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Hobbyfotograf lässt Hände sprechen

André Stickel ist ehrenamtlich als Alltagsbegleiter in einem Bautzener Seniorenheim tätig. Dabei wurde er zu einem besonderen Kunstprojekt inspiriert.

Andre Stickel zeigt großformatige Fotografien von Händen alter Frauen, die er in einem Altenheim aufgenommen hat. Zu jedem Bild gibt es auch eine Geschichte.
Andre Stickel zeigt großformatige Fotografien von Händen alter Frauen, die er in einem Altenheim aufgenommen hat. Zu jedem Bild gibt es auch eine Geschichte. © SZ/Uwe Soeder

Bautzen. Ganz ruhig liegen die Hände übereinander. Tiefe Furchen graben sich in die Haut. Am rechten Ringfinger sitzt ein schmaler Ehering. Diese Hände müssen nicht mehr in Bewegung sein. Ein langes Berufsleben liegt hinter ihnen, weiß André Stickel. Der 47-Jährige hat bei seiner Ehrenamtstätigkeit in einem Diakonie-Seniorenheim in Bautzen diese Aufnahme gemacht. Entstanden ist eine beeindruckende Serie von zwölf Bilder mit unterschiedlichsten Lebensgeschichten. Es sind Hände mit einer Botschaft.

André Stickel legt die Vergrößerungen seiner Fotografien auf den Tisch, während an seinem Haus in Eulowitz die Autos vorbei rauschen. Seit drei Jahren kümmert er sich in seiner Freizeit regelmäßig um Senioren in der Bautzener Pflegeeinrichtung. „Meine Großmutter war in dem Heim. So entstand der Kontakt“, sagt der zweifache Familienvater. Der gelernte Zimmermann ist dann Spaziergänger, Zuhörer, manchmal auch Mensch-ärgere-Dich-nicht-Verlierer, Gesellschafter und Sorgenvertreiber. „Ich erlebe immer wieder, wie dankbar die Menschen für diese Zeit sind“, sagt er.

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Lebensgeschichten aufgeschrieben

Hinter den ruhenden Hände auf dem Bild liegen Flucht aus der alten Heimat, eine Neuankunft in Bautzen nach dem Zweiten Weltkrieg, lebenslanges Arbeiten, über 50 Jahre Ehe, ein Sohn und ein Enkel, Fürsorge und Mitgefühl. André Stickel betrachtet das stille, wie eindringliche Foto. „Beim Anziehen nehme ich immer wieder die Hände der Senioren in meine eigenen Hände, um ihnen zum Beispiel in die Jacke zu helfen. Manche sind warm, andere kalt, manche klein, andere runzelig. Da habe ich angefangen, darüber nachzudenken, welche Lebensgeschichten stecken hinter diesen Händen“, sagt der Amateur-Fotograf.

Gesagt, getan: Nach einem Gespräch mit der Heimleitung und selbstverständlich den Senioren-Models hat sich André Stickel an die Arbeit gemacht. Zwölf Frauen hat er in den vergangenen Wochen porträtiert. Nach 14 Tage waren die Hände fotografiert und die Geschichten zusammengetragen. Die Jüngste ist Jahrgang 1951, die älteste Dame ist über 100 Jahre. Sie alle verbindet ein Leben ohne Klagen. „Diese Hände haben dieses Land aufgebaut, sie haben für Kinder gesorgt, große Krisen überstanden. Keine Hand hat gefragt: Wo ist mein Vorteil. Diese Hände konnten zupacken und nicht nur aufhalten“, resümiert André Stickel. Das Projekt hat er selbst finanziert.

Die Bildertafel hat André Stickel bereits im Seniorenheim innerhalb einer kleinen Ausstellung und mit großer Resonanz vorgestellt. Er kann sich vorstellen, dass er die aufgezogenen Fotografien bei Interesse auch in anderen Pflegeeinrichtungen zeigt. Freuen würde er sich, wenn seine Aufnahmen einen Weg in die Öffentlichkeit, wie beispielsweise das Kornmarktcenter, finden würden. Denn der Ehrenamtler verbindet mit seinen Bilder eine besondere Botschaft: „Kümmert euch um die alten Menschen. Geht zu euren Eltern, zu euren Großeltern. Macht es möglich für ein oder zwei Stunden pro Woche!“

Leisen Seniorinnen eine Stimme gegeben

André Stickel bricht eine Lanze für das Ehrenamt. Er selbst engagiert sich zum Beispiel noch im Technischen Hilfswerk, dichtet Kinderlieder zu den Melodien von Peter Schulze. Gerade sind erst wieder zwei Titel veröffentlicht worden. Am liebsten geht er aber zu den Wartenden ins Seniorenheim, natürlich im Moment immer mit frischem Corona-Test. „Wir sind die nächste Generation, die in einer Pflegeeinrichtung landen könnte. Da möchten wir doch auch, dass sich jemand um uns kümmert“, sagt der Eulowitzer.

