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Kreiselternrat Bautzen: "Es wurde zu lange nur reagiert"

Der Kreiselternratsvorsitzende sagt, was er von Schulschließungen und vorgezogenen Weihnachtsferien hält. Und er hat einen Wunsch ans Kultusministerium.

Von Lucy Krille
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Der Vorsitzende des Kreiselternrats Bautzen, Mario Metzner, kann die Sorge vor einer Ausbreitung der Corona-Infektionen an Schulen verstehen. Er sieht aber auch die Probleme, die Schulschließungen mit sich bringen.
Der Vorsitzende des Kreiselternrats Bautzen, Mario Metzner, kann die Sorge vor einer Ausbreitung der Corona-Infektionen an Schulen verstehen. Er sieht aber auch die Probleme, die Schulschließungen mit sich bringen. © René Plaul

Bautzen. Die Zahl der teilweisen Schulschließungen hat sich im Landkreis Bautzen seit letzter Woche verdoppelt. In mehr als 20 der insgesamt 153 Schulen im Landkreis sind Klassen zu Hause, dazu kommen acht vollständig geschlossene Schulen.

Von den knapp 60.000 Schülern in den Landkreisen Görlitz und Bautzen sind nach Angaben von Vincent Richter vom Landesamt für Schule und Bildung 2.404 in den letzten Tagen positiv auf das Coronavirus getestet worden. Dazu kommen 244 positiv getestete Lehrer und Mitarbeiter. Derzeit befinden sich 1.772 weitere Schüler und 35 Lehrkräfte und Mitarbeiter als Kontaktpersonen in Quarantäne.

„Sind in etwa ein Prozent der Personen infiziert, setzt sich das Kultusministerium (SMK) mit der Schule in Verbindung“, erklärt Vincent Richter das Prozedere. 58 Klassen in den Landkreisen Bautzen und Görlitz lernen derzeit auf Anordnung des SMK zu Hause. Flächendeckende Schulschließungen soll es aber vorerst nicht geben. Der Vorsitzende des Bautzener Kreiselternrats, Mario Metzner, befürchtet allerdings, dass das bei weiter hohen Infektionszahlen doch passieren könnte. Sächsische.de hat mit ihm über die Situation an den Schulen gesprochen.

"Keine gute Alternative zum Präsenzunterricht"

Herr Metzner, angesichts der hohen Infektionszahlen ist immer wieder von einem harten Lockdown auch mit Schulschließungen die Rede. Was halten Sie davon?

Einerseits ist da die Sorge um die Schüler. An den Schulen gibt es kaum ordentliche Lüfter, und auch in den Bussen ist die Infektionsgefahr groß. Hinzu kommt die Doppelbelastung für Lehrer, die Kinder in Präsenz und zusätzlich die in Quarantäne beschulen zu müssen. Andererseits existiert auf Dauer keine gute Alternative. Die einzige Chance, das Bildungsniveau in Sachsen zu halten, ist der Präsenzunterricht. Solange es sinnvoll ist, plädiere ich für eine Aufrechterhaltung des Präsenzunterrichtes.

Was sagen Sie zu vorgezogenen Weihnachtsferien?

Die Idee, das Weihnachtsfest sicherer zu machen, ist nachvollziehbar. Ich sage das aber als Vater von Kindern, die alleine zu Hause bleiben können, anders als Grundschüler. Vielleicht wäre es ein Kompromiss, die Schüler der höheren Klassen die letzten Tage vor Weihnachten ins Homeschooling zu verabschieden.

Homeschooling: "Eltern fühlen sich alleingelassen"

Funktioniert das Homeschooling denn?

Das unterscheidet sich stark. Es gibt Schulen, an denen die Lehrer gut digital kommunizieren, und andere, wo es eher schlecht läuft. Manche Lehrer müssen auf ihre eigenen Geräte zurückgreifen, denn Investitionen in die technische Ausstattung wurden in den letzten Jahrzehnten schlichtweg versäumt. Zwar mag es nun Fortbildungsangebote für die Lehrer geben, dies kommt aber zu spät. Die Erwartung, dass man heute besser dasteht als letztes Jahr, hat sich nicht erfüllt.

Inwiefern?

Ich hätte mir bereits zu Beginn der Pandemie eine klare Linie vom Kultusministerium gewünscht. Die Schulen müssen an den Konzepten für die digitale Lehre selbst feilen. Jeder macht es anders, zum Beispiel Online-Videokonferenzen. Die mussten die Eltern oft einfordern. Mittlerweile bieten immerhin mehr Lehrer solche Formate an.

Am schwersten ist das Homeschooling wahrscheinlich für die Jüngsten, oder?

Ja, die Eltern fühlen sich alleingelassen. Entweder müssen sie jemanden finden, der sich um das Kind kümmert oder neben der Arbeit selbst Lehrer spielen. Da hören wir oft von psychischen Belastungen auf beiden Seiten. Auch hier braucht es klare Informationen vom Kultus- und auch vom Sozialministerium, wie die Betreuung gewährleistet werden kann.

Impfpflicht: "Lieber das Gespräch suchen"

Manche Kinder bleiben freiwillig zu Hause, die Schulbesuchspflicht ist aufgehoben. Doch wie werden die Schüler weiter unterrichtet?

In einzelnen Fällen ist die Aussetzung der Schulbesuchspflicht sinnvoll, um vorbelastete Familien nicht zu gefährden. Ich bedauere aber, dass die Schule die Betreuung der Schüler wegen der Doppelbelastung teilweise nicht gewährleisten kann. Einige Lehrer bemühen sich da aber zum Glück sehr. Wenn der Stoff vermittelt wurde, halte ich es für sinnvoll, dass die Kinder in die Schule kommen, wo sie dann möglichst nur den Lehrer treffen, und ihre Arbeiten schreiben.

Sind Sie für eine Impfpflicht für die Lehrer?

Die Verantwortung der Lehrer ist natürlich groß, und sie haben Vorbildfunktion. Ich begrüße die Impfpflicht aber nicht, lieber sollte man das Gespräch suchen.

Lehrermangel: "Das wird nicht besser"

Bund und Länder haben im Sommer ein Aufholprogramm gestartet. Machen die Schulen davon Gebrauch?

Die Schulen beantragen Gelder. Aber ich habe zu Schuljahresbeginn zum Beispiel Mails erhalten, da war von Unterrichtsausfall im zweistelligen Prozentbereich die Rede. Wenn das Personal fehlt, wie sollen die Schüler da gefördert werden? Am effektivsten ist es, wenn der Präsenzunterricht, wenn er möglich ist, richtig funktioniert. Aber wir haben akuten Lehrermangel, das wird in den nächsten fünf Jahren nicht besser.

Und auf lange Sicht?

Ich befürchte nicht. Wir fordern seit Jahren eine Strategie, um mehr Lehrer in der Region zu haben. Ich habe ein Plakat vom Landeselternrat gefunden: „Wir haben Lehrermangel.“ Das war von 2014. Ich wünsche mir, dass das Kultusministerium irgendwann agiert, statt nur zu reagieren.