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Frisch gepflanzte Bäume müssen umziehen

Eine Frau setzt in Doberschau-Gaußig auf eigene Kosten 50 Straßenbäume - und hat davon nichts als viel Arbeit und Ärger.

Im Gedenken an ihren verstorbenen Vater pflanzte Kerstin Mickan 50 Bäume an die Straße Zur Wasserburg in Drauschkowitz. Die mussten umgepflanzt werden. Verständnis haben weder sie noch Bürgermeister Alexander Fischer.
Im Gedenken an ihren verstorbenen Vater pflanzte Kerstin Mickan 50 Bäume an die Straße Zur Wasserburg in Drauschkowitz. Die mussten umgepflanzt werden. Verständnis haben weder sie noch Bürgermeister Alexander Fischer. © SZ/Uwe Soeder

Doberschau-Gaußig. Alles begann vor einem Jahr mit einem Gedanken: Weil ihr Vater aus der Gegend um den Doberschau-Gaußiger Ortsteil Drauschkowitz stammte und der dortigen Natur stets verbunden war, kam Kerstin Mickan auf die Idee, sein Sterbegeld nicht in Blumen am Grab, sondern in Bäume am Wegesrand zu investieren.

Rund 500 Meter an der Straße Zur Wasserburg neben dem Dörfchen Drauschkowitz schienen der Hinterbliebenen der geeignete Ort für das Vorhaben zu sein. "Seit 100 Jahren sind hier Apfelbäume gewachsen", begründet sie die Ortswahl und macht eine ausladende Bewegung in die Landschaft hinein. Die Straße dort ist eng und wellig. In Richtung Siebitz und Kleinseitschen verengt sie sich noch weiter. Dort, wo eine Brücke den Bahndamm quert, kommen nur Fahrzeuge mit einer maximalen Breite von zwei Metern hindurch. Schilder an den Kreuzungsbereichen weisen darauf hin. Rechts und links der Fahrbahn schließen sich landwirtschaftlich genutzte Flächen an. Vier Bäume zeugen noch von der Obstbaum-Allee, die hier einst gewesen sein mag.

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In Anbetracht all dessen dachte Kerstin Mickan pragmatisch: "Ich bin davon ausgegangen, dass das eine positive Aktion ist und dass ich etwas Gutes für die Umwelt tue. Außerdem gab es in dieser Gegend immer Alleen", sagt sie. Sie wandte sich an den Landwirt, dem das Areal gehört, und erbat dessen Zustimmung. Die kam, und Kerstin Mickan legte los, beschaffte 50 große Straßenbäume für einen Preis, den sie nicht nennen mag, und brachte die Pflanzen in die Erde. Heute sagt sie: "Ja, ich habe einen Fehler gemacht, als ich das Straßen- und Tiefbauamt nicht um Erlaubnis gefragt habe. Aber es ist ärgerlich, dass es keine Möglichkeit gab, diesen Fehler zu verzeihen."

Mindestabstand nicht eingehalten

Das Problem: Die Bäume, die Kerstin Mickan und ihre Helfer pflanzten, orientierten sich in ihrer Positionierung an den noch stehenden und nicht an den gültigen Richtlinien. Für die Straße Zur Wasserburg, eine Ortsverbindungsstraße, ist außerorts eine Höchstgeschwindigkeit von 100 Stundenkilometern zugelassen. Ein Abstand von 4,50 Metern zwischen Bäumen und Straßenrand wird in den "Empfehlungen zum Schutz vor Unfällen mit Aufprall auf Bäume" aber empfohlen. Auf dieses Papier der Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen bezieht sich das Landratsamt des Landkreises Bautzen.

Die Bäume von Kerstin Mickan waren deshalb ein Problem, weil sie nur rund zwei bis zweieinhalb Meter vom Straßenrand entfernt standen. Das fiel der Straßenmeisterei auf. Die musste das melden - allein schon wegen der Frage der Haftbarkeit im Unglücksfall.

Weil die Bäume schon gepflanzt waren; weil es die Richtlinie erlaubt und weil das Vorhaben von Kerstin Mickan als "achtens- und ehrenwert" empfunden wurde, schlug das Landratsamt einen Kompromiss vor: "Eine Umpflanzung mit einem Mindestabstand von 4,50 Meter zum Fahrbahnrand" könne man erlauben, heißt es in einem Schreiben des Landratsamtes an Kerstin Mickan.

Bürgermeister fordert pragmatisches Handeln

Alexander Fischer (CDU), Bürgermeister von Doberschau-Gaußig, wurde erst hinzugezogen, als die Bäume schon gepflanzt und der Konflikt am Gären war. Ihn bewegen ganz praktische Gedanken: "Grundsätzlich stellt sich doch die Frage, ob wir Baumalleen erhalten wollen", sagt er und verweist auf ganz ähnliche Probleme im Ortsteil Gaußig. Man müsse doch auch davon ausgehen, dass die, die ein Auto bewegen, es auch auf der Straße halten können, findet er und zeigt ebenfalls ins weite Rund. Es scheint, als wolle er sagen: "Wer auf dieser Strecke 100 Stundenkilometer fährt, sollte besser kein Fahrzeug führen."

Inzwischen stehen keine jungen Bäume mehr an der Straße Zur Wasserburg. Am 5. März wurden sie ausgegraben und an den neuen Standort an der alten Bautzener Straße verpflanzt.
Inzwischen stehen keine jungen Bäume mehr an der Straße Zur Wasserburg. Am 5. März wurden sie ausgegraben und an den neuen Standort an der alten Bautzener Straße verpflanzt. © SZ/Uwe Soeder

Kerstin Mickan bringt auf den Punkt, was sie sagen will: "Deutschland erstickt in Bürokratie. Regeln müssen nachvollziehbar sein, damit man sich daran hält. Bauen wir denn nur noch für die Autofahrer", fragt sie sichtlich bewegt und zieht den sächsischen Koalitionsvertrag hervor. Darin heißt es: "Wir werden darauf hinwirken, den Rückgang von Straßenbäumen und Alleen zu stoppen und für eine Trendumkehr zu sorgen, unter anderem durch ein Programm zur Anlage von Baumreihen und Alleen."

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Vor diesem Hintergrund kann Kerstin Mickan die Forderung des Straßen- und Tiefbauamtes nicht wirklich nachvollziehen. Gehandelt hat sie trotzdem: Am 5. März wurden 50 Bäume wieder aus der Erde gezogen - mit schwerem Gerät, Man-Power und Enthusiasmus. Das Ultimatum des Landratsamtes war für Kerstin Mickan keine Option - weil es um den Eindruck einer Allee gehe und weil der zugehörige Bauer Ernteeinbußen habe, je mehr Fläche er abgebe, sagt sie. Die meisten ihrer jungen Bäume fanden ihren neuen Standort an der alten Bautzener Straße - jener verwilderten aber noch sichtbaren Trasse, die früher als Weg von Doberschau-Gaußig nach Bautzen gedient hatte.

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