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Bahnlärm-Gegner fordern mehr Schallschutz

Ein erstes Treffen genervter Anwohner fällt aber ernüchternd aus. Trotzdem soll eine Petition vorbereitet werden.

© Klaus-Dieter Brühl

Von Jörg Richter

Großenhain. Alles ist bereit. Linken-Stadtrat Harald Kühne hat extra die Schlüssel für das ehemalige Feuerwehr-Gerätehaus in Zschieschen besorgt. Dort drin ist bequem Platz für 40 bis 50 Leute. So einen Andrang hat sich Kühne auch erhofft. Und diese Hoffnung ist nicht unbegründet. Denn aus mehreren Gesprächen mit Anwohnern der neuen ICE-Strecke hat er erfahren, dass sich vor allem im Stadtteil Zschieschen wegen der unvollendeten Schallschutzwände einiger Frust gegenüber der Deutschen Bahn angestaut hat. Doch wohl nicht genug. Denn zu der angekündigten Bürgerversammlung am Dienstagabend sind nur zehn Leute, inklusive Oberbürgermeister Sven Mißbach, gekommen.

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„Ich hatte gehofft, dass ein paar Leute mehr kommen würden“, sagt Kühne enttäuscht. Doch die Wenigen, die erschienen sind, tauschen ihre Erfahrungen aus, die sie im letzten Jahr während des Baues der neuen ICE-Trasse und nach deren Wiedereröffnung im Dezember gemacht haben. Dabei gibt es sowohl positive als auch negative Aspekte.

Tatsächlich äußern sich einige der Anwesenden sogar zufrieden mit dem Schallschutz. „Bei uns ist es wirklich ruhiger geworden“, sagen sie. Allerdings handelt es sich dabei um Bahnanwohner, bei denen zwischen ihrem Grundstück und den Gleisen die neuen Schallschutzwände stehen. Zuvor waren sie dem Bahnlärm direkt ausgesetzt. Das sei jetzt anders. Auch ein Anwohner der Merschwitzer Straße, der sein Haus hinter der grün-grauen Wand hat, bestätigt das. Aber das sei meist nur bei moderneren Personenzügen der Fall. Bei Güterzügen, die verstärkt nachts unterwegs sind, würde der Schrank im Wohnzimmer wackeln. „Die Schnellzüge hört man nach acht Sekunden nicht mehr“, sagt ein anderer Anwohner. „Aber die Güterzüge – das ist ein einziges Hämmern und Klopfen.“ Wiederum ein anderer empfindet dieses Geräusch sogar als „bösartig“.

Bewohner von beiden Seiten der Gleise berichten von Rissen in den Wänden. Einige führen das auf die Bauarbeiten im letzten Jahr zurück, als der Bahndamm neu errichtet wurde und große Verdichtungsmaschinen zum Einsatz kamen. Wie Anwohner der Lindenstraße und der Rosenstraße berichten, habe die Deutsche Bahn an etwa zehn Häusern die Risse untersucht und vermessen. Mehr aber nicht. Einer erzählt, dass er auf eigene Kosten den Schaden an seinem Haus hat schätzen lassen. 8 000 bis 10 000 Euro betrage dieser. Die Bahn habe ihm 2 000 Euro angeboten. Jetzt habe er die Sache seinem Anwalt übergeben. „Das läuft auf einen Vergleich raus“, sagt er. „Doch wie dieser auch ausfällt, am Ende bin ich der Dumme.“

OB ruft zu Geschlossenheit auf

Oberbürgermeister Sven Mißbach rät zu geschlossenem Handeln. Es nütze nichts, wenn jeder Hausbesitzer seinen eigenen Kampf gegen die Bahn führt. „Nur gemeinsam können wir etwas erreichen“, so der Großenhainer Rathauschef.

Das betreffe vor allem die Vereinbarung mit der DB Netz AG über zusätzliche rund 370 Meter Schallschutzwand, die innerhalb der nächsten drei Jahre errichtet werden sollen. Dieses Zugeständnis hatte die Stadtverwaltung der Deutschen Bahn abgerungen, als klar war, dass die westliche Schallschutzwand auf halber Länge zur parallel verlaufenden Merschwitzer Straße endet. Anwohner des Florian-Geyer-Weges beklagen deshalb, dass der Bahnlärm zugenommen habe. „Wir haben im Nachgang mit der Bahn unsere Probleme. Der Freigabetermin als Druckmittel ist leider weggefallen“, sagt OB Mißbach. Die Deutsche Bahn wollte unbedingt den 10. Dezember 2017 als Wiedereröffnung der ICE-Strecke halten. Was ihr auch gelang. An diesem Tag begann deutschlandweit der Winterfahrplan. Bis dahin konnte die Stadtverwaltung pokern, auf Zeit spielen und Wünsche äußern. Die Bahn willigte meistens ein. So auch bei der Vereinbarung über die zusätzlichen Schallschutzwände.

Doch wann sie errichtet werden, weiß auch der OB nicht. Deshalb hat er sich Verstärkung gesucht und war letzten Freitag im sächsischen Wirtschaftsministerium. Der dortige Abteilungsleiter für Verkehr, Bernd Sablotny, hat Mißbach zugesagt, bei der Bahn nachzuhaken. Am 13. April hat Sablotny einen Gesprächstermin bei der Deutschen Bahn AG in Berlin. Spätestens für den 16. April erwartet Mißbach eine schriftliche Antwort aus dem Wirtschaftsministerium über die Ergebnisse dieses Gesprächs. Momentan geht der OB davon aus, dass die DB Netz AG die zusätzlichen Schallschutzwände erst 2020 baut.

Um dem Ganzen Nachdruck zu verleihen, will Kühne eine entsprechende Petition verfassen. Ende April soll es wieder eine Bürgerversammlung geben, um Unterschriften zu sammeln. Dann hofft Kühne auf mehr Resonanz als am Dienstag.