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Aufbruch mit Online-Shop und Instagram

Wie der sorbische Domowina-Verlag den Sprung vom analogen Bücherhaus in die digitale Welt schaffen will.

Seit einem halben Jahr ist Simon Peter Ziesch Geschäftsführer des Bautzener Domowina-Verlages. In der Zeit hat er schon einige Neuerungen eingeführt.
Seit einem halben Jahr ist Simon Peter Ziesch Geschäftsführer des Bautzener Domowina-Verlages. In der Zeit hat er schon einige Neuerungen eingeführt. © SZ/Uwe Soeder

Bautzen. Simon Peter Ziesch leitet seit einem halben Jahr den Domowina-Verlag mit Sitz in Bautzen. Sächsische.de sprach mit dem Verlagschef über die Herausforderungen durch die Corona-Pandemie, über Instagram auf Sorbisch, über die erste Wahl für das sorbische Worts des Jahres und über neue sorbische Autoren.

Herr Ziesch, welches Buch haben Sie zuletzt gelesen?

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Aktuell lese ich „Susodźa“, unsere neue Anthologie mit Erzählungen sorbischer Autoren zum Thema „Nachbarn“. Wenn ich abschalten will, greife ich nach Krimis. Ich interessiere mich aber auch für Sach- und Fachbücher und Geschichte, wie unseren Titel „Nowa swoboda?“ (Neue Freiheit?)“.

Das vergangene Verlagsjahr war geprägt von geschlossenen Buchhandlungen, Buchmessen wurden abgesagt. Viele Häuser beklagen Umsatzeinbußen. Wie erging es dem Domowina-Verlag?

Wir hatten das Glück, dass Buchhandlungen nicht unsere einzigen Standbeine sind. Wir haben, solange es möglich war, Buchpremieren gefeiert. Wir sind im Direktmarketing mit dem Bücherkorb von Haus zu Haus gegangen. So konnten wir die Verluste im stationären Handel klein halten. Besonders sind aber unsere Einbußen im vergangenen Jahr durch das Schulbuchgeschäft sowie die steigende Nachfrage beim Onlinehandel kompensiert worden.

In welchen Größenordnungen?

In den ersten drei Tagen des zweiten Lockdowns haben wir 20-mal so viele Bücher online verkauft wie in den vergleichbaren drei Tagen im Jahr davor. Insgesamt verzeichnen wir 2020 gegenüber dem Vorjahr eine Verdoppelung der Bestellungen im eigenen Onlineshop. Es bestellen Menschen aus Berlin oder Warschau genauso wie aus den sorbischen Dörfern. Es ist ein Bewusstsein gewachsen, dass wir Büchern wie Amazon ausliefern.

Was bedeutet das für den Verlag?

Wir müssen dringend unseren Online-Shop überarbeiten. Wenn Menschen eine Rezension oder einen positiven Kommentar auf den Social-Media-Kanälen sehen, muss es zwei Klicks dauern bis zum Abschluss des Buchkaufs. Das sind Impulskäufe wie in der Buchhandlung, weil uns das Cover gefällt oder der Buchhändler den Titel empfiehlt. Dorthin müssen wir in den sorbischen Medien kommen.

Corona wirkt also auch beim Domowina-Verlag wie ein Katalysator für Digitalisierung?

Digitalisierung ist im Verlag aus zwei Perspektiven schnell angekommen. Beim diesjährigen sorbischen Absolvententreffen, der Schadźowanka, im Netz hatten wir zum Beispiel einen digitalen Büchertisch. Im Dezember feierten wir die erste digitale Buchpremiere mit der Nachbarn-Anthologie. Natürlich ist das anders als eine Premiere in einer Buchhandlung, aber man hat den großen Vorteil bei einer Onlinelesung, Menschen zu erreichen, die man sonst nicht erreicht.

Das heißt?

Wir hatten Zuschauer aus Europa wie aus der Lausitz. Darunter waren einige Eltern, die Kinder haben und abends eben nicht weggehen können. Das ist doch ein wichtiger Hinweis, auch für spätere Veranstaltungen vielleicht als hybride Modelle einer digitalen und analogen Lesung.

Was haben Sie noch ausprobiert?

Wir haben mit der sorbischen Tageszeitung „Serbske Nowiny“ erstmals "Das sorbische Wort des Jahres“ gekürt – mit einer Online-Aktion. Der Wahl fiel auf „šmóratko“, das Smartphone. Es kommt vom sorbischen Verb „kritzeln“. Es ist ein Begriff, der für das Jahr 2020 steht. Die Resonanz auf die Wahl war riesig, die Leute machen sich Gedanken über ihre sorbische Muttersprache. Intern dagegen mussten wir erstmal in eine IT-Infrastruktur investieren, um flexibel und mobil arbeiten zu können.

Welche digitalen Themen bringt das neue Jahr für den Verlag?

Neben der Neuaufstellung unseres Onlineshops wollen wir neue Zielgruppen mit Hilfe der neuen Medien erschließen. Wir müssen als Verlag auf Instagram und anderen Social-Media-Kanälen präsenter sein, wir möchten vor allem die jüngere Generation mit neuen Formaten ansprechen. Wir haben viele aufgeschriebene Inhalte, doch der Trend geht zum gesprochenen Wort, wie man zum Beispiel am Audio-Streaming-Dienst Spotify erkennen kann.

Es braucht aber auch Inhalte für junge Menschen samt der Autoren…

Wir besitzen ein hohes Maß unterhaltsamer, spannender oder informativer Inhalten. Wir dürfen aber nicht nur tolle Inhalte produzieren. Wir haben vor allem ein Potential, auf verschiedenen Kanälen den Leuten in unterschiedlichen Lebenssituation mit dem richtigen Angebot – vom Kinderbuch über das Hörbuch über Wissenschaft oder Geschichte – in Berührung zu bringen. Dazu braucht es eine Mischung aus den sozialen Medien, Events, der Buchhandlung vor Ort…

Und die Autoren? Inwieweit kann der Verlag Nachwuchs fördern?

Es ist eins unserer zentralen Themen, sich um den Nachwuchs zu kümmern. Ein Autor hat eine Motivation, etwas aufs Papier zu bringen. Wir müssen als Verlag Menschen mit ihrer Schreiblust identifizieren. Wir brauchen einen engen Austausch mit Jugendlichen, müssen sie motivieren, mehr zu schreiben. Eigentlich müssten wir am sorbischen Gymnasium Talent-Scouting machen.

Aber?

Gleichzeitig müssen wir den Lesermarkt entwickeln. Ein junger Autor, dessen Geschichten gelesen werden, ist motivierter als ohne Zuspruch. Wir müssen die junge sorbische Literatur attraktiv und mehrheitsfähig machen. Wenn bei einer Lesung junge Autoren Applaus von 100 Zuhörern bekommen, könnte ich mir vorstellen, dass mehr Leute Lust am Schreiben finden.

Apropos Schreiblust. Welchen Bestseller würden Sie sich für den Domowina-Verlag wünschen?

Einen großen sorbischen Roman wünsche ich mir, auch an einem Krimi hätte ich Spaß. Es sollte auf jeden Fall ein Stoff sein, worüber die Menschen reden. Wir möchten Bücher mit Relevanz machen.

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