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„Es ist viel Kraft verloren gegangen“

Jens Hieckmann sitzt bei Dynamo Dresden im Aufsichtsrat. Große Sorge bereitet ihm aber der Freizeit- und Amateursport.

Nimmt kein Blatt vor den Mund: Jens Hieckmann.
Nimmt kein Blatt vor den Mund: Jens Hieckmann. © Andreas Weihs

Die Saison in der Fußball-Landesliga und den vier Landesklasse-Staffeln steht vor dem Abbruch. Der Sächsische Fußball-Verband (SFV) erarbeitet ein Szenario zur vorzeitigen Beendigung der Meisterschaft. Doch wie geht es 2021/22 weiter? Jens Hieckmann, der bei Dynamo Dresden im Aufsichtsrat sitzt und sich beim SV Bannewitz um die Belange der ersten Männer-Mannschaft kümmert, sucht nach Antworten – und übt zum Teil harsche Kritik.

Jens, wie geht es Ihnen?

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Im April wird die Saison wahrscheinlich abgebrochen. Was sagen Sie dazu?

Völlig emotionslos nimmt man so eine Entscheidung sicher nicht hin, aber man stumpft doch etwas ab. Meine Meinung hat wenig Gewicht. Aber was ist denn mit unserem Verband, der immerhin über 25.000 Klubs vertritt, fast sieben Millionen Mitglieder hat, der größte Sport-Fachverband der Welt ist? Wo bleibt das öffentliche Statement? Damit meine ich keine Lippenbekenntnisse, sondern einen kraftvollen, dauerhaften Auftritt, der auch Druck erzeugt. Der DFB hätte doch die Kraft, vorzutreten und für den Sport im Allgemeinen zu sprechen und zu fordern. Es geht nicht nur um Fußball, nicht nur um unsere Saison – der Breitensport liegt bundesweit brach!

Sie sitzen im Aufsichtsrat bei Dynamo Dresden. Kritisiert wird, dass beispielsweise die Bundesliga-Junioren trainieren dürfen, im Amateurbereich aber bis Mitte März nichts ging. Ihre Meinung?

Ich kritisiere nicht, dass Jugendliche bei Dynamo trainieren dürfen. Kritikwürdig ist, dass es allen anderen verwehrt wird, Lösungen nicht aufgezeigt werden. Sport ist systemrelevant, das geht aber in der allgemeinen Stimmung unter. Wir dürfen uns nicht gegeneinander ausspielen, nicht im Sport und nicht in anderen Bereichen des täglichen Lebens. Sport muss genauso Priorität genießen wie die Wirtschaft. Das Engagement, das nötig war, um Hygienekonzepte zu erstellen, war doch für die kleinen Vereine mit einem unheimlichen Aufwand verbunden. Nach einem Jahr Pandemie darf man erwarten, dass in allen Lebensbereichen klare, verständliche und vor allem einheitliche Regelungen greifen.

Der Bannewitzer Markus Stephan (links) und der Freiberger Stefan Richter im Duell. Der SVB hatte das Heimspiel gegen den Titelanwärter mit 2:1 gewonnen. Seit fünf Monaten aber ruht der Spielbetrieb.
Der Bannewitzer Markus Stephan (links) und der Freiberger Stefan Richter im Duell. Der SVB hatte das Heimspiel gegen den Titelanwärter mit 2:1 gewonnen. Seit fünf Monaten aber ruht der Spielbetrieb. © Egbert Kamprath

Dürfen Sie zu den Heimspielen der Dresdner ins Stadion?

Ja, als Aufsichtsratsmitglied darf ich im Zuge des Gesamtkonzeptes unter den gültigen Hygiene-Auflagen bei den Heimspielen im Harbig-Stadion präsent sein.

Verstehen Sie die Regelung, warum nur Kinder und Jugendliche unter 15 Jahren auf den Platz zurückkehren konnten?

Nein, die verstehe ich nicht. Überspitzt müsste ich aber antworten, dass ich das auch nicht muss, schließlich ist diese Regelung schon wieder hinfällig. Wir können es unseren Kindern und Jugendlichen nicht mehr zumuten, dass sie ihre Lebendigkeit, ihren Bewegungsdrang und nicht zuletzt ihrer Bedürfnisse so beraubt werden.

