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Bautzener Domkantor freut sich auf freie Sonntage

Über 30 Jahre lang hat Friedemann Böhme in der bekanntesten Kirche der Stadt an der Orgel gesessen. Jetzt geht er in den Ruhestand - hat aber weiterhin viel zu tun.

Friedemann Böhme am heimischen Klavier. Anfang kommenden Jahres geht er als Bautzener Domkantor in den Ruhestand. Die offizielle Verabschiedung ist schon erfolgt, aber noch kein Nachfolger gefunden.
Friedemann Böhme am heimischen Klavier. Anfang kommenden Jahres geht er als Bautzener Domkantor in den Ruhestand. Die offizielle Verabschiedung ist schon erfolgt, aber noch kein Nachfolger gefunden. © SZ/Uwe Soeder

Bautzen. Die Noten liegen auf dem Flügel griffbereit. „Hodowne zynki“ steht auf dem Deckblatt. Friedemann Böhme schlägt eine Seite auf. „Das ist etwas Besonders. Jurij Winar hat diese Sammlung volkstümlicher Lieder aus dem weihnachtlichen Umfeld 1949 erstmals zusammengestellt“, sagt der langjährige katholische Bautzener Domkantor und schlägt das Stück „Bei der Krippe“ an. Es sind Fingerübungen für den Gottesdienst. Denn noch gehören die Sonntage seiner Gemeinde. Erst, wenn im Februar sein Nachfolger gefunden ist, kann der Kirchenmusiker endgültig in den Ruhestand gehen.

Der Flügel klingt nach, zum Gespräch geht Friedemann Böhme ins Wohnzimmer. Ein paar Meisen laufen den Stamm eines kahlen Baumes im Hinterhof fröhlich rauf und runter an diesem sonnigen Novembernachmittag. Seine Frau Lucia verschwindet leise eine Treppe hoch an ihren Arbeitsplatz. Stille. Ganz anders als früh um 8 Uhr im Dom an der Kohl-Orgel bei der ersten Übungseinheit am Tag. „Im Anschluss habe ich gleich noch mit zwei Musikern für das Requiem geprobt“, sagt der Domkantor „in inaktiver Ruhe“. Seine offizielle Verabschiedung hat er vor vier Wochen gefeiert. Aber im Advent und zu Weihnachten würde der Bautzener nie seine Gemeinde im Stich lassen.

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Für die Liebe in die Lausitz

Den Dom lernt der gebürtige Weimarer im Februar 1989 kennen. Nach dem Studium der Kirchenmusik in Leipzig und seiner Zeit als Bausoldat im Fährhafen Mukran kommt der ehemalige Thomaner nach einem Zwischenstopp in Löbau als Kantor der katholischen Gemeinde nach Bautzen. Dieser Weg zeichnet sich spätestens ab, als er seine spätere Frau beim Studium kennenlernt. Die Sorbin ist in Crostwitz aufgewachsen und hat als Slawistin ein Stelle als Lektorin beim Domowina-Verlag in Aussicht. „Für die Liebe kam ich in die Lausitz“, sagt Friedemann Böhme schmunzelnd. Die ersten sorbischen Unterrichtsstunden bei einer Bekannten tauscht er gegen eine Flasche Rotwein.

Daran erinnert sich Friedemann Böhme genauso gern wie an seine erste Begegnung mit dem Dom St. Petri. „Natürlich habe ich zuerst das Gitter in der Mitte gesehen, dass den katholischen vom protestantischen Teil trennt. Auch die Größe der Kirche hat mich fasziniert“, sagt er. Mehr als drei Jahrzehnte stellt er sich nach diesem ersten Eindruck in den Dienst der Kirchenmusik.

Dazu gehören die Organistendienste im Dom und in der Liebfrauenkirche am Sonntag genauso wie die Leitung des Domchors und der Männerschola. Zudem müssen Hochzeiten und Beerdigung begleitet sowie geistliche Musiken und Konzerte organisiert werden. Nicht zuletzt spielt Friedemann Böhme gern selbst Konzerte, zuweilen sogar mit seinem Kollegen im evangelischen Teil auf zwei Domorgeln.

Friedemann Böhme schaut auf die Uhr. Um 17 Uhr möchte er nochmal zum Üben an den Flügel. Gern vergleicht er die Arbeit der Musiker mit dem Training der Sportler. „Die Gewichtheber trainieren jeden Tag mehrere Stunden für einen kurzen Augenblick beim Wettkampf“, sagt der zweifache Vater und Großvater. Die Tochter lebt inzwischen in Warschau, der Sohn ist in die Niederlande gezogen. Im Ruhestand wollen sich Lucia und Friedemann Böhme auch mehr Zeit für die Enkelgeneration nehmen. Denn bislang waren als Domkantor die freien Sonntage rar und mussten lange vorher geplant werden.

Müßiggang ist nicht in Sicht

Ansonsten sieht sich Friedemann Böhme nach seiner aktiven Kantoren-Zeit nicht im Müßiggang. Schließlich bleibt er weiter als Leiter des Chors des Sorbischen Gymnasiums in Bautzen gefragt. Dessen Schüler dürfen ihn zuweilen gern auf den einen oder anderen Fehler im Sorbischen aufmerksam machen. „Die jungen Leute sind voller Ideen und Energie. Ich erlebe durch meine Arbeit mit den Gymnasiasten, dass die Jugendlichen viel besser sind als ihr Ruf“, macht ihr Chor-Chef ihnen ein Kompliment.

Auch den Unterricht an der Orgel im Bautzener Schiller-Gymnasium im Auftrag der Kreismusikschule betreut er weiter – und selbstverständlich hält er seinem Flügel und der Dom-Orgel die musikalische Treue. Denn, wer weiß, vielleicht muss er mal bei einem Gottesdienst für seinen Nachfolger aushelfen. Noch viel schöner allerdings ist der Gedanke an ein Orgel-Konzert, wo Friedemann Böhme wieder seiner Königin der Instrumente im gut besuchten Dom St. Petri die schönste Töne entlockt.

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