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Senior trickst Trickbetrüger aus

Per Anruf versuchen Verbrecher, ans Geld eines Mannes aus dem Bautzener Oberland zu kommen. Der reagiert besonnen - und dreht den Spieß einfach um.

Immer häufiger versuchen Betrüger, per Telefon meist ältere Leute um ihr Vermögen zu bringen. Ein Mann aus dem Bautzener Oberland erkannte das rechtzeitig. Die Anrufer konnten dennoch nicht ermittelt werden.
Immer häufiger versuchen Betrüger, per Telefon meist ältere Leute um ihr Vermögen zu bringen. Ein Mann aus dem Bautzener Oberland erkannte das rechtzeitig. Die Anrufer konnten dennoch nicht ermittelt werden. © Symbolfoto: Karolin Krämer/dpa-tmn

Bautzen. So viel Geistesgegenwart wie Jürgen Bendler* beanspruchen wohl nur wenige Menschen für sich. Der Endsechziger aus dem Bautzener Oberland verbringt einen ganz normalen Vormittag, als um 10.46 Uhr sein Telefon klingelt. Die Anzeige auf dem Display verrät: Nicht seiner eigenen Nummer gilt der Anruf, sondern der seiner verstorbenen Mutter.

Jürgen Bendler, der diesen Anschluss nicht aus dem Telefonbuch löschen und deshalb seinen wirklichen Namen nicht öffentlich nennen will, ist bereits skeptisch, als er eine weinerliche Stimme hört. "Die Frau ist tot", habe eine Frau schluchzend gesagt, erinnert er sich. Gleich darauf habe sich eine weitere Frau gemeldet, die sich als Polizeimeisterin ausgegeben und ihm erklärt habe, dass seine Enkelin bei einem Verkehrsunfall einen Menschen getötet habe.

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"Meine Enkelinnen fahren kein Auto", erzählt der Angerufene später schmunzelnd. Doch die offensichtlichen Betrüger am anderen Ende der Leitung - für Bendler sind sie ein gefundenes Fressen. "Ich nehme gern Leute auf die Schippe, das hält fit im Kopf. Und solange ich solche Menschen in der Leitung halte, können die keinen anderen Mist machen", sagt er. In diesem Moment, erinnert er sich, habe er sich spontan entschlossen, das Spiel mitzuspielen.

Betrüger fordern am Telefon 25.000 Euro

Fast minutengenau hat Bendler schriftlich erfasst, wie sich alles abspielte an jenem Herbsttag. Zunächst hätten die Betrüger 25.000 Euro von ihm verlangt, sich später auf 10.000 Euro herunterhandeln lassen. Immer neue Personen hätten dabei mit ihm gesprochen - und sich etwa als Hauptkommissar oder Staatsanwalt ausgegeben.

Spannend sei es geworden, als die Anrufer ihn aufforderten, 10.000 Euro Bargeld von der Bank zu holen, um seine angebliche Enkelin vor der Untersuchungshaft zu bewahren. Er solle das Telefonat nicht unterbrechen und mit niemandem darüber reden, hätten sie gesagt. Bendler willigt ein, legt den Hörer neben die Gabel und verlässt den Raum. "Ungefähr eine halbe Stunde habe ich die warten lassen", sagt er.

Vom Anschluss im Nebenzimmer aus wählt er den Notruf der Polizei. "Dort hat man mir gesagt, ich solle auf keinen Fall Geld übergeben. Aber das hatte ich ja gar nicht vor", sagt er. Auch seiner Frau gibt er Bescheid. Sie sitzt neben ihm, als er das Gespräch mit den Betrügern fortsetzt. Die wollen nun alles ganz genau wissen, fragen nach der Stückelung der Banknoten und nach Seriennummern.

Die Betrüger glauben Bendlers Antworten, sind aber noch nicht zufrieden: "Sie haben sich dann nach Schmuck und Wertgegenständen erkundigt. Als sie meine Iban-Nummer haben wollten, war Schluss." Seine Frau habe geistesgegenwärtig reagiert und an der Tür geklingelt. So konnte Jürgen Bendler das Gespräch beenden. Auch einen weiteren Anruf, rund zwei Stunden später, wimmelte er ab.

Zahl der Enkeltrick-Straftaten stark gestiegen

Der Fall von Jürgen Bendler ist der Polizeidirektion Görlitz bekannt. Er ist einer unter vielen. Um rund 32 Prozent habe die Anzahl der Enkeltrick-Straftaten und artverwandter Delikte von 2019 auf 2020 zugenommen, teilt Pressesprecher Sebastian Ulbrich mit. Wurden 2019 noch 239 solcher Fälle registriert, waren es 2020 bereits 317.

Bemerkenswert daran: Während der corona-bedingten Schließung der Grenze nach Polen gab es kaum Fälle von Enkeltrickbetrug in der Region. "Durch die geschlossenen Grenzen konnten keine Abholer nach Ostsachsen geschickt werden", so Ulbrich. Auch den Ursprung von Fällen wie den von Jürgen Bendler verortet Ulbrich in Polen. Von dort würden die reisenden und bestens organisierten Täter, die vor allem in Ostsachsen unterwegs sind, gesteuert. Und dort sei die "Schockvariante" des Enkeltricks, wie Sebastian Ulbrich sie nennt und Bendler sie erlebt hat, weit verbreitet.

Jürgen Bendler hat zwar schnell und umsichtig gehandelt, fassen konnte die Polizei "seine Betrüger" aber nicht. Zwar berichtet der Senior noch am frühen Nachmittag desselben Tages zwei Beamtinnen vor Ort von dem Vorfall und erstattet Anzeige, aber kurz vor Weihnachten, erinnert er sich, sei das Verfahren eingestellt worden. Vom Ermittlungsinteresse der Polizei zeigt er sich enttäuscht, will mit seiner Geschichte wenigstens die Öffentlichkeit sensibilisieren.

Täter lassen sich kaum aufspüren

Sensibilisierung scheint auch für die Polizeidirektion Görlitz das effektivste Mittel im Kampf gegen die Betrüger zu sein. Immer häufiger wendet sie sich mit Apellen an die Öffentlichkeit. Denn trotz technischer Möglichkeiten verläuft sich die Spur der Täter meist: "Durch einen sogenannten Zielsuchlauf können zwar in den meisten Fällen die tatsächlichen Rufnummern der Täter ermittelt werden. Meist handelt es sich dabei aber um schwedische oder britische Prepaid-Nummern. Die Anbieter dieser Nummern speichern keine Daten der Personen, die diese Rufnummern nutzen, da es dort dazu keine gesetzliche Verpflichtung gibt", erklärt Sebastian Ulbrich die Schwierigkeit bei den Ermittlungen.

*Name von der Redaktion geändert

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