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Musikliebhaber folgt dem Lockruf einer Königin

In Crostau steht die kleinste Silbermann-Orgel Sachsens. An dem 300 Jahre alten Instrument sitzt jetzt ein neuer Kantor. Wo er herkommt und was er vor hat.

Hans Christian Martin ist neuer Kantor in Crostau. Vor einem Jahr saß er erstmals an der Silbermann-Orgel, heute ist sie sein Instrument.
Hans Christian Martin ist neuer Kantor in Crostau. Vor einem Jahr saß er erstmals an der Silbermann-Orgel, heute ist sie sein Instrument. © SZ/Uwe Soeder

Crostau. Winterkälte streift über die leeren Bänke der Crostauer Kirche. Ihre hohen Fenster geben den Blick auf nebelgraue Schneewolken frei. Die Lüster bleiben dunkel. Hans Christian Martin setzt sich an die Silbermann-Orgel, zieht die Register. Mit den Füßen über die Pedale tanzend, spielt er „Piece d‘ Orgue à 5“. Die fröhliche Fantasie erhellt nach wenigen Takten den Raum. „Ein absolut verrücktes Werk, und doch so harmonisch. Johann Sebastian Bach schrieb es um 1711 in Weimar, beeinflusst von französischer und italienischer Musik“, sagt der neue Kantor der Evangelischen Kirchgemeinde Crostau.

Die Ankunft des neuen Kirchenmusikers am 1. November fällt durch die Corona-Pandemie in eine besondere Zeit. Daran ist nicht zu denken, als er im Juli 2019 nach einem Gast-Konzert auf der kleinsten noch erhaltenen, knapp 300 Jahre alten Silbermann-Orgel in Crostau im Pfarrgarten unterm Walnussbaum sitzt und denkt: „Hier würde ich arbeiten.“ Gelockt haben den 34-Jährigen die besonderen Reize der orchestralen Königin aus der wohl renommiertesten Orgelwerkstatt Sachsens im Barock. Genauso aber auch die Sehnsucht nach einer Nähe zur alten Heimat.

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Schon als Kind vom Orgelspielen geträumt

Besonders nach Dresden pflegt der gebürtige Zwickauer über sein Studium an der Musikhochschule viele Verbindungen. Trotzdem ist ihm der Abschied von seiner langjährigen musikalischen Begleiterin am Naumburger Dom nicht leichtgefallen. Drei Jahre hielt er der Hildebrandt-Orgel die Treue, bei deren Konzeption Johann Sebastian Bach mitgewirkt haben soll.

Am 27. August 1743 beauftragt Naumburg den Silbermann-Schüler Zacharias Hildebrandt aus Leipzig mit dem Bau des neuen Instruments. Bei seiner Abnahme ist nicht nur der Lehrmeister, sondern auch der Komponist zugegen. „Es gibt keine andere Orgel, auf der man so authentisch Bach spielen kann“, sagt Hans Christian Martin.

Ein einmaliges Instrument ist auch die Silbermann-Orgel in Crostau. Wieder lässt der Kantor seine Finger über die Manuale – die Klaviatur der Orgel – fliegen. „Als sächsischer Kirchenmusiker ist es wichtig, sich mit der eigenen Tradition zu befassen. Da kommt man an Silbermann nicht vorbei. Ich hatte als Kind immer den Traum, auf einer solchen Orgel zu spielen, und hätte es nicht für möglich gehalten“, sagt der Wahl-Oberlausitzer.

Seine erste Begegnung mit einer Orgel ist in der heimatlichen Zwickauer Katharinenkirche. Im Gottesdienst lauscht er als Knirps mit der Familie andächtig dem Klang der Königin der Instrumente. Über Geige und Klavier gelangt der Absolvent des Robert-Schumann-Konservatoriums zur Orgel.

Mit dem Vorgänger gemeinsam studiert

„Ich hatte Glück, dass uns die Kirchgemeinde den Schlüssel gab und ich ein, zwei Stunden üben konnte“, sagt der Kirchenmusiker, der nach seinem Studium in Dresden an die Hochschule für Musik „Franz Liszt“ in Weimar wechselt. In der thüringischen Stadt übernimmt er seine erste Kantorenstelle. Dieser Beruf verbindet für ihn perfekt den theologischen Moment mit seiner Liebe zur Musik. Seine besondere Leidenschaft gehört nun den Orgeln. „Mit diesen Instrumenten kann man so viel ausdrücken. Ihr großes Klangspektrum füllt Kirchen“, sagt der Mann, der die Nachfolge Lucas Pohles antritt. Sein Studienkollege ist jetzt Kantor der Nikolaikirche in der Bach-Heimat Leipzig.

Der Barock-Star gehört neben Liszt zu Martins Lieblingskomponisten. Bach ist für ihn ein musikalisch-kompositorisches Universalgenie, Liszt habe gekonnt im 19. Jahrhundert die Kirchenmusik reformiert. Als gebürtiger Zwickauer kommt er auch nicht an Robert Schumann vorbei. „Ich habe schon überlegt, ob wir hier mal ein ganzes Schumann-Konzert spielen“, sagt Hans Christian Martin. Darüber hinaus will der Kirchenmusiker die Silbermann-Orgel-Reihe fortsetzen – und hofft, dass er bald wieder mit Kantoreien und Kurrende die Chorproben beginnen kann. Auch die Betreuung von Orgelschülern kann er sich vorstellen.

Mehrere Szenarien für die Weihnachtsfeiertage

„Der Vorteil dieser etwa anderen Zeit gerade ist, dass ich in Ruhe ankommen und schon Pläne für 2021 schmieden kann“, sagt der Neu-Crostauer. Für die Weihnachtsfeiertage bereitet der Kantor derzeit mehrere Szenarien vor, darunter ein Streaming-Format für Internet. „Das Wichtigste ist doch, dass man der Gemeinde die Nähe zeigt, als Pfarrer und als Kantor. Da müssen wir eben Wege finden. Weihnachten fällt doch nicht aus. Weihnachten ist ein innerliches Fest. Deshalb freue ich mich wie jedes Jahr darauf“, sagt Hans Christian Martin.

Dann steigt er die Treppen hinunter, schließt mit dem großen Schlüssel die Kirchentür zu. Sein nächster Weg führt ihn in den Baumarkt. Ein paar Kleinigkeiten fehlen noch für die perfekte Ankunft im neuen Leben.

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