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Der Kunstgarten des Miniaturland-Erfinders

Sächsische.de zeigt die schönsten Gärten im Kreis Bautzen. Heute: Am Bautzener Stadtrand stellt Tom Glöß seine Kunstwerke aus - auch im Staudenbeet.

In seinem 1.100 Quadratmeter großen Garten am Bautzener Stadtrand schafft Tom Glöß Bilder und Skulpturen und stellt einen Teil davon auch dort aus.
In seinem 1.100 Quadratmeter großen Garten am Bautzener Stadtrand schafft Tom Glöß Bilder und Skulpturen und stellt einen Teil davon auch dort aus. © SZ/Uwe Soeder

Bautzen. Die hellgelben Zitronenfalter wippen spätsommermüde auf den lila Blüten des Lavendels. Nur für wenige Augenblicke erheben sie sich von den duftenden Dolden, um dann wieder lethargisch ihre zarten Flügel in die Sonne zu strecken. Daneben wetteifern weiße Sterngladiolen mit den üppigen Prachtkerzen um die Gunst der Betrachter. Mittendrin im Staudenbeet fangen Skulpturen den zweiten Blick.

„Kunstgarten“ nennen Tom Glöß und seine Lebensgefährtin Marion Möcke dieses grüne Refugium an der Teichnitzer Straße in Bautzen. Eine Biene wärmt sich auf der Plastik der Schöpfenden.

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Tom Glöß streift durch sein Atelier unter freiem Himmel. In der übermannshohen Thuja-Hecke steht in einem freigeschnittenen Fenster die Figur mit dem Titel Erdung mit ausladenden Armen, dahinter begegnen dem Besucher des Stadtrandareals bei jeden Schritt neue Plastiken. Aus der Ferne beäugt Coco, eine silbergraue British-Kurzhaar-Katze mit rötlichem Schimmer, die Gesellschaft in ihrem Revier.

Diese Skulptur, die auf einem Fensterbrett zu balancieren scheint, trägt den Titel Erdung.
Diese Skulptur, die auf einem Fensterbrett zu balancieren scheint, trägt den Titel Erdung. © SZ/Uwe Soeder

„Ich habe mich schon immer mit Kunst beschäftigt“, sagt der 63-Jährige. Vielen aus der Region ist er noch als Schöpfer des Miniaturlandes in Kleinwelka bekannt. Vor den Toren des Saurierparks stellte er bis 2013 unter anderem gedrechselte Nachbildungen alten sächsischen Handwerk in Puppenstube-Größe aus.

Ihr erstes Publikum empfingen diese Miniaturen indes im einst elterlichen Garten zu Beginn der 1990er-Jahre. „Für uns Kinder war hier früher grüne Idylle. Zwischen den Pappeln am Hang haben wir Buden gebaut, es gab Seifenkistenrennen“, sagt der Bautzener, während im Hintergrund die Autobahn rauscht. Damals in den 1950er- und 1960er-Jahren war die Welt quasi hinter dem Grundstück zu Ende, die Spree ist nur wenige Schritte ins Tal hinein entfernt.

Ein verrostetes Mitbringsel von einem Spaziergang unlängst am Fluss hat auch einen Atelierplatz im Grünen gefunden. Ein bisschen erinnert das Metallring an die Krone eines alt gewordenen Königs.

Rosen heißen wie Dichter und Maler

Ein schmaler Weg führt am Haus vorbei in einen weiteren Teil des Freiluftateliers. „Seit gut zehn Jahren ordnen wir das Areal neu, früher war es ein Nutzgarten mit Obst, Gemüse und vielen hohen Bäumen“, sagt Tom Glöß. Die Reste der Baumriesen stapeln sich noch in der letzten Ecke des 1.100 Quadratmeter großen Grundstücks. Die Gestaltung der Staudenbeete und die Auswahl neuer Pflanzen liegt vor allen in den Händen von Marion Möcke. Knapp 15 Rosen mit so großen Namen wie Goethe, Leonardo da Vinci oder Ragazza, sind unter anderem in die Seidau gezogen.

