnzwecken genutzt. „Die letzte Mieterin ist 1996 ausgezogen“, sagt Ortschronistin Adler. Seitdem ist das Haus ungenutzt und verfällt. Ende 2016 musste die Stadt bereits Sicherungsmaßnahmen vornehmen, um Fußgänger und Verkehrsteilnehmer vor herabfallenden Dachziegeln zu schützen.

Bis Ende dieser Woche sollen die Abrissarbeiten, die ein Zittauer Unternehmen für reichlich 51 000 Euro ausführt, beendet sein. Danach soll buchstäblich Gras darüber wachsen. Zumindest auf dem Großteil der Fläche. Den neu hinzugewonnenen Platz will die Stadt aber auch nutzen, die schwierige Verkehrssituation zu entschärfen. Bislang war die Straße, die zwischen Mühle und Fabrikgebäude hindurchführte nur einspurig. Der Gegenverkehr musste über einen Verkehrsspiegel schauen, ob die Strecke frei ist. Das soll sich ändern, die Straße verbreitert und auch ein Gehweg ergänzt werden, kündigte Bürgermeister Willem Riecke (Herrnhuter Liste) an.