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Bautzen: Baut der Kreis zu autofreundlich?

Weil immer mehr Baum-Alleen ersatzlos verschwinden, kritisieren Naturliebhaber die Straßenbaupolitik von Land und Kreis - und haben eine klare Forderung.

An etlichen Stellen im Landkreis Bautzen wurden Straßenbäume gefällt. Naturliebhaber kritisieren das Verschwinden der Alleen.
An etlichen Stellen im Landkreis Bautzen wurden Straßenbäume gefällt. Naturliebhaber kritisieren das Verschwinden der Alleen. © Symbolfoto: SZ-Archiv/ Thorsten Eckert

Bautzen. Es ist ein Thema, über das sich vortrefflich streiten lässt: Sind Baumalleen am Straßenrand eine Gefahr für Vorbeifahrende und deshalb zu reduzieren? Oder sind sie eine Bereicherung und Teil des kulturellen Erbes der Oberlausitz, auf die Fahrzeugführer verantwortungsvoll reagieren müssen?

Einer, der dazu eine klare Meinung hat, ist Christoph Schuster. Der Schulpastor, der bei Hamburg lebt, ist Inhaber der Apfelscheune im Malschwitzer Ortsteil Cannewitz; außerdem bekennender Liebhaber alter Obstsorten und Idealist. Er sagt: "Schnelles Fahren ist so ein urdeutsches Markenzeichen. Schöner wäre es doch, wenn wir außerdem noch eine Nation von Schöpfungsbewahrern und Biodiversitätsförderern wären."

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Christoph Schuster plant eine "Allee der alten Apfelbäume" als Fahrradrundweg bei Malschwitz. Ob er aber an den Straßen, die dafür genutzt werden, neue Bäume pflanzen kann, ist ungewiss.
Christoph Schuster plant eine "Allee der alten Apfelbäume" als Fahrradrundweg bei Malschwitz. Ob er aber an den Straßen, die dafür genutzt werden, neue Bäume pflanzen kann, ist ungewiss. © SZ/Uwe Soeder

Worauf Schuster anspielt, ist das neue Herzens-Projekt des gelernten Baumschulgärtners: Seit Juni vergangenen Jahres tüftelt er an seiner "Allee der alten Apfelbäume", einem rund 30 Kilometer langen Radrundweg von Malschwitz über Kleinbautzen, Cannewitz, Kleinsaubernitz und Wartha. Abfahren kann man die Strecke bereits jetzt. Viele Vorbereitungen laufen schon, Gelder aus dem sächsischen Förderprojekt "Nachhaltig aus der Krise" sind beantragt. Für rund 40.000 Euro sollen Beschilderungen und Infotafeln angeschafft, ein Bienengarten im Pfarrhof in Kleinbautzen, ein Themenrastplatz zu Fledermäusen in Nähe des Baruther Kirchturms und ein Rastplatz an der Apfelscheune errichtet werden. Dabei kann Schuster auf ein Netzwerk vor Ort bauen. "Eine gute touristische Infrastruktur ist vorhanden, man muss sie nur noch bereichern", schließt er seine Aufzählung.

Mehr Apfelbäume für den Apfelradweg

Geht alles gut, könnte die "Allee der alten Apfelbäume" bereits Ende 2022 fertig sein - mit einer Fehlstelle: "Es gibt nur noch wenige Strecken, auf denen alte Obstbaumbestände am Straßenrand stehen", erklärt Schuster. Die gehören aber aus seiner Sicht zu seinem Themenradweg unbedingt dazu.

Was im ersten Moment lösbar scheint, erweist sich beim zweiten Blick als höchst bürokratisches Vorhaben: Wer neue Bäume am Straßenrand pflanzen will, stößt auf ein unklares Netz von Regelungen, Richtlinien und Zuständigkeiten. Der Abstand zwischen Baum und Straßenrand etwa muss entweder 4,50 Meter oder 7,50 Meter betragen - je nachdem, um welche Art von Straße mit welcher zugelassenen Höchstgeschwindigkeit und welcher Unfallhäufigkeit es sich handelt. Wie konsequent das Bautzener Landratsamt hier durchgreift, musste jüngst Kerstin Mickan aus Drauschkowitz erfahren, die 50 junge Bäume wieder umpflanzen musste.

