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Bannewitz: Ein Zufluchtsort für junge Eltern

In der Mutter-Vater-Kind-Einrichtung bekommen Familien Unterstützung im Alltag. Nicht alle schaffen es, aber es gibt Lichtblicke.

Die schönsten Momente für Anke G. sind die Spielstunden mit ihren Kindern Freya und Nils in der Mutter-Vater-Kind-Einrichtung in Bannewitz.
Die schönsten Momente für Anke G. sind die Spielstunden mit ihren Kindern Freya und Nils in der Mutter-Vater-Kind-Einrichtung in Bannewitz. © Daniel Schäfer

Nils rennt wie ein Wirbelwind durch die Gänge des einstigen Schulhauses an der Kaitzer Straße im Bannewitzer Orsteil Cunnersdorf. Sein Vater, der gerade zu Besuch ist, muss als Pferdchen herhalten. „Schneller, schneller“. Der Dreijährige gluckst vor Freude.

Seine Schwester Freya robbt hinterher. Sie ist eineinhalb. Es geht ihnen gut. Zumindest in diesem Moment in dieser Umgebung. Denn Nils und seine Schwester haben in ihrem erst kurzen Leben auch schon andere Zeiten erlebt. Beide wohnen seit einem Dreivierteljahr mit Mama in der Mutter-Vater-Kind-Einrichtung in Bannewitz. An manchen Tagen wie heute kommt der Papa der Kinder zu Besuch – und darf auch übernachten, wenn er sich an Regeln hält.

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Betreut und umsorgt von Sozialpädagogen und Erziehern

In der Einrichtung der Bürgerhilfe Sachsen finden sechs Mütter oder Väter mit bis zu zehn Kindern eine Unterkunft. Rund um die Uhr werden sie von acht Mitarbeitern – Sozialpädagogen und Erziehern - betreut und umsorgt, lernen unter Anleitung, ihren Tagesablauf mit Kindern zu organisieren.

Momentan seien nur Mamas mit ihren Töchtern und Söhnen da, sagt Theresa Schaarschmidt, die Leiterin des Hauses. Die jüngste Mutter ist 15, die älteste Mitte 20. Die Einrichtung in Cunnersdorf ist ein Zufluchtsort für Eltern, die aus sozial schwierigen Verhältnissen kommen, psychische Probleme haben, in die Sucht abrutschen oder ihren Alltag nicht allein organisieren können. Für die Mütter ist die Betreuung dort oft der einzige Weg, um sich trotzdem weiter um die Kinder kümmern zu können.

Hilfsangebote für junge Mutter

Auch für Anke G., die Mutter der beiden Kleinen, ist das eine Chance. Als sie 16 war, wurde ihre eigene Mutter zum Pflegefall, der Vater starb, als sie gerade volljährig wurde. „Mir hat niemand beigebracht, erwachsen zu werden“, sagt die heute 25-Jährige nachdenklich und streicht ihrer Tochter über den Kopf. Sie hätte Depressionen, sei mit den Kindern überfordert.

Doch sie habe versucht, als Schwangere ihre Suchtprobleme mit einem Angebot des Uniklinikums Dresden in den Griff zu bekommen, sagt Betreuerin Jeannette Weichelt. „Mama denk an mich“ heißt das Projekt dort, für das Ärzte aus den Bereichen Geburtshilfe, Neugeborenenmedizin und Suchttherapie zusammenarbeiten. Noch hat die junge Frau es nicht ganz geschafft, aber sie kämpfe, wie sie sagt. Für ihre Kinder.

Vielleicht bald eine eigene Wohnung

Im September habe sie eine Wohnungsbesichtigung in Bannewitz, wo sie gern auch bleiben möchte. Vorerst.

Denn hier hat sie eine Arbeit in der Gastronomie gefunden. Auch wenn sie dort nicht in der Küche arbeitet, so sei das ihre Leidenschaft, sagt sie. Fast Food gebe es für ihre Kinder nicht: „Geschnetzeltes mit Reis oder Hähnchengerichte koche ich gern.“

Dass sie von ihrem Lohn einen Teil an das Jugendamt abgeben muss, ist für sie kein Problem. „Wir werden doch hier versorgt, da ist es ganz normal“, sagt sie. „Das Jugendamt berechnet, wieviel Geld monatlich abgegeben werden muss. Das sind nach aktueller Gesetzeslage maximal 25 Prozent des Einkommens. „Geld, das für die Finanzierung des Einrichtungsplatzes verwendet wird“, ergänzt Schaarschmidt.

Oft helfen schon tröstende Worte

Gern möchte Anke G. auch ihre große Tochter, die jetzt sechs Jahre alt ist, wieder bei sich haben. Die lebt bei ihrem Papa. Dass das schwierig ist, weiß sie. Auch Theresa Schaarschmidt sieht das noch problematisch, macht der 25-Jährigen trotzdem Mut. Dabei hilft auch, die jungen Frauen Stück für Stück loszulassen.

