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Geschichtsstunde im Hobbykeller

Ein Coschützer beschäftigt sich seit 32 Jahren mit dem Bergbau in der Freitaler Region - und hat selbst Unikate vor der Zerstörung bewahrt.

Hobbybergmann Uwe Jaschik aus Dresden-Coschütz hat sich einen Kellerraum als Stolln ausgebaut - mit allerlei Utensilien auch vom Bergbau im Döhlener Becken.
Hobbybergmann Uwe Jaschik aus Dresden-Coschütz hat sich einen Kellerraum als Stolln ausgebaut - mit allerlei Utensilien auch vom Bergbau im Döhlener Becken. © Karl-Ludwig Oberthür

Uwe Jaschik bedient die Anschlägerglocke. Nicht irgendwo im Bergbau oder in einem Museum. Die hängt bei dem Coschützer zu Hause im Keller, quasi unter Tage. Dieser Raum verrät noch mehr über das Hobby des 64-Jährigen.

Gleich nebenan zeigt er auf eine Signaltafel für den Betrieb des Förderkorbes, der die Bergleute hinab in den Abbaubereich bringt. Schnell wird auch einem Unkundigen klar, dass für das Signal „Halt“ ein Schlag, für „Auf“ zwei und für „Hängen“ drei Schläge nötig sind.

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Vorbei geht der Mini-Rundgang durch das private Bergbaumuseum am Teil einer Fahrt, wie die Leiter im Bergbau heißt, einer Sicherheitslampe, die den Methangasgehalt tief unten im Stollen misst, einem Steigerhammer und einer Lederjacke, wie sie Bergleute hier im Revier getragen haben. Das meiste der Utensilien stammt von der Wismut, einige wenige Stücke wie die Anschlägerglocke sind aus dem Erzgebirge.

Auf Suche in einstigen Revieren

Bei Jaschik, der in Coschütz gleich neben dem Gebiet des einstigen Steinkohlebergbaus im Döhlener Becken wohnt, weckten Freunde vor 32 Jahren seine Lust, durch verlassene Bergbaugebiete zu streifen, Archive und Beiträge zu durchforsten. Das war die Zeit, als die Wismut die Erzkohlegewinnung für Uran im Bannewitzer Revier aufgab, auf Halden und in Bergwerken Relikte des Kohleabbaus zurückblieben. Seitdem lässt den einstigen Gartenbauingenieur die Geschichte nicht mehr los.

Als jetzt mit dem geplanten Bau von Westernrestaurant und Motel neben Real an der B170 in Bannewitz auch von der Sicherung des dort befindlichen Wetterschachtes die Rede war, wurde Jaschik hellhörig.

Er kennt noch die Zeit, als rund um den 1971 durch die SDAG Wismut abgeteuften Schacht Gebäude aus dem aktiven Bergbau standen. Der Schacht, so weiß Jaschik, sei im hiesigen Wismutgebiet der einzige Abwetterschacht gewesen, durch den die verbrauchte Luft aus den Gruben abgesaugt wurde.

Schacht 402 ist heute zugewachsen

Nur 100 bis 200 Meter entfernt sei erst die Steinkohle später für die Wismut Erzkohle abgebaut worden. "Schacht Nummer 402", sagt Jaschik sofort. Die Wismut hätte alle Schächte nummeriert.

Vielleicht seien die ersten Verantwortlichen und Mitarbeiter der Aktiengesellschaft, die aus der damaligen Sowjetunion kamen, um Uran zu gewinnen, nicht perfekt in der deutschen Sprache gewesen, vermutet der Coschützer. Zahlen seien dann einfacher zu merken.

Er zeigt die einstigen Schächte 1 und 2 in Freital-Gittersee, kennt die Geschichte von Oppel- und Marienschacht - und vom Tiefen Elbstolln, der in Freital beginnt und im Dresdner Stadtteil Löbtau Wasser in die Elbe ableitet. Dieser Stolln diene noch heute der untertägigen Wasserabführung, sagt er.

Zurück in Bannewitz zeigt Jaschik auf die Stelle, wo die 402 war. Er ist im Dickicht von wildwachsenden Sträuchern und Gräsern kaum auszumachen. Heute deutet nur noch ein grauer Deckel auf den längst verfüllten Schacht hin, der aber auch nach der Bebauung noch regelmäßig kontrolliert werden muss.

Rarität vom Bergbaubetrieb "Willi Agatz"

Zurück in Coschütz im privaten Stolln der Familie Jaschik. "Hier habe ich noch eine Rarität. Das ist das letzte Steigerauftragsbuch vom Bergbaubetrieb ,Willi Agatz' aus dem Jahr 1991, als die letzten Bergleute für die Demontage von Einbauten unter Tage verantwortlich waren." An das Steigerbuch hatte dabei offenbar niemand mehr gedacht, so Jaschik. Mit ein paar Wetterspuren aus der Tiefe hätte es noch einen besonderen Wert.

Auch Schilder gehören zur Sammlung von Uwe Jaschik - und mit dem letzten Steigerauftragsbuch aus dem Bergbaubetrieb "Willi Agatz" in Bannewitz eine besondere Rarität.
Auch Schilder gehören zur Sammlung von Uwe Jaschik - und mit dem letzten Steigerauftragsbuch aus dem Bergbaubetrieb "Willi Agatz" in Bannewitz eine besondere Rarität. © Karl-Ludwig Oberthür

Ihm reicht es aber nicht, die Bergbaugeschichte des Döhlener Beckens und des Erzgebirges zu studieren. Er arbeitet selbst Vorträge aus, spricht vor Gleichgesinnten und Interessierten, arbeitet aktiv im Bergbautraditionsverein der Wismut und im Bergbauverein Schneeberg mit.

Gerade beschäftigt er sich mit dem Altbergbau in Bad Schlema. Und er wagt sich noch etwas weiter weg, wenn er sich in 500 Jahre Bergbau von St. Andreasberg im Harz vertieft. Interessieren würde Jaschik, der mit seinen zahlreichen Rebstöcken im Garten hinter dem Bergbaukeller auch noch Hobbywinzer ist, zudem noch das weite Feld des Bergrechts.

Selbst eine "Armut" hängt im Stolln

Nebenbei hat Uwe Jaschik im Blick , wenn die Baufahrzeuge vermutlich noch Ende dieses Jahres auf dem Gelände des Wetterschachtes 402 neben der B170 in Bannewitz anrücken.

Spätestens dann wird er noch einmal dort gewesen sein, am Relikt einstiger Bergbaugeschichte der Region. Er dreht sich in seinen Stolln um und zeigt auf ein Netz mit einem Stück Holz. "Das ist die sogenannte Armut", sagt er. Bergleute hätten früher Reste der Holzstempel, die im Bergwerk zum Abstützen gebraucht wurden, mit nach Hause genommen, um sie zu verfeuern.

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Vermutlich, weil manche Familie mit dem Bergarbeiterlohn des Vaters, Großvaters oder Sohnes kaum den Lebensunterhalt absichern konnte, sei dieser Begriff entstanden, so Jaschik. Der will weiter Ausschau halten, ob noch irgendein Gegenstand aus dem Bergbau seine Sammlung bereichern könnte. Auch wenn die meisten Halden heute verschwunden, Schächte zugewachsen und Gebäude abgerissen sind, so bleibt er auf der Pirsch.

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