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„Barbarische Behandlung“

Welches Geheimnis umgibt die verfallene Villa an der Zittauer Straße in Görlitz-Weinhübel? Ein Familienmitglied hat sich jetzt gemeldet und erhebt Vorwürfe gegen die Stadt und den Landkreis.

© Nikolai Schmidt

Von Prof. Dr. Alfred Grafe

Welches Geheimnis umgibt die verfallene Villa an der Zittauer Straße in Weinhübel? Ein Familienmitglied hat sich jetzt gemeldet, erhebt Vorwürfe gegen die Stadt, den Landkreis. Letzterer verweist darauf, dass die Stadt verantwortlich gewesen sei, die Ereignisse auch schon viele Jahre zurückliegen. Die Stadt beruft sich darauf, über Verwaltungsverfahren keine Auskünfte erteilen zu können, verweist auf das ihrer Ansicht nach verantwortliche Landesamt für offene Vermögensfragen. Hat also niemand in Görlitz Schuld am Zustand der Villa in Weinhübel? In dem Schreiben, das der SZ vorliegt, klingt es anders. Die SZ veröffentlicht es leicht gekürzt als Gastbeitrag.

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Diese Villa ist kein Rätsel, denn in Görlitz gibt es noch eine Menge Personen, die von der Zerstörung der Villa und des gesamten landwirtschaftlich genutzten Gutes passiv in den städtischen Ämtern Kenntnis hatten oder aktiv als ehemalige Mitglieder des Rates der Stadt Görlitz, als städtische Dezernenten, Stadträte, Oberbürgermeister, Landrat oder als Besitzer einer Tankstelle an der barbarischen Behandlung des gesamten Besitzes beteiligt waren. Keiner von ihnen wird in der Gegenwart Wert darauf legen, im Zusammenhang mit der Villa und dem Hof genannt zu werden.

Die Jugendstilvilla war mit einem Teich, einer kleinen Parkanlage und einem gepflegten Garten so wunderschön, dass sie auf einer Ansichtskarte von Leschwitz als Glanzstück des Ortes bezeichnet wurde. Nach dem Tode des Eigentümers im Jahr 1950 und dem beginnenden Legen der Bauernhöfe durch ihre Kollektivierung erwachte die Begierde der Stadt, diese Gebäude mit den dazugehörigen Flächen zu besitzen. Die Erbengemeinschaft ging 1958 mit 42,9 Hektar an die neu gebildete LPG Frohe Zukunft. Der Villen- und der Hofteil blieben vorerst bei der Familie. Der Kampf auch um diesen Teil sollte aber bald beginnen.

Da haben wir zuerst die Enteignung der Erbanteile der zwei im Westen wohnenden Töchter 1967 und 1979. Es folgt die Begierde des Rates des Kreises um die Wirtschaftsgebäude und den Hofraum zur Errichtung eines Reitstützpunktes. Der Kreis und die Stadt waren Ende 1982 mit drei Kaufverträgen siegreich: Der Villenteil ging an die Stadt, der Hofteil wurde Eigentum des Volkes. Mit dem baldigen Auszug der Familie aus der im guten Bau- und Wohnzustand befindlichen Villa begann 1984 ihr Leidensweg und ihr langsamer und sicherer Tod. Das Ergebnis war unter anderem die Totalzerstörung aller Inneneinrichtungen und aller handwerklichen Jugendstil-Kunstwerke, Möbel, Türen, Treppen, Glasfenster.

Was mit der Villa unter Duldung städtischer Behörden und Personen und nach der Wiedervereinigung im Rückgabeverfahren mit Unterstützung städtischer Behörden und Personen geschah, dafür gibt es die Begriffe Banden, Plündern, Vandalismus, Vetternwirtschaft, Korruption, Amtsmissbrauch, rechtswidrige Verträge, eine Hand wäscht die andere und anderes mehr. Einige dieser Ereignisse würden für Gerichtsverfahren reichen, die wir aber erst nach der Rückgabe hätten einleiten können.

Die Stadt schloss Verträge, veräußerte Land, ließ unsinnigerweise den Villenteil und den Garten in die Liste des Denkmalschutzes eintragen, schloss einen Pachtvertrag mit dem Reitverein und anderes mehr. Die Rückgabe des Villenteils verzögerten die Stadt und der Landkreis mit einem Rechtsstreit bis 1999. Nach der Rückübertragung an zwei Erben und den Landkreis ließ ich ein Wertgutachten über die Gebäude und die dazugehörigen Flächen, insgesamt 14 158 Quadratmeter, vom Gutachterausschuss der Stadt erstellen. Es war die Grundlage für Gespräche mit Kaufinteressenten. Der Verkauf scheiterte nicht am Verkehrswert, sondern an der Höhe der geschätzten Renovierungskosten, am Denkmalschutz und am verpachteten Hof.

Das Scheitern veranlasste die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben 2006 zur Einleitung der Versteigerung des Villenteils. Dabei erwarb eine Frau aus Reutlingen das Grundstück für 10 500 Euro. Der denkmalgeschützte Garten war inzwischen nicht nur durch Verkauf verkleinert, sondern auch zerstört worden, auch durch die Pferde des Reitvereins, und ohne das Eingreifen des Leiters der Denkmalschutzbehörde.