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Warum sich afghanische Kinder mit einer Bautzener Sage beschäftigen

Mitten in Bautzen sind jetzt Werke von geflüchteten Kindern zu sehen. Wie es dazu kam - und was sich die Initiatorin der Ausstellung wünscht.

Die Bautzenerin Bettina Renner hat zum zweiten Mal ein Projekt mit geflüchteten Kindern in einem griechischen Lager durchgeführt. Die Ergebnisse sind jetzt in Bautzen zu sehen.
Die Bautzenerin Bettina Renner hat zum zweiten Mal ein Projekt mit geflüchteten Kindern in einem griechischen Lager durchgeführt. Die Ergebnisse sind jetzt in Bautzen zu sehen. © Steffen Unger

Bautzen. Die Poster am Dom St. Petri oder auf dem Bautzener Hauptmarkt vor dem Rathaus haben schon Interesse geweckt, weiß Bettina Renner. „Ich habe beobachtet, wie Menschen stehengeblieben sind und sich die Texte durchgelesen haben“, sagt die Bautzener Regisseurin. Die Texte handeln von der Sage des Riesen Sprejnik, der demnach Bautzen erschaffen hat und mit seinen Pfeilen die Spree entstehen ließ.

Das Besondere daran ist, dass die Geschichte von geflüchteten Kindern und Jugendlichen aus dem Flüchtlingslager Malakasa I in Griechenland illustriert wurde. „Es geht darum, den Kindern dort Momente der Freude zu bereiten“, erklärt Bettina Renner. Aber nicht nur: „Wir wollen auf die Situation der Menschen im Flüchtlingslager aufmerksam machen und zeigen, wie toll und kreativ sie sind.“

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Die Flüchtlingskrise beschäftigt die Regisseurin, die unter anderem den Dokumentarfilm „Ein Teppich aus Persien“ über das Ende der 1980er und den Anfang der 1990er-Jahre in Bautzen gedreht hat, sehr. So verfolgte sie auch mit Interesse, als es hieß, dass Deutschland und der Landkreis Bautzen Geflüchtete aus dem griechischen Lager in Moria aufnehmen. „Seit dem Beginn der Corona-Pandemie hat man davon aber nichts mehr gehört“, sagt sie.

Die Kinder im Flüchtlingslager Malakasa in Griechenland haben bei dem Projekt mit unterschiedlichen Materialien gearbeitet.
Die Kinder im Flüchtlingslager Malakasa in Griechenland haben bei dem Projekt mit unterschiedlichen Materialien gearbeitet. © Stadtverwaltung Bautzen

Das sei für sie der Auslöser gewesen, sich intensiver mit der Lage der Menschen zu beschäftigen. „Sie sitzen dort und warten. Viele haben nach Jahren immer noch kein Erstgespräch gehabt oder konnten einen Asylantrag stellen - und die EU lagert das an ihre Außengrenzen aus.“ Im Gespräch mit Bettina Renner wird deutlich: Sie hat große Empathie mit den Menschen in den Flüchtlingslagern und versucht, diejenigen zu unterstützen, die dort Projekte mit Kindern durchführen. Über das Internet sei sie so im vorigen Jahr auf Sahil Kahn im Lager Malakasa aufmerksam geworden und habe Kontakt zu ihm aufgenommen.

Rund 25 Mädchen und Jungen im Alter von sechs bis 14 Jahren haben an dem Projekt rund um den Riesen Sprejnik teilgenommen.
Rund 25 Mädchen und Jungen im Alter von sechs bis 14 Jahren haben an dem Projekt rund um den Riesen Sprejnik teilgenommen. © Stadtverwaltung Bautzen

Im Winter kam es dann zum ersten gemeinsamen Projekt. Dabei bastelten die Kinder im Lager, wie sie sich das ihnen unbekannte Weihnachtsfest vorstellen, und schickten ihre Arbeiten nach Bautzen. „Die Menschen in den Lagern bereiten sich mehr oder weniger auf ein Leben in Europa vor, und ihnen ist es wichtig, europäische Kultur kennenzulernen“, sagt Bettina Renner.

