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Banker der Landstraße

Das Sparkassenmobil bringt Geld in kleine Ortschaften. Den Kunden und den Betreuern geht es aber nicht nur um Bares.

© Norbert Millauer

Von Jörg Stock

Sächsische Schweiz. Mitten in Maxen steht ein roter Wagen, weiß beschriftet. Es ist nicht die Feuerwehr. Doch auch dieser Wagen kann die Rettung sein, vor allem dann, wenn das Portemonnaie leer ist. Manche nennen ihn Bankmobil, andere den Sparkassenbus. Offiziell heißt er „Fahrbare Filiale Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge 2“.

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und sich nicht im Paragrafendschungel zurechtfindet, ist schnell arm dran. Tipps und Tricks rund um Geld, Sparen und juristische Fallstricke gibt es hier zu finden.

In Dohna hebt Steffi Tappert bei den fahrenden Bankern Geld für ihre betagte Mutter ab.
In Dohna hebt Steffi Tappert bei den fahrenden Bankern Geld für ihre betagte Mutter ab. © Norbert Millauer
Sparkassenkaufleute und Trucker zugleich: René Koehlert (46, l.) und André Voigt (49) lenken abwechselnd das zehneinhalb Tonnen schwere Bankmobil.
Sparkassenkaufleute und Trucker zugleich: René Koehlert (46, l.) und André Voigt (49) lenken abwechselnd das zehneinhalb Tonnen schwere Bankmobil. © Norbert Millauer

Ein Knopfdruck, und die Eingangstüre schwenkt auf. Durch den Warteraum – drei Stühle, ein Stehtisch – geht es hinein in den Schalter. Es ist mollig warm, laut Anzeige 25 Grad. Standheizung sei Dank. Hinter dem daumendicken Panzerglas sitzen zwei Männer. Es sind Männer in den Vierzigern mit Schlips und Kragen, wie man sie in jeder Bank trifft. Ungewöhnlich sind ihre Jeanshosen. Jeans sind das Vorrecht der Banker der Landstraße, jedenfalls, solange sie nicht zerfetzt sind, sagen die beiden und feixen.

Die Männer heißen André Voigt und René Koehlert. Sie sind Bankkaufleute und schon seit Jahren Sparkassentrucker. Zu ihnen hinein in den Glaskasten darf ich nicht. Der Arbeitsraum ist Sicherheitsbereich. Dort stehen nicht nur Computer, Sparbuchdrucker und Geldzählmaschine, sondern irgendwo, verborgen unter der Arbeitsplatte, auch die Bargeldvorräte. Geld ist das, was die meisten Kunden wollen. Etwa 95 Prozent sind Rentner. Viele kommen nicht mehr weg vom Dorf, sagt René Koehlert. „Die freuen sich, dass es uns gibt.“

Maxen ist heute schon bedient. Der Truck zieht seine Treppe ein und die Stützbeine. Bereit für den Stellungswechsel. Sacht steuert André Voigt das zehneinhalb Tonnen schwere Gefährt die Straßenwindungen zum Müglitztal hinunter. Seit 2000 arbeitet der Dippser auf dem Bus. Den Lkw-Führerschein hat er schon viel länger, seit seiner Lehre als Agrotechniker. In der LPG fuhr er Traktoren, W-50-Laster und Mähdrescher. Er denkt gern an die alten Zeiten. „Aber bei der Sparkasse ist es auch schön.“

Bei der Bank fing Voigt als Haustechniker an, setzte sich dann auf den Hosenboden und machte seinen Kaufmann. Auch René Koehlert ist Seiteneinsteiger. Eigentlich Autoschlosser, war er vier Jahre Chauffeur von Johannes Schropp, Chef der Kreissparkasse Pirna-Sebnitz. Das Fahren machte Laune. Dann büffelte auch er für den Aufstieg. „Man muss ja weiterdenken.“

Mittags in Mühlbach. Bei gutem Wetter stehen die Leute oft schon parat und warten auf das Kassenauto. Die Stammkundenquote ist extrem hoch, sagt René Koehlert. Viele kennt man schon mit Namen, wenigstens aber dem Gesicht nach. Es ist schon vorgekommen, sagt Koehlert, dass ihm ein Name nicht gleich eingefallen ist. Dafür aber die Kontonummer.