Vom Sterbegeld ihres Vaters hat Kerstin Mickan mit 50 Bäumen eine alte Allee in Drauschkowitz wieder aufgefüllt. Da die Bäume zu nah am Straßenrand standen, setzte das Landratsamt nach einem Jahr ihre Umpflanzung durch. Am 5. März gruben sie und ihre Helf
Vom Sterbegeld ihres Vaters hat Kerstin Mickan mit 50 Bäumen eine alte Allee in Drauschkowitz wieder aufgefüllt. Da die Bäume zu nah am Straßenrand standen, setzte das Landratsamt nach einem Jahr ihre Umpflanzung durch. Am 5. März gruben sie und ihre Helf © SZ/Uwe Soeder

"Verhinderungstaktik", nennt das der Grünen-Kreistagsabgeordnete Frank Sühnel. Auf die Frage, ob der Kreis Straßenbauprojekte zu autofreundlich angehe, antwortet er ganz klar: "Ja." Und er kennt Beispiele: Den Bau der neuen Staatsstraße 177 zwischen der Autobahn 4 und Radeberg nennt er ein "Geldverbrennungsprojekt sondergleichen", den geplanten Ausbau der Verbindungsstraße zwischen Bautzen und Mehlteuer über Soculahora "die Errichtung einer Automagistrale", für die über 100 Bäume gefällt werden müssen.

Die Kreisstraße zwischen Mehltheuer und Bautzen soll für rund fünf Millionen Euro ausgebaut werden. Die Grünen-Fraktion im Kreistag kritisiert das.
Die Kreisstraße zwischen Mehltheuer und Bautzen soll für rund fünf Millionen Euro ausgebaut werden. Die Grünen-Fraktion im Kreistag kritisiert das. © SZ Grafik

Insgesamt, sagt der passionierte Radfahrer, beobachte er häufig das Verschwinden von Straßenbäumen: "Zwischen Oberlichtenau und Großnaundorf sind erst mehrere große Birken ersatzlos gefällt worden." Sühnel macht einen Gegenvorschlag, den auch Christoph Schuster und Kerstin Mickan vorbringen: "Es muss aufhören, dass alles autogerecht ausgebaut wird", sagt er. Nicht auf jeder Landstraße müsse man eine Höchstgeschwindigkeit von 100 Stundenkilometern erlauben und ermöglichen.

Das Landesamt für Straßenbau und Verkehr (Lasuv) hält dagegen: Belange von Verkehrssicherheit an und auf den Straßen hätten immer Priorität bei der Entscheidung zur Neupflanzung von Straßenbäumen. Auch das Bautzener Landratsamt nennt die Verringerung von Unfallgefahren als vorrangiges Ziel des Verwaltungshandelns. Das Fazit: 4,50 Meter - näher dürfen Bäume an Straßen von Kreis und Land keinesfalls mehr gepflanzt werden.

Koalitionsvertrag: Rückgang der Alleen stoppen

Und das, obwohl im sächsischen Koalitionsvertrag von einer Rückbesinnung zur Allee die Rede ist. Wörtlich heißt es dort: "Wir werden darauf hinwirken, den Rückgang von Straßenbäumen und Alleen zu stoppen und für eine Trendumkehr zu sorgen." Bei der Willensbekundung scheint es bislang geblieben zu sein. Aus dem Lasuv hieß es dazu am 17. März: "Die Aussagen im Koalitionsvertrag geben die Ziele der Koalitionspartner wieder. Nähere Vorgaben oder Ausführungen für die Verwaltung liegen bislang nicht vor."

Christoph Schuster kennt die Diskussion und bleibt gelassen. Entlang seiner entstehenden "Allee der alten Apfelbäume" warten ein paar alte Vertreter der Gattung Lausitzer Nelkenapfel auf Pflege. Auch an seinem Rundweg plant er weiter, sagt: "Wir können die Bäume ja später noch pflanzen." Mit dieser Hoffnung verbindet er einen Appell an die Koalitionspartner: "Es braucht einen politischen Willen dazu, nicht auf jeder kleinen Landstraße Höchstgeschwindigkeiten von 100 Stundenkilometern zu erlauben."

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