Am Weg in den hinteren Teil des Gartens werfen Cosmea, Hortensie und Goldraute ihre Farben in den späten August. Aus der Hecke schaut ein Portrait von einer Siebdruckplatte, darunter steht eine der ersten Glöß-Skulpturen. Verbundene Erde nennt er sie. In der Kirsche hängen getöpferte Glocken. Eine Elster keckert beschwerdeführend. Vor dem Atelier-Holzhaus stehen mehrere Staffeleien, auf jeder sonnt sich ein Bild. Farben, Pinsel, Spatel liegen bereit. Auf einem Sockel warten die Figur Aurora, Meißel, Schlegel und Beitel auf die Weiterarbeit. Glöß' Plastiken sind aus Beton.

Die Plastiken von Tom Glöß entstehen aus Beton. Das Werkzeug dafür liegt griffbereit.
Die Plastiken von Tom Glöß entstehen aus Beton. Das Werkzeug dafür liegt griffbereit. © SZ/Uwe Soeder

Auf der größten Staffelei ist das Bild „Sonne über der Erde“ in Arbeit. In mehreren Schichten bringt Tom Glöß mal tupfend, mal streichend die Farbe auf die Leinwand. Das Gemalte geht ineinander über, verfließt und lässt aus der unterschiedlichen Perspektiven ganz unterschiedliche Bilder entstehen. Seine Idee dieser neuen Kunstform nennt der Autodidakt Segmentismus.

„Für mich ist es nichts, ein Gesicht zu malen. Ich will Vielfalt in meine Bilder bekommen, es darf nicht auf den ersten Blick zu sehen sein, was los ist. Der Betrachter soll und muss seine Fantasie mit einbringen. Dadurch verändert sich auch das Kunstwerk immer wieder“, sagt der Künstler.

15 bis 20 Schichten Farben sind oft auf den Werken von Tom Glöß, der schon für seine Miniaturen gezeichnete Entwürfe aufs Papier brachte. Der gelernte Maschinenbauer hat sich dann kurz vor der Wende und dem Drechsler-Abschluss im Kunstgewerbe selbstständig gemacht. Seit dem Ende seines Miniaturlandes im Kleinwelka betreut er als Mitarbeiter der BBB die Saurierskulpturen und repariert die Giganten bei Bedarf.

Ausstellung verändert sich ständig

„Nach der Arbeit gehe ich am liebsten in mein Atelier. Bei schönen Wetter räume ich alles nach draußen: Bilder, Farbe, Staffelei, die Entwürfe. Ich kann in den Himmel schauen. Dazu die Sonne. Das gibt positive Gefühle, da kommen die Ideen“, sagt der Bautzener. Über das Gemälde „Sonne über der Erde“ schwirren unzählige Tupfer in Orange.

Die Nachbarn und andere Interessierte dürfen gern vorbeischauen, wenn sich Tom Glöß wieder in seinen Kunstwerken verliert. Im kommenden Jahren sind seine Arbeiten gleich in drei Ausstellungen zu sehen, seine letzte Einzelausstellung war 2020 in der Galerie Flox in Kirschau. Aber auch sein Kunstgarten mit angrenzender Galerie und Atelier soll neue Facetten bekommen. Die Ausstellung unter freiem Himmel mit Gemälden und Skulpturen arrangiert er immer wieder neu.

An vielen Stellen im Garten sind Werke von Tom Glöß ausgestellt.
An vielen Stellen im Garten sind Werke von Tom Glöß ausgestellt. © SZ/Uwe Soeder

Ab Oktober plant er regelmäßige (Künstler)-Treffen in seinem Refugium. Dort soll über Kunst genauso diskutiert werden wie über aktuelle Themen, aus denen wieder Kunstprojekte entstehen könnten. Auf dem Kunstgarten soll zukünftig ein Schild an der Straße nach Teichnitz aufmerksam machen.

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Katze Coco döst unter einen improvisierten Bank für drei Bilder in der Sonne. Jetzt, wo Staffelei und Farben bereitstehen, will der Maler seine Zeit mit der Kunst an diesem Spätsommer-Nachmittag noch nutzen. Marion Möcke dagegen zieht es an diesen letzten Urlaubstagen in die Staudenbeete. „Leonarda da Vinci ist gerade gar nicht attraktiv“, sagt sie lachend. Die Zitronenfalter am Lavendel scheucht ihr Enthusiasmus auf. Vorerst suchen sie sich wohl einen ruhigen Ort, um noch ein bisschen Sonne für später zu tanken.

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