Als Nächstes habe man den Kindern die Geschichte vom Sprejnik vorgelesen - und sie haben das Gehörte in Basteleien umgesetzt. Inhaltlich seien die Kinder vor allem davon fasziniert gewesen, dass so ein Wesen wie der Sprejnik die Kraft hatte, den Menschen ein „Home“ zu schenken. „Es ging ihnen also darum, dass er ein Zuhause geschaffen hat.“

Sahil Kahn, wie die meisten Kinder aus Afghanistan geflüchtet, hat die Workshops mit weiteren Unterstützern im Lager durchgeführt und die Materialien gekauft, die von den Kindern gewünscht wurden: Papier, Holz, Karton, Stoffe oder Knöpfe. Er engagiert sich im Rahmen der Bewegung „Wave of Hope for the Future“, bei der sich Geflüchtete für andere Geflüchtete einsetzen und etwa Sprachkurse, Kunst- und Bildungsprojekte realisieren. Bettina Renner besorgte Fördermittel über die Kulturstiftung des Freistaates Sachsen unter Beteiligung der Stadt Bautzen.

Dabei sind so viele Arbeiten entstanden, dass im Rahmen der Ausstellung in Bautzen nicht alle gezeigt werden können.
Dabei sind so viele Arbeiten entstanden, dass im Rahmen der Ausstellung in Bautzen nicht alle gezeigt werden können. © Stadtverwaltung Bautzen

Vor Kurzem war sie selbst eine Woche im Lager Malakasa, um mit den Kindern am nächsten Projekt zu arbeiten. Wieder geht es um eine Bautzener Geschichte, aber mehr möchte sie noch nicht verraten. „Gerade für Kinder gibt es dort nichts, nicht mal einen Spielplatz. Wenn man das sieht, schämt man sich für Europa“, schildert Bettina Renner ihre Eindrücke. Durch die aktuelle Lage in Afghanistan sei es wichtiger denn je, sich damit auseinanderzusetzen.

Die Menschen in den Lagern werden ihr Zuhause sehr wahrscheinlich nicht mehr wiedersehen, sagt Bettina Renner. „Alle, die dort leben, haben Gewalt oder andere schlimme Dinge erlebt. Und dorthin, wo sie herkommen, können sie nicht mehr zurück.“

Initiatorin wünscht sich einen Austausch

Die Ergebnisse des Sprejnik-Workshops sind nun als Fortsetzungsgeschichte an acht Stationen in der Bautzener Altstadt sowie in einer Reihe auf dem Sprejnik-Spielplatz im Stadtteil Gesundbrunnen zu sehen. Via QR-Code können alle deutschen Texte von den Postern auch in sorbischer Sprache nachgelesen werden. Am Freitagvormittag wurde die Ausstellung von Bettina Renner gemeinsam mit dem Bautzener Oberbürgermeister Alexander Ahrens (SPD) eröffnet.

Die Bautzenerin hofft, dass die Menschen hier vielleicht auch auf diesem Weg zu ihren eigenen Geschichten zurückfinden. Sie selbst habe zwar gewusst, dass der Riese Sprejnik etwas mit der Spree zu tun hat, aber nicht, dass er der Sage nach auch Bautzen erschaffen hat.

Ginge es nach Bettina Renner, sollen die Poster mindestens sechs Wochen zu sehen sein. Ihr Wunsch sei es, dass sich etwas Kontinuierliches daraus entwickelt, ein Austausch zwischen Menschen in Bautzen und im Flüchtlingslager. „Ich denke da an etwas Nachhaltiges, in welcher Form auch immer.“ Einen Anfang gebe es bereits: So bahne sich gerade ein Briefwechsel zwischen Kindern aus Bautzen und jenen im Lager in Malakasa an.

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