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Quatitz hat künftig keinen eigenen Pfarrer mehr

Nach 28 Jahren in der Gemeinde geht Wilfried Noack in den Ruhestand. Dass die Stelle nicht nachbesetzt wird, hat für ihn einen großen Vorteil.

Die schlichte Holzbank neben dem Quatitzer Pfarrhaus ist einer der Lieblingsorte vom scheidenden Pfarrer Wilfried Noack. Hier könne man sich bestens unterhalten, findet er.
Die schlichte Holzbank neben dem Quatitzer Pfarrhaus ist einer der Lieblingsorte vom scheidenden Pfarrer Wilfried Noack. Hier könne man sich bestens unterhalten, findet er. © SZ/Uwe Soeder

Großdubrau. Eine simple Holzbank, davor ein kleines Tischchen - dieser Platz im Garten des Quatitzer Pfarrhauses ist Wilfried Noack ans Herz gewachsen: "Ich sitze gern hier und rede mit den Menschen", sagt der 65-Jährige. Den Männern bringe er dann manchmal Bier. Und selbst, wenn niemand zugegen sei, sei dies ein guter Ort. Weil Noack so neugierig ist und von hier aus ganz genau im Blick habe, was auf dem Hof der Quatitzer Kirche vor sich gehe, gibt er zu.

Vor sich gegangen dürfte dort einiges sein, über das sich vortrefflich reden lässt, seit Wilfried Noack vor 28 Jahren zurück nach Quatitz - in seine alte Heimat - gerufen wurde. Dem voraus ging eine bewegte Zeit. Noack, der aus Briesing, einem Malschwitzer Ortsteil stammt, wurde in Malschwitz getauft und konfirmiert - "weil meine Eltern das so wollten", wie er sagt.

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Der Religion gegenüber sei er zwar immer aufgeschlossen, sein Sinn für den Glauben stets groß gewesen - eine Laufbahn als Theologe oder gar Geistlicher sei ihm in jungen Jahren aber nie in den Sinn gekommen. Stattdessen entschied er sich für das Handwerk und arbeitete zwei Jahre lang als Bäcker in Bautzen. "Ich spürte damals, dass diese Arbeit mit den Händen nicht alles sein kann", erinnert er sich.

Nach dem Ruf aus der Heimat ein Jahr überlegt

Bei Besuchen der jungen Gemeinde in Malschwitz habe ihm der damalige Pfarrer den Anstoß gegeben, ebenfalls Pfarrer zu werden. Das war ein Wendepunkt in Noacks Leben, der ihn in die Welt hinaus spülte. Er ging zum Diakoniestudium nach Berlin und Eisenach, erhielt schließlich seine erste Anstellung in der Thüringer Landeskirche, holte sein Abitur nach und studierte Theologie. Entsandt wurde er schließlich ins thüringische Spechtsbrunn am Rennsteig. Dort erlebte er die Wiedervereinigung. "Oberfranken war ganz in der Nähe. Den Westen so hautnah zu erleben, das war eine feine Zeit", erinnert er sich.

Doch statt diesem Ruf folgte Wilfried Noack einem anderen: An ihn wurde die Frage herangetragen, ob er nicht Pfarrer in Quatitz - einer kleinen Kirchgemeinde in Großdubrau, ganz in der Nähe seines Geburtsortes, werden wolle. "Das passiert so selten im Leben, dass man gefragt wird, ob man etwas will", denkt er laut.

Ein Jahr ließ er sich Zeit mit der Antwort; musste außerdem seine Ehefrau Iris von dem Vorhaben überzeugen. 1993 trat er seine Stelle in Quatitz an, mit der auch die Pfarrerstelle in Luppa verbunden war. Die Frau und die beiden Söhne kamen mit. "Sie waren mir immer eine große Stütze", sagt Noack dankbar.

Mit der Kutsche geht es in den Ruhestand

1.300 Mitglieder hatte die Quatitzer Gemeinde damals. Heute sind es noch rund 700. Wilfried Noack erlebte viele Umschwünge in und mit seiner Kirche - übernahm Vakanzen und war aufgrund wechselnder Schwesterkirchverhältnisse auch in Malschwitz-Guttau, Milkel und Klix als Pfarrer tätig. Auf die Frage nach besonders prägenden Erlebnissen seiner Dienstjahre nennt er die Sanierung der Quatitzer Kirche, den Neubau der nahegelegenen Friedhofskapelle - und Corona. "Die Pandemie hat einem was vom Leben genommen", sagt er und wird kurz stumm.

Noack denkt nach, schüttelt dann kaum merklich den Kopf und fährt fort: "Vom Herzen her bin ich aber ein fröhlicher Mensch und dem Leben zugewandt", sagt er und beginnt begeistert vom vergangenen Sonntag zu erzählen. Da wurde er offiziell mit einem Gottesdienst verabschiedet. Wochen vorher habe er nicht zu Hause sein dürfen, wenn der Chor als Überraschung für ihn Bach probte. Junge Männer hätten ein Festzelt auf dem Kirchhof aufgebaut. Die Kirche sei voll gewesen wie sonst nur zu Weihnachten, und im Anschluss wurden Kuchen, Kaffee und "eine ganz feine Bratwurst gereicht. Dem Essen bin ich nämlich auch sehr zugewandt", sagt Noack mit einem Schmunzeln.

Das wissen wohl auch die Mitglieder seiner Gemeinde. Die schenken ihm zum Abschied eine Kutschfahrt durch die Heimat. Natürlich mit Einkehr. Stattfinden soll die am 1. August - für Noack der erste Tag im Ruhestand.

Wilfried Noack bleibt im Pfarrhaus wohnen

Diesen Termin nimmt er noch mit. Dann freut er sich erst einmal auf seine Ruhe: "Ich will jetzt Rentner sein", sagt er. Reisen will er, der während seiner Dienstzeit auch als Urlaubsseelsorger in Bayern gearbeitet hat, dann. Südfrankreich ist sein nächstes Ziel. Außerdem will er lesen, auf Konzerte gehen, ausschlafen und Talkshows schauen. "Ich hoffe, dabei etwas zu erfahren, was ich für meinen weiteren Lebensweg brauche", begründet er. Ein wenig im Garten zu arbeiten, könne er sich auch gut vorstellen, fährt er fort und deutet in das grüne Rund um seine Lieblingsbank.

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Die Stelle von Pfarrer Noack wird nicht nachbesetzt. Ab 1. Januar gibt es ein neues Kirchspiel, das seinen Verwaltungssitze in Milkel hat. Auf sechs Kirchen kommen dann drei Pfarrer. Sie werden so rotieren, dass in allen Kirchen regelmäßig Gottesdienste stattfinden können. Das Pfarrhaus ließ Noack deshalb entwidmen, wodurch er weiter dort wohnen kann. "Noch ein Umzug, nein! Ich will gar nicht an die ganzen Kisten denken", sagt er mit gespielter Entrüstung. Außerdem - und das ist wohl der bedeutendere Grund - sei er ganz und gar "ein kleiner, glücklicher Mensch hier in Quatitz".

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