Hand aufs Herz. Wie groß ist Ihre Lust, sonntags wieder auf dem Fußballplatz zu stehen und den Bannewitzer Jungs in der 7. Liga zuzuschauen?

Ich wäre lieber heute als morgen dort. Allerdings ist im letzten Jahr viel Kraft verlorengegangen. Schon nach dem Restart im Sommer 2020 merkte ich, dass Einiges im Umfeld weggebrochen ist. Als Ehrenämtler kann man nicht rundum die Uhr beim Verein sein, aber plötzlich war der persönliche Kontakt weg. Klar nimmt man mal das Telefon in die Hand, aber ich bin auch ehrlich und sage, dass das nachlässt. Und die Sponsorensuche wird noch schwieriger. Jeder sortiert jetzt sein eigenes Leben neu. Und wenn es wieder losgeht, sind diese Probleme definitiv nicht kleiner – im Gegenteil. Da braucht es schon eine gehörige Portion Motivation und davor habe ich Respekt. Das schiebst du nicht nebenbei mal so an.

Glauben Sie, dass alle Vereine 2021/22 wieder in der Landesliga und Landesklasse antreten?

Das weiß ich nicht, aber den Verbänden wird auf die Füße fallen, was sie seit Jahren vor sich herschieben – nämlich eine Reform der Spielklassen. Darüber habe ich schon oft gesprochen. Nun bin ich mal gespannt, wie die Protagonisten ihre Spielklassen zusammenbasteln. Wir fahren in der Landesklasse Mitte inzwischen bis nach Döbeln, Chemnitz, Colditz oder Gröditz.

Konnten Sie schon „abklopfen“, ob alle Landesklasse-Kicker dem SV Bannewitz weiter die Treue halten?

Stand heute, kann ich Ihnen diese Frage leider nicht beantworten. Abmeldungen sind meines Wissens noch nicht beim SV Bannewitz eingegangen. Allerdings, ob am ersten Trainingstag dann auch wirklich alle Landesklasse-Kicker auf dem Trainingsplatz stehen, weiß ich auch nicht.

Der SV Bannewitz hat sich der Initiative „Amateursport in Sachsen“, die vom VfL Pirna-Copitz initiiert wurde, angeschlossen. Was halten Sie davon?

Eine gut gemeinte und wichtige Sache. Ich befürchte aber, dass diese Initiative dann doch etwas zu klein ist. Bitte nicht falsch verstehen, da haben sich die Initiatoren ins Zeug gelegt, versuchen sich Gehör zu verschaffen, das verdient uneingeschränkten Respekt. Trotzdem bin ich hier aber wieder bei meiner Kritik an den Verbänden. Ihre Profivereine anzuweisen, dass sie aller paar Jahre mal ein Plakat ihren Spielern in die Hand drücken auf denen steht „Danke an das Ehrenamt“, ist das eine. Das tut nicht weh, sieht gut aus und beruhigt wahrscheinlich das Gewissen. Nur wo bleibt ein einheitlicher, wirklich starker Auftritt für den Breitensport? Der Verband hat eine gesellschaftliche Verantwortung. Diese Gesellschaft ist so schwer beschädigt, jetzt wäre Zeit, Woche für Woche Flagge zu zeigen. Bundeskanzlerin Merkel war gefühlt bei jeder WM bei den Spielern in der Kabine, aber jetzt ist es an der Zeit, sich um die Wurzeln zu kümmern.

Ihr Heimatverein Dynamo Dresden ist auch ein Profiverein ...

Ja, das stimmt und zur Wahrheit gehört leider auch, dass ich das Wappen meines Heimatvereins auf der Initiative des VfL Pirna-Copitz vermisst habe. Persönlich bedauere ich das sehr, da ich weiß, dass das von den Organisatoren angestrebt war. Aber vor allem hätte ich mir gewünscht, dass der DFB sich viel mehr, viel lautstärker, viel offensiver und dauerhafter für den gesamten Sport in diesem Land eingesetzt und als Sprachrohr und Zugpferd fungiert hätte.

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