merken
PLUS Bautzen

"Wir Handwerker sind die Prügelknaben"

Wegen steigender Exporte gibt es im Kreis Bautzen kaum noch Bauholz. Leidtragende sind Dienstleister sowie Kunden. Und es könnte noch schlimmer kommen.

Holz-Zulieferer Sven Krause (l.) und Zimmerermeister Clemens Heber aus Kirschau sind sich einig: Der gestiegene Export von Baustoffen macht das lokale Handwerk kaputt.
Holz-Zulieferer Sven Krause (l.) und Zimmerermeister Clemens Heber aus Kirschau sind sich einig: Der gestiegene Export von Baustoffen macht das lokale Handwerk kaputt. © Steffen Unger

Kirschau. Vergegenwärtigt man sich die Entwicklung der vergangenen Jahre, muss man sich verwundert die Augen reiben. Noch 2019 zwangen Borkenkäfer und Stürme die Holzproduzenten in die Knie. Der Holzmarkt war übersättigt, Waldbesitzer konnten ihre Holzernte nur mit hohen Verlusten verkaufen oder mussten teure Lagerflächen anmieten.

Die Lage hat sich in der Zwischenzeit - genauer: in den vergangenen zwei Monaten - komplett gewandelt. Damals startete der amerikanische Präsident Joe Biden das größte Konjunkturpaket aller Zeiten. Die Folgen sorgen heute auch von Kirschau bis nach Räckelwitz für Frust. Wie kann das sein?

Anzeige
Kerngesund dank regionalem Futter
Kerngesund dank regionalem Futter

Egal ob Kleintierhalter oder Hobby-Farmer: Mit der richtigen Nahrung bereiten Ihnen Ihre Nutztiere die größte Freude.

Sven Krause, Außendienstmitarbeiter beim Bautzener Baustoffzentrum Wöhlk, erklärt: "In den USA wird inzwischen doppelt so viel für das Rohmaterial bezahlt wie bei uns." Der dortige Markt sei hungrig, fährt Krause fort - vor allem auch, weil der Hauptzulieferer Kanada ebenfalls unter der Borkenkäfer-Problematik leide und die Exporte in die Vereinigten Staaten erheblich reduziert habe.

Leere Regale bei Zulieferern

Den ersten Schritt der Weiterverarbeitung von Rundholz in die Vorstufe von Konstruktionsvollholz übernehmen in Deutschland nur etwa vier Großsägereien. Sie seien es, die den Baustoff anschließend in Container verladen und zum deutlich besseren Preis nach Übersee verkaufen - anstatt ihn, wie bisher üblich, auf kleinere Sägewerke zu verteilen, die unter anderem Handwerker versorgen.

Diese kleinen Sägereien könnten davon profitieren, mag man meinen; schließlich sind die hiesigen Forste noch voller Holz, das beständig geerntet und teilweise auch lokal vermarktet wird. Aber das stimmt nicht ganz. Den Bedarf privater Abnehmer könne er zwar nicht decken, obwohl er alle seine Zimmerei-Baustellen abgesagt habe und nur noch Holz zuschneide, sagt der Königsbrücker Sägerei-Besitzer Johannes Lindner. Aber: "Ich als kleines Ein-Mann-Säge-Werk darf keine CE-Plakette auf das Holz kleben. Dafür bräuchte ich eine Zertifizierung. Ohne die nehmen mir die Architekten das Holz aber nicht ab", fährt er fort.

Sven Krause spricht in diesem Zusammenhang von der "Arroganz der Großsäger". Deren Folge: Die Regale in den Lagern der hiesigen Zulieferer lichten sich, die Handwerker sind frustriert, weil Lieferengpässe und ständig steigende Preise ihren Arbeitsaufwand enorm erhöhen. Zur Verdeutlichung: Gab es im Februar für Bauholz noch Lieferfristen von zwei Wochen, dauert die Lieferung derzeit zwischen sechs und zehn Wochen. Während der Preis für eine Dachlatte jahrelang relativ stabil bei etwa 75 Cent lag, zahlen Abnehmer inzwischen teilweise mehr als zwei Euro - Tendenz steigend.

