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„Lausitz muss sich auf höhere Temperaturen einstellen“

Das östliche Sachsen ist die einzige Region Deutschlands mit weniger Niederschlags im ganzen Jahr. Und es wird noch wärmer und trockener, warnt ein Klimaforscher.

Von Miriam Schönbach
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Eine vertrocknete Sonnenblume steht auf einem verdorrten Feld im Landkreis Bautzen. Die Lausitz muss sich darauf einstellen, dass es in den kommenden Jahren noch wärmer und trockener wird, sagt ein Klimaforscher.
Eine vertrocknete Sonnenblume steht auf einem verdorrten Feld im Landkreis Bautzen. Die Lausitz muss sich darauf einstellen, dass es in den kommenden Jahren noch wärmer und trockener wird, sagt ein Klimaforscher. © Archivfoto: SZ/Uwe Soeder

Bautzen. Frank Kreienkamp kann in die Zukunft schauen. Als Leiter des Regionalen Klimabüros Potsdam des Deutschen Wetterdienstes arbeitet er unter anderem mit Klimamodellen. Zudem betrachtet der promovierte Hydrologe aktuelle Wetterereignisse und setzt sie in Beziehung mit dem Klimawandel. Sächsische.de sprach mit dem Klimaforscher über die klimatischen Herausforderungen in der Lausitz, über notwendige Lebensveränderungen bis zum Jahr 2050 und weiße Weihnachten.

Herr Kreienkamp, pünktlich zum Nikolaus kam der Schnee in der Oberlausitz. Ist doch alles so wie früher?

Der Schnee ist zuerst mal ein Zeichen, dass der Winter angekommen ist. Das ist aber kein Zeichen dafür, dass der Klimawandel nicht stattfindet. Wenn wir über Klimawandel reden, ist es ja nicht so, dass sofort der Winter ausfällt und nur noch Hochsommer herrscht. Stattdessen bewegen wir uns langsam und immer weiter fortschreitend durch die Erhöhung der Treibhausgase in eine wärmere Welt. Aber ich kann eine Gegenfrage stellen. Fanden Sie den letzten Sommer zu warm, zu kalt, was war er denn?

Nach drei Dürrejahren gab es mal wieder etwas mehr Regen...

...und trotzdem war der letzte Sommer immer noch deutlich wärmer als frühere Jahre, vielleicht nicht ganz so warm wie die extremen Jahre 2018 und 2019 und nicht ganz so trocken. Aus unseren Klimamodellen und Beobachtungen sehen wir aber den Trend zu trockeneren Sommer. Die Tendenz ist sehr eindeutig: Im Sommer wird es üblicherweise mehr Tage geben, an denen es trocken ist. Aber wenn es dann mal regnet, steigt die Chance auf stärkere Regen.

Frank Kreienkamp leitet das Regionale Klimabüro Potsdam des Deutschen Wetterdienstes. Mit Sächsische.de hat er über die klimatischen Herausforderungen für die Lausitz gesprochen.
Frank Kreienkamp leitet das Regionale Klimabüro Potsdam des Deutschen Wetterdienstes. Mit Sächsische.de hat er über die klimatischen Herausforderungen für die Lausitz gesprochen. © privat

Im Wetterbericht ist die Lausitz jetzt schon oft die trockenste und wärmste Ecke Deutschlands.

Richtig, die Lausitz gehört zu den wärmsten Regionen Deutschlands, sie konkurriert nur noch mit dem Oberrhein-Graben. Im Jahresmittel ist die Region heute schon 1,6 Grad Celsius wärmer als vor 150 Jahren. Bevor wir über Klimawandel reden, müssen wir aber die Startpositionen anschauen. Temperaturen und Niederschläge hängen von zahlreichen Aspekten ab, in unserer Region zum Beispiel davon, wie weit das Meer entfernt ist. In der Lausitz reden wir über ein mehr kontinentalgeprägtes Klima mit weniger Niederschlägen, wärmeren Temperaturen und üblicherweise kühleren Wintern.

Aber?

Wir sehen, dass Sachsen und insbesondere Ostsachsen die einzige Region in Deutschland ist, wo wir eine negative Tendenz beim Niederschlag im ganzen Jahr haben. In allen anderen Regionen bringen die Übergangsjahreszeiten und die Winter noch genügend Niederschlagszuwächse, die Sommer dagegen sind überall trockener werdend. In der Lausitz kommt dann mit dem vorhandenen Anstieg der Temperatur noch ein sich verstärkender Verdunstungseffekt dazu. Die Verdunstung wird im Wesentlichen durch die Temperatur und Einstrahlung gesteuert. Ein Mehr an Temperatur und Einstrahlung führt zu einem Mehr an Verdunstung. Sofern Wasser da ist.