Heute wartet niemand auf die rollende Bank. Dann trudelt eine alte Dame mit Rad ein, um sich „reich“ zu machen, wie sie augenzwinkernd erklärt. Sie lobt die Mobilfiliale. „Wir würden sie sehr vermissen, wenn sie nicht mehr da wäre.“ Zwar fährt die 76-Jährige noch selber Auto, kommt aber trotzdem gern zum roten Wagen vor ihrer Haustür, um Geld abzuheben oder Beträge zu überweisen, etwa die Pacht für ihren geliebten Kleingarten. Apropos: Da muss sie jetzt gleich hin, sagt sie, und nachgucken, was die Wühlmäuse treiben.

Gleich darauf steigt ein Mann in blauer Arbeitsmontur an Bord. Auch er will sich frisches Geld besorgen. „Damit ich meine Frau wieder zum Essen einladen kann.“ Er findet die rollende Sparkasse praktisch. In drei Schichten geht er arbeiten. Da will er nach Feierabend nicht noch zum Bankautomaten hinkutschen. Zufrieden steckt er die gefüllte Brieftasche weg. Es bleibt reichlich Zeit, bis die Nachtschicht losgeht.

Bisher noch kein Raubüberfall

Fahrende Banker gab es schon im Sozialismus. Wöchentlich kamen sie aufs Dorf, um kleinere Geldgeschäfte abzuwickeln. Auch in Mühlbach war das so. Hier fand der Zahlungsverkehr im Gemeindeamt statt. 1990 ging der Bankbus in die Spur, zuerst bei der Kreissparkasse Pirna. Inzwischen bietet die Ostsächsische Sparkasse Dresden fünf Touren zwischen Osterzgebirge und Oberlausitz an. Jede Woche machen die roten Laster in rund einhundert Orten Station.

André Voigt und René Koehlert sind gerne auf Achse. Hier draußen sieht man mehr als im Bankhaus, sagen sie, wo man morgens reingeht und abends wieder raus. Auch ist die Atmosphäre in der Mobilfiliale gemütlicher. Hier ist nicht bloß das Geld wichtig, sondern auch die Kommunikation. Erst stecken die Leute ihre Scheine ein, dann wird die Lage in der Welt und im Dorf erörtert, wird erzählt, wer im Krankenhaus liegt und wer goldene Hochzeit feiert. „Wir kennen viele Geschichten“, sagt André Voigt. Was sie kaum kennen, sind Beschwerden. So gut wie nie schimpft einer über das Zinstief oder die Gebühren, sagt René Koehlert. „Es ist definitiv ein anderer Menschenschlag, als in der Stadt.“

Ankunft in Dohna. Auf dem Parkplatz vorm Penny herrscht Betrieb. Eilig werfen die Leute Überweisungszettel in den Kasten der Mobilfiliale ein. Steffi Tappert lässt sich ein paar Hundert Euro für ihre Mutter auszahlen. Die wird bald neunzig, erzählt sie, und kommt mit den Automaten nicht klar. „Das bringen die alten Leute nicht.“

André Voigt füllt Wasser in die Kaffeemaschine. Der Tag ist noch lang. Bald wird es dunkel. Ist der Bankwagen ein riskanter Arbeitsplatz? Die Männer fühlen sich sicher hinter ihrem Glaspanzer. Ein Räuber hat hier noch nie vorbeigeschaut. „Zum Glück“, sagt René Koehlert, und klopft dreimal auf die hölzerne Tischplatte, und dann gleich noch dreimal, so, als wollte er sichergehen, dass es auch so bleibt.