Zwei Dinge hat der ehrenamtliche Alltagsbegleiter mit seinem Projekt geschafft. Mit seinen Fragen und der Aufmerksamkeit hat er den oft leisen Seniorinnen eine Stimme gegeben, mit seinen Bildern regt er auch Außenstehenden zum Nachdenken an. Aber wie geht es nun weiter? Vielleicht finden sich noch mehr Hände, die fotografiert werden möchten. Vielleicht melden sich auch noch einige Herren für das Fotoprojekt. Vielleicht entsteht sogar noch ein Kalender mit den Bildern und Geschichten. Ganz bestimmt aber geht André Stickel weiter ins Diakonie-Seniorenheim in Bautzen, um gern seine Zeit mit den Bewohnern zu teilen.

Vier Händepaare und ihre Geschichten:

Die Frühaufsteher

© André Stickel

Diese Hände wurden 1938 im polnischen Lodz geboren. Sie erlebten dort schon in jungen Jahren die Schrecknisse des Dritten Reiches. Mit zwei Geschwistern, doch ohne den Vater, der im Krieg geblieben war, fanden sie nach ihrer Flucht in Bautzen eine neue Heimat. Sie sind immer fleißige Frühaufsteher gewesen und haben Zeit ihres Lebens als Friseurin gearbeitet. Über 50 Jahre verheiratet, haben sie sich liebevoll um einen Sohn und später um einen Enkel gekümmert. Sie haben viel von der Welt gesehen, sind weit gereist und können interessante Geschichten erzählen. Wenn sie liebevoll begrüßt oder verabschiedet werden, sind sie dafür sehr dankbar.

Die Lernenden

© André Stickel

Diese Hände wurden 1922 geboren. Sie sind bei Dienstherren auf einem Rittergut aufgewachsen und erlebten dort ein sehr gutes Elternhaus. Um eines Tages auf eigenen Beinen stehen zu können, besuchten sie regelmäßig die Schule und erhielten anschließend die Anstellung bei einem Bäcker und einem Fleischer. Später fanden sie Arbeit in der Küche eines Kindergartens, in einer damals noch kleinen Bautzener Manufaktur für Essig und Senf und dem VEB Fortschritt Mähdrescherwerk Bischofswerda/Singwitz. Durch den Zweiten Weltkrieg mussten sie einen von zwei Brüdern loslassen, was bei ihnen bis heute eine große Lücke im Leben hinterlassen hat. Doch nach ihrer Heirat erblickten zwei Töchter das Licht der Welt, und auch ein Enkelkind konnte das Glück im Leben ein weiteres Mal aufleben lassen.

Die Kreativen

Foto: André Stickel
Foto: André Stickel © André Stickel

Diese Hände wurden 1941 in Bischdorf, dem heutigen polnischen Biskupice, geboren. Trotz des Krieges und der anschließenden Vertreibung 1945 sind es lebhafte und freundliche Hände, die schon immer mitteilsam waren und die Gesellschaft lieben. Sie sind gepflegt und sie mögen Schmuck sowie auch alle farbenfrohen Dinge. Ein Leben lang waren diese Hände Frühaufsteher. Sie haben in der elterlichen Landwirtschaft und einer diakonischen Küche ausgeholfen, um dann spätabends wieder müde ins Bett zu fallen. Sie besitzen einen grünen Daumen, was die Pflanzen in ihrer Umgebung zu schätzen wissen. Außerdem sind sie sehr kreativ, denn sie lieben es, zu basteln und zu malen. Und das mit viel Ausdauer und Liebe zum Detail. Sie freuen sich bei jeder Gelegenheit über eine kleine Berührung.

Die Tierlieben

Foto: André Stickel
Foto: André Stickel © André Stickel

Diese Hände wurden 1928 in Oberprausnitz im ehemaligen Sudetenland geboren, und sie arbeiteten seit frühester Jugend hart auf dem Bauernhof der Eltern. Trotz entbehrungsreicher Zeiten erlebten sie dort viele glückliche Jahre. Nach der Vertreibung bei Kriegsende fanden sie im Kreis Bautzen schnell wieder eine neue Heimat und heirateten dort. Dieses Glück wurde später mit einem Sohn und einer Tochter sowie zwei Enkelkindern untermauert. Sie waren jede freie Minute für die Familie und Freunde da. Sie haben aus der Zeit auf dem Bauernhof im Sudetenland nie ihre Liebe zur Natur und zu den Tieren verloren und freuen sich über alle schönen Dinge in ihrer Umgebung.

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