Beim Baustoffzulieferer Wöhlk in Bautzen lichten sich die Regale. Das Bauholz, das hier noch zu sehen ist, ist schon längst reserviert.
Beim Baustoffzulieferer Wöhlk in Bautzen lichten sich die Regale. Das Bauholz, das hier noch zu sehen ist, ist schon längst reserviert. © Steffen Unger

Clemens Heber, einer der beiden Inhaber des Traditions-Unternehmens Holzbau Heber in Kirschau, findet für die Konsequenzen dieser Entwicklung klare Worte: "Wir Handwerker sind die Prügelknaben." Er meint: Weder Lieferfristen noch Preisangebote seien während der gegenwärtigen Lage zu halten. Während Baustoff-Zulieferer wie Wöhlk selbst dann noch ausreichend Abnehmer finden, wenn weder Termine noch Kosten eingehalten werden können, muss Heber als jener, der das gelieferte Material verbaut, seine Zwänge ständig neu erklären. "Den Text kann ich inzwischen auswendig", sagt er.

Organisatorischer Aufwand hat sich verdoppelt

Dieses Dilemma kennt auch der Räckelwitzer Holzbauer und Zimmerer Enrico Pötschke. Er hat die ganze Bandbreite der Reaktionen bei seinen Kunden erlebt: Von der Auftragsabsage bis hin zum Verständnis. Natürlich, fährt er fort, versuche er, sich auf die Situation einzustellen - rechtzeitig mit den Kunden Kontakt aufzunehmen, schnell alle Details zu klären und lange im Voraus das Material zu bestellen. Aber durch ständige Verzögerungen und Kostensteigerungen sei das kraftaufwendig: "Der organisatorische Aufwand hat sich locker verdoppelt", sagt er. Und selbst, wenn er an alles gedacht habe, sei es am Ende manchmal die Tube des ebenfalls raren Dachklebers, die fehle: "Dann stehst du da mit einem halboffenen, nicht sturmsicheren Dach", sagt er.

Was alle drei Männer beschreiben, bringt Christian Heber, Seniorchef des gleichnamigen Holzbau-Unternehmens, auf den Punkt: "Dass der Staat nicht eingreift, regt mich auf. Die Globalisierung macht uns kaputt." Dabei zielt er noch nicht einmal unbedingt auf die Beschränkung von Exporten, die Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD) ohnehin bereits vor eine Woche abgelehnt hatte. Er denkt auch an die Einführung sogenannter Stoffpreisgleitklauseln. Diese Art der nachträglichen Kostenanpassung gibt es im öffentlichen Vergaberecht bislang nicht. Das heißt, wenn die Baustoffpreise in der Zeit zwischen Angebotsabgabe und Bau wesentlich steigen, bleibt der Dienstleister auf den Kosten sitzen.

Sachsens Wirtschaftsministerium will handeln

Hier scheint das Sächsische Wirtschaftsministerium zu handeln. Man stehe dazu mit dem Sächsischen Finanzministerium in Kontakt, teilt ein Sprecher mit: "In einem Schreiben an Staatsminister Vorjohann hat Staatsminister Dulig darum gebeten, bei anstehenden Vergaben von Bauaufträgen die Möglichkeiten der Aufnahme von Stoffpreisgleitklauseln in die Vergabeunterlagen zu prüfen. Des Weiteren hat er darum gebeten, auch den Auftragnehmern bei laufenden Bauaufträgen des Freistaates Sachsen soweit wie möglich entgegenzukommen."

Für die Bauunternehmen wäre das ein erster Schritt. Denn trotz aller Schwierigkeiten ist die Situation noch rosig: Wer jetzt einen Bauantrag gestellt habe, werde auch bauen, schätzt Sven Krause ein. Und dennoch, denkt er laut weiter, könnte sich aufgrund der Materialengpässe bereits im Sommer dieses Jahres ein großer Bedarf an Kurzarbeit im Handwerk einstellen. Und der könnte sich noch verschärfen, wenn private Bauherren aufgrund der Materialprobleme ihre Bauvorhaben ab kommendem Jahr verzögern.

Weiterführende Artikel

Freitaler Betrieb meistert Corona-Krise

Freitaler Betrieb meistert Corona-Krise

Die Maler GmbH aus Freital ist einer der besten Ausbildungsbetriebe in der Region. Herrenjahre sind das für Lehrlinge dort trotzdem nicht.

Neue Häuser an Freitals Stadtrand

Neue Häuser an Freitals Stadtrand

In Saalhausen entstehen anstelle eines alten Bauernhofes mehrere Doppelhäuser. Die Nachfrage ist groß, doch es gibt ein Problem.

Was ist heute im Landkreis Bautzen wichtig? Das erfahren sie täglich mit unserem kostenlosen Newsletter. Jetzt anmelden.

Mehr Nachrichten aus Bautzen lesen Sie hier.

Mehr Nachrichten aus Bischofswerda lesen Sie hier.

Mehr Nachrichten aus Kamenz lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Bautzen