Welche Rolle spielen in diesem Zusammenhang Bergbau und Lausitzer Seenland?

Tagebaue im Betrieb bedingen immer, dass irgendwo Wasser abgepumpt und irgendwo abgelassen wird. Das hat schon einen lokal klimatischen Einfluss, es fehlen die Moore, vielleicht auch die kleinen Seen. Die riesigen Wasserflächen, die durch die renaturierten Tagebaue entstehen, sind gleichzeitig aus meteorologischer Sicht riesige Verdunstungskessel. Man produziert damit Wasser, das in die Atmosphäre verdunstet wird. Somit können sich bestimmte meteorologische Effekte, wie Gewitter, ausbilden. Klimamäßig ist die Flutung der Tagebaue wirklich schwierig.

Können wir diese Effekte denn überhaupt noch aufhalten?

Je nachdem, welchen Weg wir beim Klimaschutz gehen, produzieren wir global gesehen bis zum Ende dieses Jahrhunderts eine Erderwärmung von drei bis vier Grad, lokal steigen die Temperaturen noch mehr. Bei der Pariser Klimakonferenz haben sich aber 196 Mitgliedsstaaten verpflichtet, bis 2050 die Erderwärmung auf unter zwei Grad zu begrenzen. Das gibt etwas Hoffnung. Aber selbst, wenn wir jetzt die Vollbremsung vollziehen und aus der Nutzung fossiler Energieträger in den kommenden Jahren komplett aussteigen, bewegt sich dieser Dampfer immer noch relativ stabil nach vorn.

Was bedeutet dieses Szenario für das östliche Sachsen?

Wir werden bis kurz vor 2050 weiter steigende Temperaturen, abnehmende Niederschlagsmengen und mehr Trockentage haben. Wenn Regen fällt, wird es eher mehr. Wir werden gerade von Brandenburg runter bis nach Ostsachsen starke Veränderungen sehen und thermisch große Probleme bekommen. Tage mit 25 bis 35 Grad Celsius sind nicht gut für die Bevölkerung. Ihnen folgen Nächte, die nicht besonders kühl sind. Hitze ist die größte Naturkatastrophe weltweit. Die Hitzewelle 2003 in Europa brachte 55.000 Verstorbene. Vielleicht können sich Menschen auf die steigenden Temperaturen einstellen, die Natur aber und die Infrastruktur haben kein Trinken, keinen Kühlbereich. Da müssen wir heftig umbauen.

Wie meinen Sie das?

Wir reden unter anderem über Asphaltstraßen, die weich werden, wir reden über Betonstraßen, die aufbrechen, wir reden über einen ICE, der plötzliche Temperaturen erlebt, für die er nie gebaut wurde. Wir müssen Züge wie Häuser bauen, die mehr für den mediterranen Raum geeignet sind. Wir müssen uns überlegen, welche Infrastruktur wir unter diesen klimatischen Bedingungen nutzen können, müssen viel Geld in die Hand nehmen – und sollten dafür sorgen, dass unser persönlicher Fußabdruck im Bereich Treibhausgase im Wesentlichen verschwindet. Wir müssen das Klima schützen und gleichzeitig flexibel genug sein, uns an bestimmte Dinge anpassen.

Und dann, was sagt Ihr Blick in die Zukunft?

Dann werden wir in einer Welt leben, die nicht mehr ganz mit den Erinnerungen unserer Kindheit zusammentrifft, aber wir werden auch in der Lausitz lebenswerte Verhältnisse haben.

Herr Kreienkamp, jetzt müssen wir aber nochmal in die nähere Zukunft schauen. Weihnachten steht vor der Tür. Wird es weiß?

Wir haben ja immer noch die kontinentalen Winter mit teils Temperaturen von minus 15 oder auch mal 20 Grad Celsius. Das wird übrigens unter einem Klimawandel immer mal wieder vorkommen und weiße Phasen zu Weihnachten ermöglichen. So auch im diesem Jahr. Zumindestens zeigt die langfristige Wetterprognose von heute für Weihnachten kühlere Temperaturen.