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Bahn investiert Rekordsumme

200 Millionen Euro werden in Sachsens Gleisen, Brücken und technischen Anlagen verbaut – 42 Millionen kommen den Bahnhöfen zugute.

© kairospress

Von Michael Rothe

Wenn Hartmut weg ist, will Max Maulwurf loslegen. Hartmut heißt das eisige Wetterhoch, das Deutschlands Baustellen weitgehend eingefroren hat, und Max ist Baustellenbotschafter der Deutschen Bahn (DB). Seit fast einem Vierteljahrhundert macht das Maskottchen auf Plakaten und neuerdings auch im ICE-Portal gute Miene zum nicht immer guten Spiel.

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„Bei den frostigen Temperaturen lassen sich weder Schienen durchtrennen noch Schrauben von den Schwellen lösen“, sagt Eckart Fricke, Konzernbevollmächtigter für Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen, also die DB-Region Südost. „Aber nächste Woche werden wir durchstarten“, verspricht er. Allzu viel Verzug kann sich der Maulwurf auch nicht leisten, denn die Bahn will in den drei Ländern in diesem Jahr gut eine halbe Milliarde Euro verbauen. Fricke nennt die 540 Millionen Euro eine „Rekordinvestition“, die „mehr Qualität und Kapazität bringen“ soll.

200 Millionen sollen in Sachsens bestehendes Schienennetz fließen. Mit weiteren 42 Millionen Euro werden Bahnhöfe im Freistaat aufgehübscht und stufenfrei ausgebaut, verrät Jeannette Winter, Regionalchefin von DB Station & Service. „Zwar ist die Mittelhalle des Dresdner Hauptbahnhofs das größte Vorhaben, doch es werden weitere 36 Stationen profitieren“, sagt sie.

Ungemach und Milliardenkosten drohen an der Bahnsteigkante. Die drei Länder im Südosten hatten sich 2011 mit der Bahn auf eine Bahnsteighöhe von 55 Zentimetern geeinigt, entsprechend gebaut und passende Züge für barrierefreien Nahverkehr angeschafft. Doch der Bund will nun alle deutschen Stationen auf eine Standardhöhe von 76 Zentimetern bringen, wie weitgehend im Westen üblich. Mitte April wird in dem Streit erneut verhandelt, und für die umzubauenden Bahnsteige im Dresdner Hauptbahnhof wird es knapp.

In Mitteldeutschland steht 2018 die Erneuerung von gut 160 Kilometer Gleisen – das sind drei Prozent des Bestands – sowie mehr als 140 Weichen und 38 Brücken an. „Das ist ein deutlicher Qualitätsschub für das Bestandsnetz“, so Fricke. Im Rahmen der Digitalisierung des Schienennetzes wolle der Konzern die Kapazitäten um bis zu 20 Prozent erhöhen und so Tausende zusätzliche Züge am Tag ermöglichen.

Neben den Investitionen in den Bestand kündigt der Konzern auch die Fertigstellung zweier Neu- und Ausbauprojekte in der Region Südost an: die neue Zugbildungsanlage in Halle (Saale) sowie den zweigleisigen elektrifizierten Güterverkehrskorridor von Ostsachsen nach Polen.

Das ausgebaute Teilstück Knappenrode–Horka gehe zum Fahrplanwechsel im Dezember zeitgleich mit Europas modernstem Rangierbahnhof in Halle in Betrieb. Zugunsten jenes neuen ostdeutschen Güterverkehrsknotens war unter anderem der Rangierbahnhof in Dresden-Friedrichstadt ausgemustert worden. Die Zugbildungsanlage ist ein Highlight im doppelten Wortsinn: Die dort eingebauten LEDs sollen laut Bahnmanager Fricke mit zehn Lux die dreifache Leuchtkraft bestehender Großanlagen haben. „Aus dem Weltall erkennt man die Chinesische Mauer – und nachts künftig auch die neue und mit LEDs beleuchtete Zugbildungsanlage in Halle“, sagt er. Weniger scherzhaft verspricht der Südost-Regionalchef: „Auch bei einem hohen Baupensum von bis zu 800 Baustellen pro Tag im Bundesgebiet, wollen wir verlässlich fahren.“ Im bestehenden Streckennetz werde daher in Korridoren gebaut, in denen unterschiedliche Arbeiten zusammengefasst und in den Jahresfahrplan integriert seien. „2018 wird in ganz Deutschland an über 100 Baukorridoren gearbeitet“, sagt Fricke. Die Kunden würden umfangreich und frühzeitig informiert und hätten keine Nachteile.

Mit ihrem Investitionsprogramm will die Bahn auch digital das große Rad drehen. Ziel sei die Digitalisierung des gesamten Schienennetzes, heißt es. Dazu gehöre die Umstellung auf entsprechende Leit- und Sicherungstechnik, elektronische Stellwerke, Fernüberwachung von Weichen, Aufzügen und Rolltreppen sowie die vorausschauende Instandhaltung für alle technischen Anlagen. Für ihr Modernisierungs- und Sanierungsprogramm sowie die angekündigten Bauarbeiten will die Bahn allein in Sachsen 90 zusätzliche Leute einstellen – darunter Ingenieure, Projektmanager, Planer, Bauüberwacher, Elektroniker, Gleisbauer und Mechatroniker.

Doch nicht alle heißen die angekündigten Millionen-Investitionen gut. „Es zeigt sich wieder, dass die Bahn einseitig auf Technik und Digitalisierung setzt und die Fahrgäste dabei vergisst“, schreibt Reinhard Ständer aus Hoyerswerda an die SZ. Die Ausrüstung aller Halte mit dynamischer Schriftanzeige bringe Reisenden nicht viel, denn sie zeige etwa am Bahnhof seines Heimatorts fast nur die Uhrzeit an, nicht aber warum ein Zug nicht kommt oder wann und wo er abfährt. „Statt in immer mehr Technik zu investieren, sollte die Bahn die Grundbedürfnisse erfüllen und die vielen geschlossenen Bahnhöfe mit Ticketverkauf, beheiztem Warteraum, Imbiss, WC wieder öffnen und zumindest auf Umsteigebahnhöfen wie Ruhland, Priestewitz und Hoyerswerda „echtes Personal“ einsetzen.

Sieht die Bahn solch konventionellen Methoden nicht, um dem eisigen „Hartmut“ zu begegnen? Schließlich gilt die Familie von Max Maulwurf als nahezu blind. Doch der Konzern hat eine andere Erklärung: Von den Empfangsgebäuden an den insgesamt 468 Bahnhöfen in Sachsen gehören nur noch 13 der Deutschen Bahn.