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Unfallkreuzung: Bautzener Richter schreibt Brandbrief

Der Prozess um einen tödlichen Unfall hat den Bautzener Amtsrichter Dirk Hertle aufgewühlt. Er fordert, dass schnellstens gehandelt wird.

Der Bautzener Amtsrichter Dirk Hertle hat sich mit einem Brandbrief an das Landratsamt gewendet. Er fordert, dass die gefährlichste Kreuzung im Kreis Bautzen endlich sicherer gemacht wird.
Der Bautzener Amtsrichter Dirk Hertle hat sich mit einem Brandbrief an das Landratsamt gewendet. Er fordert, dass die gefährlichste Kreuzung im Kreis Bautzen endlich sicherer gemacht wird. © SZ/Uwe Soeder

Bautzen. Wie geht es einem Richter eigentlich, nachdem er ein Urteil gefällt hat? Denkt er noch lange darüber nach? Geistert der oder die Verurteilte oder auch Freigesprochene noch lange in seinem Kopf herum? Der Prozess um einen tödlichen Unfall im Kreis Bautzen aus dem Jahr 2017 jedenfalls hat Amtsrichter Dirk Hertle sehr beschäftigt. „Ich bin nach dem Prozess eher nach Hause gegangen, habe den ganzen Nachmittag und Abend gegrübelt“, sagt er.

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Zwar hat er den Unfallfahrer vor wenigen Tagen freigesprochen – aber auf der Kreuzung von S119 und S120 in der Nähe von Gnaschwitz hatte damals immerhin ein Motorradfahrer sein Leben verloren. Der Autofahrer hatte ihn übersehen und ihm die Vorfahrt genommen. „Ich war bei dem Prozess wirklich unsicher, welches Urteil ich fällen soll“, erinnert sich Hertle. „Am Abend habe ich mich die ganze Zeit gefragt: Was kann ich tun, damit der Mann nicht umsonst gestorben ist?“, erzählt er, als er an diesem Donnerstag am Ort des Geschehens steht.

Kreuzung gilt als gefährlichste im Kreis

Um ihn herum fahren Autos, Lastwagen, Motorräder. Immer wieder brausen sie vorbei. Dirk Hertle deutet auf die Neukircher Straße, Richtung Bautzen. Er zeigt auf eine Stelle in der Ferne; hinter Bäumen, hinter hoch gewachsenem Gras und Mais, am Ende einer Kurve. „Sehen Sie“, sagt er, „die sind dort wirklich schlecht zu sehen!“ Mehrfach wiederholt er das. Immer dann, wenn sich die Umrisse eines neuen Fahrzeugs andeuten.

Kein Wunder, so ist er überzeugt, dass es hier so oft gekracht hat in der Vergangenheit. Und das hat es in der Tat. Die Gnaschwitzer Kreuzung ist als gefährlichste Unfallkreuzung im Kreis Bautzen bekannt. „Ich habe mir die Zahlen von der Polizei geben lassen“, sagt Dirk Hertle. „Die Anzahl der Verkehrsunfälle an dieser Kreuzung ist im Vergleich zu anderen Kreuzungsbereichen exorbitant.“

20 Unfälle, knapp zwei Millionen Euro Schaden

In den vergangenen viereinhalb Jahren gab es 20 Unfälle auf der Kreuzung, berichtet er. Allein im Jahr 2017 entstand ein Sachschaden von über einer Million Euro, im Zeitraum von 2018 bis 2020 betrug er 954.000 Euro. Im Jahr 2018 knallte es besonders häufig, nämlich acht Mal. Und 2017 gab es fünf Unfälle. Davon zwei, bei denen Motorradfahrer starben. Einer der beiden Unfälle ist jener, bei dem Richter Dirk Hertle die Schuldfrage entscheiden musste.

„Ich nenne die Kreuzung nur noch die Teufelsecke“, sagt der 58-Jährige, während er auf einer Verkehrsinsel steht. So gefährlich schätzt er die Lage ein, dass er nun einen Brandbrief an das Landratsamt geschrieben hat. Dahinter steht auch sein Wunsch, etwas für den getöteten Motorradfahrer aus dem Prozess tun zu wollen. In dem Brief fordert Hertle Landrat Michael Harig (CDU) auf, sich für den Umbau des gefährlichen Verkehrsknotenpunktes einzusetzen. „Das muss jetzt passieren“, sagt Dirk Hertle und betont dabei das Wort „jetzt“.

Stopp-Schilder und Warnhinweise halfen nicht

Zwar hatten die zuständigen Behörden in der Vergangenheit schon versucht, den Unfällen entgegenzuwirken. Sie installierten Stopp-Schilder und Warnhinweise, sperrten eine Linksabbiegespur und stellten Warnbaken auf. Dennoch fällte das Landratsamt 2020 nach einem weiteren Unfall das Fazit: Die Unfallstelle ist dadurch nicht entschärft worden. Und so sieht es auch Dirk Hertle.

Im Gegenteil: Die Warnbaken und Schilder empfindet er als unübersichtlichen Schilderwald, der nur noch weiter verwirrt. Aber das ist eben nur ein Problem von vielen. Vor allem ist die Kreuzung schwer einsehbar, das spielte auch in dem Gerichtsprozess eine Rolle. „Die Straße ist abschüssig, man steht nach hinten geneigt“, erklärt Dirk Hertle. Die Kurven im Kreuzungsbereich sind ein Problem. „Und dann ist da noch das hohe Gras und das Maisfeld, die Bäume“, zählt er auf.

Straße verleitet zum schnellen Fahren

Außerdem verleitet die Neukircher Straße an dieser Stelle zum schnellen Fahren. Zwar gilt im Kreuzungsbereich ein Limit von 70 km/h, aber da halte sich kaum jemand dran. „Die Straße wird an dieser Stelle heller und breiter. Das lädt zum schnelleren Fahren ein“, sagt Dirk Hertle. Tatsächlich kommt mehr Licht auf die Kreuzung, weil die Allee dort endet. Zudem ist auch der Straßenbelag heller.


Richter: "So ein Unfall kann jedem passieren"

„Die Situation an diesem Unfallschwerpunkt ist dem Landratsamt und auch dem Landesamt für Straßenbau und Verkehr (Lasuv) seit Jahren bekannt. Ein Umbau der Gefahrenstelle ist zwingend notwendig“, findet auch Landrat Michael Harig. Ob es dafür schon ein Datum gibt, dazu schweigt er.

„Seitens des Lasuv wird die Planung für den Kreisverkehr vorangetrieben“, teilt Franz Grossmann, Sprecher der Straßenbaubehörde, mit. „Eine Aussage zu einem möglichen Baubeginn kann zum jetzigen Zeitpunkt allerdings noch nicht belastbar getroffen werden.“

Eine Aussage, die Richter Dirk Hertle kaum freuen dürfte. „Ich will nicht, dass es hier noch mehr Tote oder andere schwere Unfälle gibt“, sagt er. Er sorge sich nicht nur als Richter, sondern auch als Bürger. „Die Kreuzung hier ist so gefährlich – so ein Unfall kann im Grunde genommen jedem passieren.“

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