merken
PLUS Bautzen

Königswartha verkauft seine Plattenbauten

Weil die Gemeinde das Wohngebiet nicht mehr in Schuss halten kann, wird es jetzt privatisiert. Der Bürgermeister hält das für die beste Lösung - trotz Risiken.

Plattenbaublöcke in Königswartha sollen jetzt  privatisiert werden. Bürgermeister Swen Nowotny hält den Schritt für unabdingbar. Der Gemeinderat hat dem Verkauf zugestimmt.
Plattenbaublöcke in Königswartha sollen jetzt privatisiert werden. Bürgermeister Swen Nowotny hält den Schritt für unabdingbar. Der Gemeinderat hat dem Verkauf zugestimmt. © SZ/Uwe Soeder

Königswartha. Es gibt sie, die hübschen Ecken in Königswarthas Plattenbaugebiet: Unter einem Balkon fühlt sich eine Horde Spatzen zwischen Astern in Gelb und Lila sichtlich wohl. Direkt daneben haben Anwohner eine kleine Sitzgruppe auf dem Rasen aufgestellt. Wäsche flattert im Wind.

Die Idylle kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass hier Vieles zu tun ist: Wo früher einmal Spielplätze gewesen sein mögen, sieht man nur noch schmutzige Sandflächen. Die Fassaden wirken fleckig. Ein Drittel der Wohnungen ist unbewohnt. Vor allem die oberen Stockwerke sind vom Leerstand betroffen. Seit 2019 wurde in die Plattenbauten, die 549 Wohnungen fassen, nicht mehr investiert. "Attraktivierungsversuche blieben seit mehreren Jahren ohne sichtbaren Erfolg", teilte Königswarthas Bürgermeister Swen Nowotny (CDU) seinen Gemeinderäten auf der Sitzung am vergangenen Donnerstag mit.

Bauen und Wohnen
Wohnen Sie noch oder bauen Sie schon?
Wohnen Sie noch oder bauen Sie schon?

Hier finden Sie alles, was Sie fürs Sanieren, Renovieren oder Bauen Ihrer eigenen vier Wände brauchen.

Der Grund: Die Wohnbau Königswartha GmbH, eine Tochterfirma der Gemeinde, kann sich derlei Investitionen nicht mehr leisten. Höchstens bis zum Ende dieses Jahres sei das Unternehmen noch zahlungsfähig, führte Steuerfachmann Andreas Schell aus. Danach droht die Insolvenz. Aber er skizzierte auch einen Ausweg aus der Misere: "Der Fortbestand der Gesellschaft ist nur unter der Bedingung des Verkaufs aller Geschäftsanteile und aller Immobilien zu sichern, darüber hinaus unter teilweisem Forderungsverzicht der Gläubigerbank."

Mit Abriss gegen die Zahlungsnot

1995 wurde die Wohnbau Königswartha GmbH gegründet, übernahm damals schon Schulden, ließ rund 160 Wohnungen abreißen. Aber auch das nützte nichts. Bereits 2004 kam das Unternehmen erstmals in finanzielle Schwierigkeiten. 2010 wurden weitere 160 Wohnungen abgerissen. 2018 schließlich sprachen sich sowohl die Deutsche Kreditbank als auch der Gemeinderat für einen Verkauf aus. Bis zum Ablauf der Angebotsfrist fand sich kein Interessent. Erst danach meldeten sich zwei potenzielle Käufer, darunter die Immobilienconsulting Jena (ICJ).

Deren Geschäftsführer Jochen Voigt hat sich auf die Rettung von in Not geratenen Immobilien spezialisiert; hat etwa in Dessau-Roßlau, Gera oder Hainichen Plattenbaugebiete erworben und derzeit rund 10.000 Wohnungen im Bestand. Die Immobilien in Königswartha, sagt er, seien in einer besonderen Situation. Es sei "eine große Herausforderung, sie wieder in sicheres Fahrwasser zu bringen". Gelingen soll ihm und seinem Unternehmen das durch Investitionen in die Gebäude, aber auch durch Service.

"Wir wollen modernen, bezahlbaren Wohnraum schaffen, für die Mieter ansprechbar sein und den Lehrstand sukzessive abschaffen", verspricht Voigt. Zuzug aus dem Umland soll helfen. Außerdem hat Voigt einige Visionen, die er bislang von der Nachfrage abhängig macht: "Vermutlich muss man nochmal einen weiteren Block zurückbauen", sagt er. Auch ein Mehrgenerationenprojekt könne er sich vorstellen.

Einen Kaufpreis von 2,75 Millionen Euro ist das Vorhaben der ICJ wert. Das Geld würde die Gemeinde zur Tilgung des Darlehens einsetzen. Das beträgt rund 3,6 Millionen Euro. "Auf den Rest würde die Gläubigerbank verzichten", so Swen Nowotny. Er hält den Verkauf an die ICJ für den richtigen Weg. "Ein weiteres Dahinwurschteln", so der Bürgermeister, können sich die Gemeinde und das Unternehmen nicht mehr leisten. Zwar hafte die Gemeinde nicht für die Schulden der Wohnbau Königswartha, aber: "Eine Entwicklung des Wohnungsstandortes ist wichtig. Es muss jetzt die Entscheidung über den Verkauf getroffen werden." Natürlich sei das ein Riskio, das hätten die Erfahrungen aus anderen Kommunen gezeigt. Aber die Gemeinde stünde schon lange mit der ICJ in Kontakt. "Wir haben ein gutes Gefühl - und durch entsprechende Verträge versucht, das Risiko gering zu halten", versichert Nowotny.

Kritische Stimmen aus dem Gemeinderat

Mache Gemeinderäte sahen das am Donnerstagabend anders. Manch einer unterstellte der Firma Misswirtschaft und äußerte Bedauern darüber, dass ein so wertvolles Vermögen veräußert werden müsse, weil man selbst nicht imstande sei, es zu entwickeln. Auch die Frage danach, ob den Mietern nicht die Wohnungen zum Kauf angeboten werden könnten, wurde laut. All diese Einwände konnte der Bürgermeister zwar nachvollziehen, teilen wollte er sie aber nicht: "Wir sind nicht in der Lage, das Niveau zu erreichen, das wir unseren Bürgern schuldig sind", sagte er.

Nach der Wende, als im Wohnbaugebiet noch viele Arbeiter aus umliegenden Industriebetrieben gewohnt hätten, sei man zu euphorisch gewesen; hätte zu viel investiert, um den Weststandard herzustellen. Das räche sich jetzt: "20 Jahre nachher ist man immer schlauer."

Am Ende folgte der Gemeinderat mit großer Mehrheit den Vorschlägen des Bürgermeisters: Mit nur einer Gegenstimme stimmte er für den Verkauf und die Liquidation der Wohnbau-Gesellschaft. Wenn die Kommunalaufsicht dem Vorhaben zustimmt, kann der Kauf voraussichtlich zum Beginn des kommenden Jahres besiegelt werden.

Mit dem kostenlosen Newsletter „Bautzen kompakt“ starten Sie immer gut informiert in den Tag. Hier können Sie sich anmelden.

Zum kostenlosen Newsletter „Kamenz kompakt“ geht es hier.

Mehr Nachrichten aus Bautzen lesen Sie hier.

Mehr Nachrichten aus Bischofswerda lesen Sie hier.

Mehr Nachrichten aus Kamenz lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Bautzen