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Bautzen: Von der Bühne in die Behörde

Das Bautzener Theater ist geschlossen, Mitarbeiter und Schauspieler haben sich deshalb eine neue Rolle gesucht – im Corona-Team der Kreisverwaltung.

Rico Hertrampf, Nancy del Mestre und Gabriele Rothmann (von links) vom Deutsch-Sorbischen Volkstheater Bautzen helfen im Landratsamt bei der Kontaktnachverfolgung von Corona-Fällen.
Rico Hertrampf, Nancy del Mestre und Gabriele Rothmann (von links) vom Deutsch-Sorbischen Volkstheater Bautzen helfen im Landratsamt bei der Kontaktnachverfolgung von Corona-Fällen. © SZ/Uwe Soeder

Bautzen. Es sind diese wenigen Sekunden Stille, wenn sich der Vorhang schließt. Mit dem ersten zaghaften Beifall der Zuschauer bricht sich die Anspannung des Vorstellungsabends bei den Schauspielern Bahn. Applaus setzt Endorphine frei. Auf diese Glücksgefühle verzichtet das Theaterensemble seit der Schließung des Hauses Ende Oktober wegen der Corona-Pandemie.

Stattdessen haben nun einige von ihnen die Bühne gegen den Schreibtisch in einer Behörde gewechselt. Anstelle der Großmutter im „Räuber Hotzenplotz“ ist Gabriele Rothmann nun „Kontaktpersonen-Nachverfolger“ im Corona-Team des Landkreises Bautzen.

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Die Schauspielerin ist gerade von ihrem Arbeitsplatz in der Taucherstraße zum Gespräch in die Bahnhofstraße geflitzt. Hinter der ersten Tür in der ersten Etage sitzt Theatergastronom Rico Hertrampf an der Corona-Hotline, im Büro daneben kümmert sich Schauspielerin Maja Adler um die Nachfragen zu Quarantäne, Besuchen bei Eltern außerhalb des 15-Kilometer-Radius oder der Testpflicht von Pendlern aus Polen und Tschechien.

Auch Nancy del Mestre kommt über den Flur. Normalerweise ist sie Chefin in der Maske. Insgesamt haben sieben Theatermitarbeiter auf Zeit in der Kreisverwaltung angeheuert, dazu zählen auch Schauspielerin Katja Reimann, Regieassistent Nick Schwarz sowie die Techniker Sven Bernhard und Mathias Rothmann.

Aus der Maske an die Corona-Hotline

Rico Hertrampf meldet sich mit einem Knopfdruck für den Moment aus der Präsenz am Corona-Bürgertelefon ab. Bei der Premiere der Inszenierung von „Gott“ am letzten Oktober-Wochenende hat der 51-Jährige noch ein frisches Fass Bier angestochen. „Ich bin am 1. November in die Kurzarbeit und habe mich gleich bereiterklärt, dem Gesundheitsamt zu helfen. Anfang Dezember ging es nach einer Schulung los“, sagt der Oderwitzer.

Technik, Regularien, Verordnungen – alles ist neu. Die ersten Tage bedeuten für den gelernten Koch eine Umstellung, zumal er sonst größtenteils abends im Theater hinter dem Tresen steht. Jetzt beginnt die Arbeit häufig um 8 Uhr. „Corona-Hotline, Hertrampf“, heißt es dann.

Nancy del Mestre macht auch kurz Pause am Bürgertelefon. Normalerweise knüpft die 50-Jährige Perücken, schminkt Schauspieler für ihre Auftritte. „Wenn wir hier helfen können, machen wir es gern. Ein bisschen zu Hause bleiben ist schön, etwas Vernünftiges tun ist besser“, sagt die Maskenbildnerin.

Sie kommt Anfang Dezember dazu, jene Zeit mit rasant steigenden Infektionszahlen. Bald gehört der Landkreis Bautzen zu Deutschlands Corona-Hotspots. Am 18. Dezember wird als bislang höchster Wert eine Sieben-Tage-Inzidenz von 711 pro 100.000 Einwohner gemeldet.

500 Gespräche pro Tag am Bürgertelefon

Die Kreisverwaltung wendet sich mit dem Aufruf: „Kontaktnachverfolgung: Landratsamt sucht Personal zur Einstellung“ an die Öffentlichkeit. Statt 60 arbeiten jetzt 370 Mitarbeiter im Auftrag des Gesundheitsamtes, darunter auch Beschäftigte aus dem Sorbischen Museum und anderen Fachbereichen. Aufgrund der derzeit sinkenden Infektionen wird die Zahl langsam wieder abgebaut.

In der Hoch-Zeit aber landen am Bürgertelefon pro Tag 500 Gespräche. Wie ihre neuen Kollegen sitzen die Theaterensemble-Mitglieder an den Adventswochenenden, Weihnachten und Silvester an der Strippe. „Bis auf ganz wenige Ausnahmen sind alle Anrufer sehr nett und freuen sich über eine Antwort. Es macht auch einfach Spaß, mit den Menschen zu reden“, sagt Nancy del Mestre.

Und doch wünscht sich die Maskenbildnerin in ihre Werkstatt zurück. Die Arbeit an der Ausstattung der großen Sommernachtstraum-Produktion steht in den Startlöchern. Rico Hertrampf müsste Inventur in seinem Theatergastronomie-Bereich machen. Gabriele Rothmann hätte nach einem Spielmarathon im Dezember und Januar die geliebte Großmutter-Rolle aus dem Hotzenplotz vielleicht schon an den Nagel gehängt und würde neue Stücke probieren.

„Als Schauspieler fragt man sich, ob man nützlich ist. Hier habe ich deutlich das Gefühl, dass wir nützlich sind“, sagt die 56-Jährige. Mit diesem Wissen überlegt die Bautzenerin, sich künftig ehrenamtlich zu engagieren. Sie könnte mit Senioren eine Runde ums Karree gehen oder eine Runde spielen, denkt sie laut drüber nach.

Im März beginnen die Proben fürs nächste Stück

Gabriele Rothmann will zurück an den Arbeitsplatz. „Wir gehen, wenn der Schreibtisch abgearbeitet ist. Abends, wenn man zu Hause ist, macht man sich erst klar, welche Entscheidungen man getroffen hat“, sagt die Kontaktpersonen-Nachverfolgerin, die unter anderem Quarantänen ausgesprochen hat. Auch Nancy del Mestre und Rico Hertrampf zieht es zurück an die Telefonleitungen.

Ihre helfenden Tage im Landratsamt sind jedoch inzwischen gezählt. Am 1. März sollen die Proben für den „Sommernachtstraum“ beginnen. Textbücher werden die Bögen für die Kontaktpersonen-Nachverfolgung und den Dienst am Bürgertelefon ablösen. Dann wechseln sie wieder den Schreibtisch in der Behörde mit der Bühne - denn die Sehnsucht nach Applaus bleibt immer.

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