Von Anfang an gehen die Mütter einkaufen, lernen dabei, mit Geld umzugehen, kochen selbst, manchmal auf der Etage gemeinsam. Natürlich dürfen sie immer fragen, auch ihr Herz ausschütten. Jeannette Weichelt kennt das. Und nicht nur, weil sie mit 54 Jahren die Älteste im Helfertrupp ist, übernimmt sie gern die Mutter-Rolle, tröstet junge Frauen, die Liebeskummer haben oder wegen anderer Probleme in Tränen ausbrechen. Beispielsweise dann, wenn die eigenen Eltern sie verstoßen haben und sie keinen Halt mehr finden. Manchmal sind sie ganz einfach überfordert und brauchen Hilfe.

Irgendwann zurück zur Familie

Madlen H., 24, ist mit ihrem Sohn Henry schon zwei Jahre hier. Für sie ist es nicht die erste Einrichtung, in der sie untergekommen ist. Auch sie hat psychische Probleme, leidet an Borderline und kam durch ihren Ex-Partner an Drogen. Wie die Kinder von Anke G. geht ihr Henry tagsüber in eine Bannewitzer Kindereinrichtung.

Madlen H. arbeitet seit Juni als Alltagsbegleiterin, will eine Ausbildung zur Pflegekraft beginnen und dabei ihren Führerschein machen. Auch sie kocht gern für sich und ihr Kind. Klops und Goulasch zum Beispiel. Ihr größter Wunsch? Eine eigene Wohnung und später zurück zur Familie in den Spreewald, wo sie gerade Urlaub macht. Für sie nach einer langen Odyssee ein besonders schwerer Weg, weiß Betreuerin Weichelt. Und auch auf diese junge Mutter wartet noch ein Kind, die dreijährige Tochter Leonie. Von ihrem drogenabhängigen Vater ist sie inzwischen weg und lebt bei einer Tante.

Regelmäßig Gespräche mit dem Jugendamt

Bis sie eine eigene kleine Familie um sich haben kann, muss Madlen H. noch einige Alltagsaufgaben meistern. „Manchmal vergessen die Mütter selbst hier in der Einrichtung für Momente ihre Kinder, lassen sie unbeaufsichtigt, ohne jemandem etwas zu sagen. Das darf nicht sein“, sagt Weichelt. Auch bei Henry war das schon so. „So lange das nicht funktioniert, sind die Mütter nicht stark genug, allein mit ihren Kindern zu leben“, sagt die Betreuerin, an deren Bürotür gerade wieder eine junge Bewohnerin klopft.

„Ab dem Tag, an dem sie zu uns kommen, beobachten wir, wie sich die jungen Frauen entwickeln “, sagt Schaarschmidt, die selbst gerade 29 Jahre alt ist. Alle sechs Monate würde ein Gespräch stattfinden, bei dem die Situation mit dem Jugendamt beurteilt wird. „Dabei legen wir immer fest, woran noch gearbeitet werden muss.“

Ins Ungewisse wird niemand entlassen

Die meisten bräuchten länger Zeit, so wie Madlen H. Minderjährige dürften sowieso bleiben, bis sie 18 sind. „Um den Weg in ein eigenes Leben, zu einer eigenen Wohnung, zu Arbeit oder Ausbildung zu ebnen, arbeiten wir eng mit den Jugendämtern zusammen“, sagt die Einrichtungsleiterin.

Je eher die Muttis und Vatis ihren eigenen Weg gehen können, umso besser. Ins Ungewisse aber werde niemand entlassen, so Theresa Schaarschmidt. Dabei ist die Warteliste lang, nicht erst seit der Corona-Pandemie. Auch wenn es in der Hoch-Zeit der Pandemie schwieriger gewesen sei, das Haus zeitweise vollständig unter Quarantäne stand.

Madlen H. braucht noch viel Zeit, um ihren Sohn Henry immer so ausreichend umsorgen zu können wie hier beim Spielen. Sie bekommt Hilfe von den Betreuern in der Mutter-Vater-Kind-Einrichtung in Bannewitz.
Madlen H. braucht noch viel Zeit, um ihren Sohn Henry immer so ausreichend umsorgen zu können wie hier beim Spielen. Sie bekommt Hilfe von den Betreuern in der Mutter-Vater-Kind-Einrichtung in Bannewitz. © Daniel Schäfer

Aufnahmewünsche kämen nicht nur aus der Region, sondern auch von weiter her, zum Beispiel aus Brandenburg, der Heimat von Madlen H. Oft müssten Anfragen abgelehnt werden, weil einfach der Platz nicht reicht. „Das tut weh, aber wir verweisen an die zuständigen Jugendämter“, sagt Schaarschmidt.

Betreuer wünschen sich frühere Aufklärung

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Trotz aller Schwierigkeiten eint alle Bewohner die Liebe zu ihren Kindern. Und die Betreuer im Bannewitzer Heim freuen sich immer dann, wenn sie bei Wiedersehenstreffen Mütter und Väter erleben, die Arbeit, Wohnung und ihr Familienleben im Griff haben. Aber es gibt auch andere Fälle. „Um die müssen wir kämpfen“, sagt Weichelt und wünscht sich viel mehr Aufklärung schon in Kindereinrichtungen und Schulen. Das sei vor allem für jene wichtig, bei denen das Elternhaus versagt oder gar nicht mehr existiert.

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