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Zugverkehr in der Oberlausitz: Ohne Strom geht's nicht

Eine Studie hat den Einsatz alternativer Bahnantriebe in Ostsachsen untersucht. Doch selbst ein Akku-Zug braucht einen Fahrdraht.

Von Miriam Schönbach
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Der batteriebetriebene Zug von Alstom ist im Dezember 2021 in Baden-Württemberg und Bayern in Betrieb gegangen. Rollt er irgendwann auch im Ostsachen-Netz?
Der batteriebetriebene Zug von Alstom ist im Dezember 2021 in Baden-Württemberg und Bayern in Betrieb gegangen. Rollt er irgendwann auch im Ostsachen-Netz? © Copyright: Alstom

Bautzen. Null. Christoph Mehnert redet nicht um den heißen Brei herum. „Null Kilometer Oberleitungsstrecke gab es bis 2018 in unserem Verbandsgebiet. Es finden sich sicher noch andere Regionen Deutschlands mit ähnlicher Betroffenheit, aber wir warten schon Jahrzehnte auf die Elektrifizierung unseres Netzes“, sagt der stellvertretende Geschäftsführer des Verkehrsverbundes Zvon.

Mit dem Bau der Niederschlesien-Magistrale sind zwar 55 elektrifizierte Kilometer zwischen Knappenrode und Horka dazugekommen. Doch ohne Anschluss lässt sich dieser Bahnstrom für den Personennahverkehr nicht nutzen. Stattdessen sind auf den Schienen Dieseltriebwagen unterwegs.

Die Diskussion um ihren Betrieb und die Zukunft eines elektrifizierten Ostsachsen-Netzes erhält angesichts der derzeit explodierenden Dieselpreise noch einmal eine ganz neue Dringlichkeit. Zudem gilt als erklärtes Klimaziel, künftig auf innovative emissionsfreie Antriebssysteme im Schienenpersonennahverkehr zu setzen.

Keine Elektrifizierung in den nächsten zehn bis 15 Jahren

Aber: „Es ist nicht absehbar, dass die Strecke Dresden-Görlitz vollständig elektrifiziert wird. Absehbar heißt, dass es in den nächsten zehn bis 15 Jahren nicht der Fall sein wird. Es könnte sein, dass Dresden- Bischofswerda vorgezogen wird“, sagt Christoph Mehnert nüchtern.

Jenes Teilstück findet sich sogar in der Absichtserklärung zu Schienenprojekten im Freistaat Sachsen von Bund und Land aus dem September 2021. Für die Elektrifizierung der Strecke Dresden–Bautzen–Görlitz–Grenze D/PL (–Zittau) wurde vereinbart, kurzfristig mit der Planung zu beginnen, um einen Baubeginn im Westabschnitt Dresden–Bischofswerda ab 2028 zu gewährleisten. Die Kosten für diesen Abschnitt von rund 300 Millionen Euro könnten aus Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz und aus Landesmitteln kofinanziert werden. Für den Ostabschnitt von Bischofswerda bis zur polnischen Grenze soll hingegen „die Planung weiter vorangetrieben werden“.

"Wir wissen nicht, wie lange die Dieseltriebwagen halten"

„Wir müssen uns jetzt über Übergangsszenarien unterhalten. Zudem wissen wir nicht, wie viele und wie lange die Dieseltriebwagen durchhalten“, sagt Mehnert. Im Schnitt seien die Fahrzeuge schon jetzt gut 20 Jahre alt, die Ersatzteilbeschaffung werde schwierig – und die Fahrzeugbauer setzen längst auf neue Antriebsformen.

Der französische Alstom-Konzern mit Standorten in Bautzen und Görlitz lässt in Niedersachsen einen weltweit ersten Personenzug mit einer Wasserstoff-Brennstoffzelle im regulären Fahrgastbetrieb rollen. Gemeinsam mit der Deutschen Bahn testet das Unternehmen darüber hinaus bis Mai einen Batteriezug im Regionalverkehr in Baden-Württemberg und Bayern. Auch andere Fahrzeughersteller haben ihre Dieselantriebe längst aufs Abstellgleis gestellt und tüfteln an Alternativ-Systemen.

Auch aus diesem Grund hat der Verkehrsverbund Oberelbe (VVO) mit dem Zvon den Einsatz von Wasserstoff- und Akku-Zügen auf regionalen Bahnstrecken untersuchen lassen. In die Studie der TU Dresden flossen Daten zu Wirtschaftlichkeit, Investitionskosten in neue Fahrzeuge sowie Tank- und Ladeinfrastruktur und ökologische Aspekte ein. Fazit: Auf den betrachteten Strecken würde der Einsatz von Elektrozügen die größte CO2-Einsparung bieten. Wasserstoff fiel unter anderem wegen seines noch schlechteren Wirkungsgrads und der Wirtschaftlichkeit durch.

Reichweite von Batteriezügen bei 60 bis 100 Kilometern

Die Untersuchung unterstreicht die Wichtigkeit der Elektrifizierung von Bahnstrecken auch jenseits von Dresden: Sie sei eine Voraussetzung, um in der Region batteriebetriebene Züge einzusetzen. Denn ohne Strom rollt ein batteriebetriebener Zug nur bedingt. Die Akkus, zum Beispiel vom Siemens-Desiro ML, benötigen 25 Minuten Aufladezeit, gewinnen beim Bremsen Energie und laden sich bei Kontakt zu Oberleitungen wieder auf, wirbt das Unternehmen.

Für das Ostsachsen-Netz braucht es so mindestens abschnittweise Bahnstrom auf den Strecken nach Görlitz und Zittau. „Die Elektrifizierung Dresden-Görlitz müsste über Bischofswerda hinaus mindestens bis Demitz-Thumitz reichen, auch Zittau-Mittelherwigsdorf müsste Strom bekommen“, sagt Schienenverkehrsplaner Philipp Michel vom Zvon. Denn die Reichweite von Batteriezügen variiere derzeit zwischen 60 und 100 Kilometern, abhängig zum Beispiel davon, ob die Strecke sehr bergig ist.

Bis 2031 laufen noch die aktuellen Verkehrsverträge, spätestens dann müssen Weichen neu gestellt sein. Schließlich braucht es neben dem Neuaufbau der Infrastruktur auch neue Fahrzeuge. Laut Herstellerangaben kostet ein Wagen zwischen fünf und sechs Millionen Euro.

„Wir hatten im Januar die Abgeordneten von Landtag und Bundestag der aus Region zu Besuch, um ihnen die Situation darzulegen. Bei der nächsten Verbandsversammlung wird es zum Thema“, sagt Christoph Mehnert. Eine Chance auf eine schnellere Elektrifizierung erhoffe man sich auch durch die Neubewertung des Ostsachsen-Netzes im Bundesverkehrswegeplan. 2024 soll das Planungsinstrument für die Infrastruktur auf Straße, Schiene und Wasser nochmals auf den Prüfstand kommen.

Der Beitrag wurde am 28. März 2022 um 9.55 Uhr aktualisiert und dabei die dienstliche Stellung von Christoph Mehnert als stellvertretender Geschäftsführer präzisiert.