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Bautzen: Neue Suche nach Opfern des Speziallagers

Zwischen 1945 und 1950 starben über 4.000 Inhaftierte. Verscharrt in Massengräbern, sind die meisten bis heute verschwunden. Das soll sich jetzt ändern.

Die Gedenkstätte auf dem Karnickelberg in Bautzen. Hier wird der 4.000 Toten des Speziallagers gedacht.
Die Gedenkstätte auf dem Karnickelberg in Bautzen. Hier wird der 4.000 Toten des Speziallagers gedacht. © SZ/Uwe Soeder

Bautzen. Es ist ein schlichter Quadratstein. Mahnend steht in großen Buchstaben: „Hier ruhen 248 Tote, die geborgen werden konnten, im Gedenken auch an die viele Toten, die nicht mehr auffindbar sind“. Auf dem Karnickelberg in unmittelbarer Nähe zur Justizvollzugsanstalt haben einige Opfer des Bautzener Speziallagers ihre Ruhe, wohl aber nicht ihren Frieden, gefunden. Schätzungsweise kamen in der Haft unter Aufsicht der sowjetischen Geheimpolizei über 4.000 Häftlinge zwischen 1945 bis 1950 ums Leben. Die Gräber eines Großteils deren fehlen bis heute.

Über 70 Jahre nach dem Ende des Speziallagers will sich die Gedenkstätte Bautzen erneut auf die Suche nach den seinerzeit in Massengräbern verscharrten Verstorbenen machen. „Wir wollen den Toten zu ihrem Recht verhelfen. Es ist unsere Pflicht, die Menschen, die zu Unrecht gestorben sind, ebenbürtig zu bestatten“, sagt Gedenkstättenleiterin Silke Klewin über das Projekt mit dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Ein Kooperationsvertrag zwischen der Stiftung Sächsische Gedenkstätten und der humanitären Organisation soll demnächst geschlossen werden, kündigt dessen sächsischer Landesgeschäftsführer Dr. Dirk Reitz an.

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"Politische Gegner" werden willkürlich verhaftet

Ein Rückblick: Am 8. Mai 1945 geht der Zweite Weltkrieg mit schätzungsweise 70 Millionen Toten zu Ende. Die Deutschen ermordeten mehr als sechs Millionen Juden in den Todesfabriken ihrer Konzentrationslager. Nach dem Schweigen der Waffen wird schnell die Frage der Siegermächte nach den Verantwortlichen für die Verbrechen Deutschlands laut. Für ehemalige NSDAP-Funktionäre, Wehrmachtsoffiziere und Mitläufer entstehen Internierungslager, doch schon bald landen hinter deren Mauern auch willkürliche Verhaftete ohne Urteil. Das Bautzener Gefängnis mit seinen typischen gelben Klinkern wird das Speziallager Nr. 4 des sowjetischen Geheimdienstes.

Diese willkürlich Verhafteten gelten für die Besatzer auch als „politische Gegner“. Wie unter anderem Forschungen der Gedenkstätte Bautzen ergaben, wurden sie unter konstruierten Anschuldigungen wie „antisowjetischer Propaganda“ auf Jahre von der Außenwelt isoliert.

Die Vorwürfe der sowjetischen Vernehmer reichen zum Beispiel von der Beschuldigung, als einzelne Jugendliche „100 Russen erschossen“ zu haben über Zugehörigkeit zu Spionageorganisationen und antisowjetische Hetze bis zum angeblichen Mordplan gegen Stalin. Insgesamt gab es nach Angaben der Stiftung sächsische Gedenkstätten zehn Speziallager in der sowjetischen Besatzungszone. Wissenschaftliche Untersuchungen ergaben, dass in den Lagern über 40.000 Menschen starben.

Essen reicht nur für jeden Sechsten

Auch das Bautzener Speziallager beherrscht der Tod. Hunger, Kälte, Krankheiten bestimmen die Tage der Internierten. Das Essen reicht nur für jeden Sechsten. „Es gibt die Erzählungen, dass die Toten von einem Totenkommando auf einem Holzwagen nach draußen gebracht wurden“, sagt Silke Klewin. Verscharrt werden sie in Splittergräben und auf dem Karnickelberg. Es gibt keinerlei Unterlagen über die Massengräber, nach der Schließung der Speziallager 1950 wird in der DDR ein Mantel des Schweigens über dieses düstere Kapitel Nachkriegsgeschichte gelegt.

Das Bautzen-Komitee, gegründet von ehemaligen Insassen der Bautzener Haftanstalten und derer Angehöriger, thematisiert nach der Wende die vergessenen Toten. Den Komitee-Mitgliedern sagt Ex-Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) bei seinem Besuch in den Bautzener Gefängnissen am 21. Februar 1992 zu, dass er bei der Errichtung einer nationalen Gedenkstätte an jenem Ort helfe, wo eines der „größten Massengräber der deutschen Nachkriegsgeschichte“ zu vermuten sei. Im Nachgang des Kanzler-Besuchs beginnt die Bundeswehr mit dem Volksbund deutscher Kriegsgräberfürsorge mit der Suche sterblicher Überreste. Bereits im Frühjahr 1990 waren bei zufälligen Grabungen sieben Skelette entdeckt worden.

Spezialgeräte kommen zum Einsatz

Unter schwierigen Bedingungen konnte bis 1994 ein Teil der bis dahin an unbekannten Stellen verscharrten Toten des Speziallagers geborgen werden. Danach endet vorerst die Suche. „In den vergangenen 20 Jahren haben sich aber die technischen Möglichkeiten viel weiter entwickelt. Ein Georadar blickt sehr tief, bis 15 Metern, in den Boden“, sagt Historiker Dirk Reitz. Ohne den Boden anzutasten, entsteht so ein strukturiertes Bild des Untergrundes.

Dieser Suche mit dem Spezialgerät ist bereits eine Luftbildauswertung vorausgegangen. Neben dem digitalen Geländemodell basierend auf einer Laserscan-Befliegung sind auch historische Luftbilder in die Voranalyse eingeflossen. Das geschulte Auge erkennt in diesen Aufnahmen Bomben- und Artillerietrichter, Stellungen, Gräben, sonstige militärische Anlagen - auffällige Bodenformate. Anhand dieser Basis soll nun weiter mit Hilfe des Georadars sondiert werden.

Neben Bautzen soll sich der Umbetter Joachim Kozlowski im Auftrag des Volksbunds deutscher Kriegsgräberfürsorge auch das Umfeld der Speziallager Nr. 8 und Nr. 10 in Torgau anschauen. „Es ist unser ständiger Auftrag, dort, wo Erkenntnisse vorliegen, für Sicherheit zu sorgen“, sagt Dirk Reitz. Für Gedenkstättenleiterin Silke Klewin hat die Suche nach den Toten aus dem Speziallager auch noch eine weitere Dimension: „Wir erleben auf dem Gräberfeld am Karnickelberg, dass das Totengedenken für die nachfolgenden Generationen von großer Bedeutung ist. Es ist die Aufgabe der Gesellschaft, dem nachzukommen.“

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